Die Dimensionen der Freiheit im Islam: Einführung (Teil I)

Anmerkung zur Kategorie

Dieser Beitrag ist Teil der Academia-Seite „Islamic Modernist Discourse“, die von Bassam Zawadi geführt wird. Er ist nicht Autor dieses Beitrags. Der Autor des Beitrags ist Dr. Ṣulṭān al-‘Umayrī, und er ist ein Auszug aus dessen Buch „Faḍā’āt al-Ḥurrīyyah“ (S. 11-26) und ist in drei Teile unterteilt. Hier geht es zu Teil II und zu Teil III. Offensichtlich handelt es sich um ein arabischsprachiges Buch, doch auf Bruder Bassams Seite liegen englische Übersetzungen der Buchauszüge vor. Diese haben wir genommen und übersetzt, d. h. es handelt sich nicht um eine direkte Übersetzung vom Arabischen ins Deutsche. Das ist deshalb wichtig zu erwähnen, da insbesondere eine nicht direkte Übersetzung von einer Sprache in eine andere oft einen großen Unterschied machen und zu schwierigen Missverständnissen führen kann (als wäre das im Übersetzungshandwerk per se nicht ohnehin schon gegeben, siehe „Babel“ von R. F. Kuang). Doch bis auf ein einziges Wort, das uns mehrmals in der englischen Übersetzung aufgestoßen ist (wozu wir in den Fußnoten Stellung nehmen), empfinden wir die Übersetzung als äußerst transparent und, was noch wichtiger ist, zielgenau, inshaAllah. Nichtsdestotrotz: Möge Allah jede Unzulänglichkeit und jeden Fehler vergeben.

Freiheit in modernen Gesellschaften von heute

Das Thema Freiheit hat das Interesse zeitgenössischer Denker geweckt, wie ihre Werke und Literatur zeigen. Das geht weit über den Kreis der Denker hinaus und ist zu einem der Hauptinteressen von Lernenden und Wissenssuchenden geworden.

Die meisten Gelehrten und Denker haben die Freiheit über alle Maßen gelobt, ihre Schönheit gefeiert und ihre Kostbarkeit hervorgehoben. Natürlich ist sie nicht nur einer der wertvollsten Werte, nach denen die Menschheit strebt, sondern auch ein wesentliches, unersetzliches Element, um den Fortbestand des menschlichen Lebens zu sichern.

Al-Ṭāhir b. ‘Āshūr hob die Bedeutung der Freiheit hervor, indem er sagte:

الحرية خاطر عزيز في النفوس البشرية, فبها نماء القوى الإنسانية, من تفكير وقول وعمل, وبها تنطلق المواهب العقلية متسابقة في ميادين الابتكار والتدقيق, فلا يصح أن تسام بقيد إلا قيدا يدفع به عن صاحبه ضر ثابت أو يجلب به نفعه Freiheit ist ein Gedanke von großer Bedeutung, der in der menschlichen Psyche existiert. Sie stärkt die Menschen und beeinflusst ihre Denkweise, ihr Sprechen und ihr Handeln. Sie treibt den Intellekt an, sich zu messen und innovative und kreative Ergebnisse hervorzubringen. Aus diesen Gründen sollte sie niemals eingeschränkt werden, es sei denn, eine solche Einschränkung würde Schaden abwenden oder einen Nutzen bringen.

Uṣūl an-Niẓām al-Ijtimā’ī fī al-Islām, S. 162.

Muḥammad Al-Ghazālī glaubt, dass…

الحرية صدى الفطرة ومعنى الحياة, يشب المرء من نعومته وهو يحس بأن كل ذرة من كيانه تنشدها وتهفو إليها, وكما خلقت العين للبصر والأذن للسمع, وكما خلق لكل جارحة أو حاسة وظيفتها التي تعتبر إمدادا لوجودها واعترافا بعملها .. كذلك خلق الإنسان ليعز لا ليذل وليكرم لا ليهون وليفكر بعقله ويهوى بقلبه يسعى بقدمه ويكدح بيده .. ولا يشعر وهو يباشر ذلك كله بسلطان أعلى يتحكم في حركاته وسكناته إلا الله الفرد الصمد ربه ورب الناس أجمعين Freiheit die angeborene Natur des Menschen und den wahren Sinn des Lebens widerspiegelt. Von klein auf spürt jeder Mensch, dass sich jedes Atom in seinem Körper nach Freiheit sehnt und sie unentwegt begehrt. So wie die Erschaffung jedes menschlichen Organs dazu gedacht ist, eine bestimmte Funktion zu erfüllen – die Augen, um zu sehen, die Ohren, um zu hören, usw. -, so hat auch jedes Glied und jeder Sinn [Wahrnehmung] eine bestimmte Funktion zu erfüllen, die als Erweiterung seiner Existenz und als Anerkennung seiner Funktion gedacht ist. Ebenso hat [Allah] den Menschen erschaffen, damit er gepriesen und nicht verachtet und geehrt und nicht gedemütigt wird. Menschen wurden erschaffen, um mit ihrem Verstand zu denken, mit ihren Herzen zu lieben und sich mit ihren Gliedern anzustrengen [zu bemühen]. Die einzige höhere Macht und Autorität, die der Mensch spüren kann, die seine Bewegungen und sein Stillhalten bei all dem kontrolliert, ist Allah, der Einzige, der Absolute, sein Herr und der Herr aller Welten.

Al-Islām wal-Istibdād as-Sīyāsī, S. 72.

Die Ansicht Ibn Bādīs ist ähnlich, denn er sagt:

فحق كل إنسان في الحرية كحقه في الحياة, ومقدار ما عنده من حياة هو مقدار ما عنده من حرية, والمعتدي عليه في شيء من حريته كالمعتدي عليه في شيء من حياته Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit, genauso wie er das Recht auf Leben hat. So viel [Recht auf] Leben ein Mensch hat, so viel [Recht auf] Freiheit genießt er. Aus diesem Grund ist die Verletzung der Freiheit eines Menschen in Wirklichkeit eine Verletzung seines Lebens.

Zitiert nach: Burhān Ghalyūn und Muḥammad Salīm Al-‚Awwa, an-Niẓām as-Sīyāsī fī al-Islām, S. 130.

Muḥammad Aḥmad Al-Rāshid begreift Freiheit als…

أثمن ما يملكه إنسان, فيجدر بالمسلم أن يعشقها عشقا, ويهيم بها غراما, ويلقنها لغيره, ليظاهروه في تحصيلها وإدامتها, كما أن الحرية هي البيئة التي تنفجر فيها كل الأخلاق الإيجابية, والقدرات الإنتاجية, وإذا أراد المسلم توفير المصالح للأمة وتطويرها ودفعها في مدارج الارتقاء, فإن الحرية تختصر له الطريق das Wertvollste, was ein Mensch besitzen kann. Deshalb sollte ein Muslim sie innig lieben, sie leidenschaftlich verehren und andere davon überzeugen, damit sie ihm helfen, sie zu erhalten und zu bewahren. Die Freiheit ist das Umfeld, in dem alle positiven ethischen und produktiven Fähigkeiten ausbrechen. Wenn ein Muslim also den Interessen seiner Nation dienen und zu ihrem Wohlstand und Fortschritt beitragen möchte, wird ihm die Freiheit Zeit und Mühe ersparen.

Aḥmad Muḥammad Al-Rāshid, Uṣūl al-Iftā‘ wal-Ijtihād al-Taṭbīqī; zitiert nach: Muḥammad Abdul Fattāḥ Al-Khaṭīb, Hurrīyyat ar-Ra’ī fī al-Islām, S. 50.

Muḥammad Ḥussain Al-Khaḍr betrachtet Freiheit als…

هي الإطار الذهبي الذي يبدو فيه الإنسان وهو يرفرف في أُفُقه الإنساني الرفيع, متميزا به على سواه من المخلوقات ..لقد منح عقلا وتفكيرا وإرادة, وفتحت له أبواب الاختيار والتمييز بمقتضى هذا العقل وتلك الإرادة, لا سلطان عليه, ولا رعديد يقف بالمطرقة بين يديه … إن الله قد جعله سيد هذا الوجود, وجعل الكون كله مسخرا لخدمته, وجعل المخلوقات جميعا تطأطئ رأسها لهامته, إن هذه الحرية التي وهبها الله لبني الإنسان منذ أن يطأو بأقدامهم هذه الأرض شيء نفيس وهبة غالية … لا ينبغي التفريط فيها لأي متسلط den goldene Rahmen, der die Menschen umgibt und in dem sie in einem erhabenen humanistischen Horizont schweben, der sie von allen anderen geschaffenen Wesen unterscheidet. Den Menschen wurde Verstand, Denkfähigkeit und freier Wille gewährt, wodurch sie die Türen der Wahl und Unterscheidung öffnen können – ohne irgendeinem Zwang oder Drohungen ausgesetzt zu sein. Allah hat die Menschen zu den Meistern des Universums gemacht, also hat Er ihnen das Universum zur Verfügung gestellt und alle Lebewesen dazu gebracht, sich ihrer Macht zu unterwerfen. Dass sie von ihrem Schöpfer mit dieser Freiheit ausgestattet wurden, seit sie einen Fuß auf diese Erde gesetzt haben, macht sie zu einem unschätzbaren Geschenk, das niemals gefährdet oder einem Alleinherrscher überlassen werden sollte.

Al-Islām wa-Ḥuqūq al-Insān, S. 21.

Nach Aḥmad Bahjat ist Freiheit…

نسيج أصيل وقديم في الكون, وهي بجميع درجاتها وألوانها من أجمل ما منحه الله للإنسان بعد العقل, والحرية شيء متصل بالروح والعقل وغيابها عن الإنسان يحمل معنيين : الاعتداء على منحة الله, وموت الإنسان معنويا, وانحداره من رتبة الإنسانية بشرفها إلى رتبة الدواب المسخرة التي تقاد من أعناق بالجبال ein authentisches und uraltes Gewebe im Universum. Sie ist eines der reizvollsten Geschenke Allahs an den Menschen und ist mit all ihren Ebenen und Schattierungen nichts nachstehend außer dem Intellekt und der Vernunft. Die Freiheit ist mit der Seele und dem Verstand verbunden und ihr Fehlen bedeutet eine Übertretung der Gabe Allahs, den symbolischen Tod des Menschen und seinen Abstieg vom ehrenvollen Rang der Menschheit in den Rang von Tieren, die in den Bergen am Hals gefesselt sind [getrieben werden].

Zitiert nach: Aḥmad Rashād Tāḥūn, Ḥurrīyyat al-‚Aqīdah fī ash-Sharī’ah Al-Islāmīyyah, S. 52.

Freiheit ist nach Ansicht vieler Denker der erste Schritt zu Wohlstand und Fortschritt, die Grundlage von Zivilisation und Wiedererwachen [Renaissance] und entscheidend für die Entwicklung. In diesem Sinne glauben viele Denker, dass die Einschränkung der Freiheit zur Rückständigkeit der islamischen Welt beigetragen hat, während andere Denker sie als Eckpfeiler des intellektuellen Denkens in der islamischen Welt betrachten.

Interessanterweise waren sich die arabischen Denker trotz ihrer methodischen und ideologischen Unterschiede bei keinem Thema so einig wie bei der Bedeutung der Freiheit und der Notwendigkeit, für sie einzutreten.1

Es gibt eine Fülle von muslimischen Schriften, die sich mit dem Thema Freiheit befassen und Hunderte von Forschungsarbeiten, Studien, Artikeln, Reden, Vorträgen und Seminaren zum Thema Freiheit präsentieren.

Die Frage nach der Freiheit in all ihren Bestandteilen ist in der islamischen und arabischen Welt sehr präsent. Diese starke Präsenz ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen, vor allem auf den Kontakt mit der westlichen Zivilisation. Andere Faktoren sind die Tyrannei, die Unterdrückung und die Rückständigkeit, in der die arabische Welt seit Jahrhunderten gelebt hat.

Die Eskalation verschiedener Ereignisse in verschiedenen Teilen der Welt, wie der Fall von Salman Rushdie im Westen, Maḥmūd Muḥammad Ṭaha im Sudan, Nāṣer Ḥāmid Abū Zaid in Ägypten und Abdul Raḥmān Abdul Manān in Afghanistan, hat die Forschung zum Thema Freiheit angeregt. Auch der Arabische Frühling hat das Interesse an der Freiheit nachhaltig geschürt und die Debatten darüber angeheizt. Das Thema Freiheit ist nach dem Erfolg der Islamisten2 bei der Übernahme der politischen Herrschaft noch intensiver und deutlicher geworden.

Zeitgenössischer problematischer Ansatz zur Diskussion über Freiheit

Trotz der weiten Verbreitung des Themas Freiheit in den Diskussionen von Denkern und Intellektuellen und ungeachtet der großen Bedeutung der Freiheit für die Menschen und das islamische Denken wurden das Thema und seine Bestandteile falsch gehandhabt. Die problematische Herangehensweise an die Diskussion über Freiheit hat zu chaotischen Ergebnissen und undefinierten Wahrnehmungen geführt. Diese ungeordnete Struktur und die fehlende Übereinstimmung mit soliden Forschungsmethoden haben das Bild der Freiheit in den Augen der Jugendlichen, die ein großes Interesse daran haben, etwas über Freiheit zu lernen, falsch dargestellt. Der Zustand der Verwirrung schüchterte ihre Wahrnehmung von Freiheit ein und hinderte sie daran, sie weiter zu ergründen.

Dieser Zustand der Verwirrung kann anhand der folgenden Indikatoren festgestellt werden:

  1. Es gibt eine offensichtliche Verwechslung zwischen den verschiedenen Arten von Freiheit. So gibt es zum Beispiel Denker, die von politischer Freiheit sprechen und dann unverhofft auf den freien Willen zu sprechen kommen. Dann entwickeln sie ihre Vorstellung von geistiger Freiheit, um sie dann auf die persönliche Autonomie anzuwenden. Das ist auch bei einigen Forschern zu beobachten, die das Konzept der Freiheit nach der Mu’tazila verwenden, um ihre Argumente zu untermauern, während sie die Geschichte der Gedanken-, Meinungs- und Ausdrucksfreiheit diskutieren. Diese Verwechslung ist offensichtlich, denn das Konzept der Freiheit nach der Mu’tazila hat nichts mit Gedanken- und Meinungsfreiheit zu tun, sondern bezieht sich vielmehr auf die Frage des Schicksals. In ähnlicher Weise zitieren Forscher oft die berühmte Aussage von ‘Umar bin Al-Khaṭāb, „Wann habt ihr die Menschen versklavt, die von ihren Müttern frei geboren wurden“, um ihr Argument zu untermauern, wenn es um die Religions- und Gedankenfreiheit geht. Sie reißen diese Aussage aus ihrem Kontext, in dem es mehr oder weniger darum geht, die Unterdrückung der Rechte anderer zu verurteilen und sie mit der Kraft der Autorität zu unterwerfen. Abgesehen davon würde ein umsichtiger Forscher, der nach einer disziplinierten und präzisen Ideologie sucht, den fürchterlichen Prozess des falschen Zitierens bemerken.
  2. Die mangelnde Übereinstimmung mit den Grundsätzen und Methoden, die in der Religion verwendet werden, um Urteile zu fällen und Schlussfolgerungen abzuleiten, hat zu falsch unterrichteten Ergebnissen geführt. Es wird oft festgestellt, dass die Befürworter der Freiheit sich darauf konzentrieren, so viele heilige Texte wie möglich einzubeziehen, um ihre Argumente zu untermauern, und dabei die für die Auslegung heiliger Texte erforderlichen Verfahren übersehen. Es ist zu einem Trend geworden, zu denken, dass mehr Zitate aus dem Qur’ān und der Sunna die Argumente schon stärker und tiefgründiger machen. Dieser Wettstreit des Zitierens hat gegen die Prinzipien der Schlussfolgerung verstoßen und zahlreiche Berichte mit seltsamen Schlussfolgerungen hervorgebracht. Falsches Zitieren, das Herausreißen von Zitaten aus dem Kontext oder das Nehmen von Texten für bare Münze ist in der Arbeit einiger Forscher, die für Freiheit eintreten, offensichtlich. Eine ausführliche Darstellung dieser Problematik wird in dieser Studie in einem eigenen Abschnitt erfolgen.
  3. Die selektive Verwendung von Zitaten ist ein weiteres Problem, das die Glaubwürdigkeit von Forschungsarbeiten gefährdet. Diese Methode informiert die Leser nicht nur falsch, sondern beleidigt auch ihre Intelligenz. Sie beruht auf der Illusion, dass alle Textbelege die Argumente des Autors bestätigen, während in Wirklichkeit viele gegenteilige Textbelege übergangen werden. Diese Methode lässt die Leser oft verwirrt und mit Zweifeln zurück, sobald sie von den übersehenen Beweisen erfahren. In dieser Studie werden viele Beispiele für diesen Sachverhalt angeführt.
  4. Die Verwendung von Quellen, denen es an Glaubwürdigkeit mangelt, macht es noch schlimmer, wenn einige Forscher ihre Argumente auf Quellen stützen, die weder zuverlässig noch glaubwürdig sind. Einige von ihnen greifen beispielsweise auf historische Erzählungen zurück, um ihre eigenen Wahrnehmungen und Ansichten über Freiheit zu entwickeln, während andere die westliche Ideologie und Kultur als Kriterium für die Bewertung der Gültigkeit von Ansichten heranziehen. Die Akzeptanz solcher unzuverlässigen Quellen hat sich negativ auf die Struktur der Freiheitsforschung ausgewirkt.
  5. Einige Forscher verwenden gerne einen emotionalen Ton, wenn sie das Thema Freiheit diskutieren (d. h. sie verwenden emotionale Leitsprüche), die in der Regel eine übertriebene Form der Realität darstellen und an die Gefühle der Menschen statt an ihren Verstand appellieren. Dieser sensationslüsterne Ansatz beinhaltet verschiedene Taktiken, um die Ansichten und Meinungen anderer zu beeinflussen, und konzentriert sich darauf, die Zahl der Anhänger zu erhöhen, anstatt eine solide Argumentation auf der Grundlage eines tiefgreifenden Verständnisses aufzubauen.

Die Bedeutung der Freiheit

Die Erforschung der Freiheit ist aus verschiedenen Gründen zu einem der dringlichsten Bedürfnisse unserer Zeit geworden, zum Beispiel:

  1. Freiheit ist eines der wichtigsten Grundrechte des Menschen. Sie ist ein geschätztes Bedürfnis und eine starke Notwendigkeit, ohne die kein Mensch leben kann. Sie wird immer als Priorität angestrebt und niemals als Luxus angesehen.

    In Anbetracht ihrer Bedeutung müssen wir die unterschiedlichen Auffassungen von Freiheit mit der gebotenen Sorgfalt untersuchen und eine klare und strukturierte Vorstellung von ihr entwickeln. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Freiheit im Kontext des islamischen Rechts zu untersuchen, denn es wird erwartet, dass es [das islamische Recht] eine detaillierte Darstellung mit einer perfekt strukturierten Begründung liefert. Denn der Islam kann die Freiheit nicht übergehen, während er dafür bekannt ist, sich mit weniger wichtigen Themen zu befassen.
  2. Freiheit ist weltweit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und zum Thema der Medien geworden. Sie ist ein zentrales Thema für alle und sowohl für Laien als auch für Gelehrte von Interesse.

    Lange Zeit haben westliche Befürworter, seien es Regierungen oder Organisationen, das Thema Freiheit am lautesten vertreten, was die Vorherrschaft ihrer Sichtweise von Freiheit weltweit erklärt. Diese Dominanz gab ihnen das Privileg, die Leitlinien und die Richtung der Freiheit in der Welt festzulegen. Natürlich wurden auch die Denkweise und die Arbeit muslimischer Forscher und Denker von ihnen beeinflusst, dies zu dem Ausmaß, dass es normal ist, dass viele von ihnen die Freiheit durch die Brille der westlichen Kultur und des westlichen Denkens betrachten. Das hat dazu geführt, dass die islamische Auffassung von Freiheit aus dem Blickfeld geraten ist und viele der Ansichten von Islamisten3 über Freiheit fragwürdig und berüchtigt geworden sind.
  3. Viele junge Lernende sind dem Thema Freiheit gegenüber skeptisch geworden und stellen viele Fragen dazu und suchen nach Antworten. Heutzutage akzeptieren die Jugendlichen keine emotionalen Antworten mehr und glauben nicht mehr an halbgare Lösungen und überzogene Verallgemeinerungen. Ihr Intellekt ist weit genug fortgeschritten, um jede Ansicht und Idee zu hinterfragen, und sie würden nicht zögern, „Stegreifansichten“ [d. h. spontane/improvisierte Ansichten] zu verwerfen.

    Heute sind wir mit so vielen kritischen Fragen zum Thema Freiheit konfrontiert. Die Vereinfachung von Ideen und verkürzte Schlussfolgerungen reichen nicht mehr aus, um Überzeugung zu schaffen. Ebenso sind vereinfachte emotionale Texte für die Jugend nicht mehr ansprechend. Deshalb sollten seriöse Forscher eine ehrliche Arbeit zum Thema Freiheit verfassen und sich ausführlich mit allen Problemen und Fragen auseinandersetzen, um religiöse und intellektuelle, evidenzbasierte Antworten zu geben.
  4. Freiheit ist seit jeher eines der verzwicktesten Themen, mit denen Feinde der Muslime den Islam angreifen. Die zunehmende Zahl antiislamischer Werke, die sich mit der Freiheit beschäftigen, dreht sich um vier Themen: Sklaverei, Dschihad, Bestrafung für Apostasie sowie Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Aus diesem Grund haben sie viele Kritiken hervorgebracht und viele Einwände angehäuft, die schließlich eine beträchtliche Anzahl muslimischer Jugendlicher beeinflussten, die diese Einwände und Zweifel schließlich entweder akzeptierten oder in Verwirrung stürzten. Daher sollten Forscher versuchen, ihre Pflicht zu erfüllen und konstruktive Antworten zu geben und die Wahrnehmung des Islam und seiner Gesetze zur Freiheit zu verteidigen.

Ziel der Forschung

Das Thema Freiheit ist zu umfangreich, um es in einer einzigen Studie zu behandeln. Daher wird sich diese Studie darauf konzentrieren, das Konzept und die Philosophie der Freiheit im Islam vorzustellen und die Richtlinien und allgemeinen Regelungen zu erläutern, nach denen Freiheit im Islam definiert wird. In diesem Buch werden jedoch auch einige kritische Themen angesprochen, die bei der Diskussion des Themas Freiheit oft zur Sprache kommen, wie z. B. Sklaverei, offensiver Dschihad, die Bestrafung von Apostasie und die Meinungsfreiheit. Es gibt weitere, ebenso wichtige Themen, die nicht im Detail, sondern nur allgemein behandelt werden, wie die Freiheit der Frau, die Freiheit von Andersgläubigen, die Freiheit islamischer Sekten, die gegen religiös festgelegte Normen und Regeln verstoßen, sowie soziale und wirtschaftliche Fragen der Freiheit.

Forschung: Zwischen Theorie und Praxis

Es sei darauf hingewiesen, dass es bei dieser Forschungsarbeit nicht in erster Linie darum geht, Urteile zu fällen, um die Regelungen in die Praxis umzusetzen, und auch nicht dazu aufzurufen, Urteile zu vollstrecken, ohne die Bedingungen für den Umsetzungsprozess zu berücksichtigen. Die Aussage, dass der offensive Dschihad im Islam legitim ist, ist beispielsweise kein offener Aufruf an alle muslimischen Gruppen, ihn auf eigene Faust und ohne Berücksichtigung der aktuellen Umstände und der Realität zu praktizieren. Ebenso bedeutet die Aussage, dass die Bestrafung des Glaubensabfalls im Islam obligatorisch ist, nicht, dass jeder diese Bestrafung auf eigene Faust anwenden kann. Es gibt viele Bedingungen und Einschränkungen, die beachtet werden müssen, und die aktuellen lokalen und globalen Umstände sollten berücksichtigt werden, um den besten Interessen der islamischen Dawa zu dienen. Die einzige Autorität, die all das bestimmen kann, sind erfahrene Gelehrte, deren Gelehrsamkeit in Religion, Weltpolitik und Realität anerkannt ist.

Diese Forschungsarbeit soll keine Urteile fällen, sondern lediglich die wahre Position des Islam zum Thema Freiheit darstellen und einen theoretischen Rahmen entwickeln, der das Thema erklären kann. Keines der Kapitel dieser Arbeit sollte als offene Aufforderung an jemanden verstanden werden, die hier diskutierten Themen umzusetzen, denn der Autor ist kein Mufti, sondern ein Denker und Forscher.

Forschungsmethodik

Ich habe dafür gesorgt, dass ich einer klar definierten Methodik folge, um ausgereifte Ideen, klare Vorstellungen und eine disziplinierte Arbeitsstruktur zu liefern. Im Folgenden sind die wichtigsten Grundsätze und Richtlinien aufgeführt, die ich befolgt habe:

Erstens: Die Sammlung aller relevanten heiligen Textbelege und deren Analyse, um daraus die Bedeutung abzuleiten, ist der Ausgangspunkt dieser Forschungsarbeit. Dann werden diese explizit abgeleiteten Bedeutungen für die Argumentation verwendet. Dieser Prozess folgt nicht der berüchtigten Methode, nach Textbeweisen zu suchen, um eine vorausgesetzte Ansicht zu stützen. Stattdessen werden alle Beweise überprüft und dann eine Ansicht gebildet.

Dieser Mechanismus gewährleistet Disziplin und Klarheit, denn Allah hat den Qurʾān mit beredten Worten der Lobpreisung beschrieben, die ihn zur Hauptquelle machen, auf die man sich in allen religiösen und intellektuellen Angelegenheiten verlassen kann.

Allah beschreibt den Qurʾān als den Wegweiser zu den besten Wegen, wie Er sagt: „Gewiss, dieser Qurʾān leitet zu dem, was richtiger ist, und verkündet den Gläubigen, die rechtschaffene Werke tun, dass es für sie großen Lohn geben wird.“ (Qurʾān 17:9). Das soll heißen, dass er zum besten Weg führt, der frei von Abweichungen ist.

Er beschreibt ihn als gesegnet: „Und dies ist ein Buch, das Wir hinabgesandt haben, ein gesegnetes“ (Qurʾān 6:92). Das soll heißen, dass es eine Quelle reichlichen Wohlwollens ist.

Er beschreibt ihn als ehrenhaft: „Das ist wahrlich ein ehrwürdiger Qurʾān“ (Qurʾān
56:77) Das bedeutet, dass er reichlich Wissen und Segnungen enthält.

Er beschreibt ihn als ruhmvoll: „Qāf. Bei dem ruhmvollen Qurʾān!“ (Qurʾān 50:1) Das soll heißen, dass
er verherrlicht wird und eine Quelle des Segens ist.

Er beschreibt ihn als ein Licht: „Und ebenso haben Wir dir Geist von Unserem Befehl (als Offenbarung) eingegeben. Du wusstest (vorher) weder, was das Buch noch was der Glaube ist; doch haben Wir es zu einem Licht gemacht, mit dem Wir rechtleiten, wen Wir wollen von Unseren Dienern. Und du leitest ja wahrlich zu einem geraden Weg“ (Qurʾān 42:52)

Er beschreibt ihn als einleuchtend: „Alif-Lām-Rā. Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches.“ (Qurʾān 12:1) Das bedeutet, dass er klare Beweise, Erlaubnisse, Verbote, Grenzen und Regeln enthält.

Ein Buch, das Allah, der Erhabene, mit all diesen Eigenschaften beschreibt, muss zweifellos die erste Quelle sein, um den Verstand der Muslime zu nähren, und der würdigste Führer, um ihre Richtung und den Kurs im Wissen festzulegen.

Zweitens: Sicherstellen, dass es eine Vernetzung zwischen dem Prozess der Schlussfolgerung und der Struktur der Argumente gibt. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich das islamische Recht hauptsächlich auf die Aussagen Allahs stützt, um seine [des islamischen Rechts] Urteile zu formulieren, aber das bedeutet nicht, dass die Rolle der Vernunft übersehen oder geleugnet wird. Tatsächlich ist das Element der Vernunft in der islamischen Gesetzgebung sehr präsent und einflussreich, was sich deutlich in den Nutzen und Interessen widerspiegelt, die der Islam in seinen Gesetzen berücksichtigt.

Um eine solide Argumentationsstruktur zu präsentieren, habe ich alle relevanten religiösen Textbelege einbezogen und die Weisheit und den Nutzen dieser Regelungen herausgestellt. Ich habe darauf geachtet, die soziale und religiöse Weisheit und den Nutzen der Freiheitsgesetze im Islam aufzuzeigen.

Drittens: Sicherstellen, dass es eine vollständige Trennung zwischen den maßgeblichen Bezugspunkten gibt. In unserem Zeitalter streiten verschiedene religiöse und philosophische Autoritäten über die Frage der Freiheit, von denen jede ihren eigenen Bezugspunkt und ihre eigenen relevanten Ergebnisse hat. Das zeigt sich auch in dem heftigen Konflikt zwischen der islamischen Denkschule und der westlichen, von Menschen gemachten Denkschule. Ohne eine Unterscheidung dieser verschiedenen maßgeblichen Bezugspunkte und Denkschulen ist es jedoch nicht möglich, reifes Wissen zu erlangen und objektive Meinungen zu vertreten. Auf diese Weise können wir die anerkannte maßgebliche Referenz und Denkschule erkennen und das verwerfen, was ihr widerspricht.

Viertens: Eine klare Unterscheidung treffen zwischen Themen, die miteinander verknüpft oder zum Verwechseln ähnlich sein könnten. Denn der Begriff der Freiheit gilt als eines der komplexen Themen, die viele Themen umfassen, die sich inhaltlich ähneln, aber in ihrer Art und ihren Regeln unterschiedlich sind. Um sicherzustellen, dass wir uns Klarheit über die Bestandteile der Freiheit verschaffen, war es notwendig, zwischen diesen ähnlichen Themen zu unterscheiden. Weitere Beispiele werden wir später in den entsprechenden Kapiteln dieser Forschungsarbeit finden.

Fünftens: Sich auf Ideen statt auf Personen zu konzentrieren und diese Ideen nach den anerkannten Quellen im Islam beurteilen. Diese Forschungsarbeit hegt keinerlei Interesse, eine bestimmte Person zu loben oder zu tadeln. Stattdessen stellt sie Argumente mit Beweisen in Frage, entwickelt Ansichten, die auf fundierten Argumenten basieren, und untersucht und erforscht Gegenideen und -meinungen.

Sechstens: Einen wissenschaftlichen, evidenzbasierten Ansatz nutzen, um die am meisten hervorgehobenen Probleme und Einwände gegen das solide Verständnis von Freiheit anzusprechen. Dieser Aspekt war notwendig, um im Hinterkopf der Leser keinen Raum für Zweifel zu lassen.

Dr. Ṣulṭān al-‚Umayrī
Makkah al-Mukarramah
Umm Al-Qura Universität – Fachbereich Theologie

  1. Siehe: Ibrāhīm Maḥmūd Abdul-Bāqī, Al-Khiṭāb al-’Arabī al-Mu’āṣir, S. 546-553
  2. Anmerkung ITV: Dieses hier ist das besagte Wort, das wir in unserer Anmerkung zur Kategorie andeuteten und im Laufe der Blogpost-Serie einige Male vorkommt. Anfangs dachten wir noch, der Autor meine es sarkastisch, aber aus dem weiteren Textverlauf wird ersichtlich, dass es nicht sarkastisch gemeint sein kann. Grund für unsere Skepsis ist einfach der, dass wir die Bezeichnung „Islamist“ eher als westlichen Kampfbegriff gegen den Islam werten. Der Autor mag sicher seine Gründe haben, weshalb er von „Islamisten“ spricht, oder aber der englische Übersetzer hat hier mit „Islamists“ aus dem Arabischen fehlübersetzt. Wa Allahu alem.
  3. Siehe Fußnote #2

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