Sinans Geschichte: Von Verwüstung zu Seelenruhe (AWBTR, S1F6)

In dieser Folge hat Moderator Waheed seinen guten Freund Sinan mit dabei, um dessen persönliche Geschichte zu erzählen. Es ist eine Reise von einem Ort völliger Dunkelheit und Verwüstung zu einem Ort der Ganzheit und des Friedens. *Triggerwarnung* Die Folge enthält lebhafte Erinnerungen an schwere Depressionen, Todeslust und passive Selbstmordgedanken.

Waheed: Hier ist Waheed Jensen und du hörst gerade „A Way Beyond the Rainbow“ [Ein Weg jenseits des Regenbogens]. Assalamu alaikum wa rahmatullahi ta’ala wabarakatuh und willkommen zur 6. Folge von „A Way Beyond the Rainbow“, der Podcast-Reihe, die Muslimen gewidmet ist, die mit gleichgeschlechtlicher Anziehung [engl. same-sex attraction, kurz: SSA] zu kämpfen haben und ein Leben führen wollen, das im Einklang mit Allah (swt) und dem Islam steht. Ich bin euer Moderator Waheed Jensen. Vielen Dank, dass ihr bei der heutigen Folge mit dabei seid. Die heutige Folge ist eine ganz besondere. Ich habe meinen guten Freund Sinan bei mir, der seine Geschichte mit uns teilen wird. Wir werden inshaAllah [so Gott will] in jeder Staffel dieses Podcasts einen oder zwei Gastredner dabei haben, die ihre persönliche Geschichte mit uns teilen. Das hier ist also die erste Geschichte der ersten Staffel inshaAllah. Ich möchte zu Beginn dieser Folge einen Disclaimer setzen, und das mache ich, nachdem das Interview vorüber ist und ich es bereits bearbeitet habe. [Es folgt] Nur eine Triggerwarnung für Menschen, die vielleicht zuhören und unter psychischen Problemen leiden, insbesondere unter schweren Depressionen, Todeslust oder Selbstmordgedanken. Diese Folge könnte ein Trigger sein. Bitte sorge dafür, dass jemand bei dir ist und du diese Themen mit einem befugten Psychologen besprichst, falls nötig. Die Themen, die wir in dieser Folge ansprechen werden, sind ziemlich heftig, sehr emotional und für manche Menschen sehr triggernd. Bitte sei dir also darüber im Klaren, bevor du weiterhörst inshaAllah. Sinans Stimme wurde in dieser Folge bearbeitet, um seine Anonymität zu wahren und seine Privatsphäre zu schützen.

Waheed: Assalamu’alaikum, Sinan.  

Sinan: Wa alaikumu salam wa rahmatullahi wa barakatuhu, Waheed.  

Waheed: Wie geht es dir?  

Sinan: Mir geht es gut, danke.  

Waheed: Ich freue mich sehr, dass du heute mit dabei bist und deine Geschichte mit den Zuhörern teilst. Ich weiß, dass dies ein großer Schritt ist. Es ist keine leichte Entscheidung. Und ich weiß, dass du dich entschieden hast, verwundbar zu sein [d. h. dich angreifbar zu machen] und mit uns eine Reise von so viel Schmerz zu großem Wachstum und großer Heilung zu teilen, alhamdulillah [Lob sei Gott]. Ich erinnere mich, dass wir vor etwas mehr als anderthalb Jahren anfingen, miteinander zu reden. Ich erinnere mich, dass du damals seit ein paar Monaten, seit fast einem halben Jahr sozusagen eine große Veränderung in deinem Leben durchgemacht hattest. 

Sinan: Ich bezeichne es eher als Wunder.

Waheed: Ein Wunder, ja, alhamdulillah. Du hast das Wort, du kannst anfangen, wie du willst. Ich bin mir sicher, dass sich viele der Zuhörer mit dieser Geschichte identifizieren werden. Ich bin mir sicher, dass viele der Dinge, die du sagen wirst, in vielen Brüdern und Schwestern da draußen, die mit dieser großen Prüfung zu kämpfen haben, nachhallen wird. Wir werden heute also eine Menge Themen behandeln. Ich überlasse dir das Wort, du kannst gerne mit deiner Geschichte beginnen.  

In Richtung Verwüstung

Sinan: Barakallahu feek [Möge Allah dich segnen]. Also, der Grund… Ich möchte nur noch sagen, dass ich das [hier] tue, weil ich wirklich sehr lange in einer sehr schlechten Verfassung war, eigentlich jahrzehntelang. Na ja, das war ich sehr lange, aber jetzt bin ich es nicht mehr, alhamdulillah wa shukrulillah [Lob sei Gott und Dank sei Gott]. Ich befinde mich jetzt tatsächlich in einer viel besseren Verfassung, alhamdulillah. Ich bin in einer Verfassung, von der ich nie gedacht hätte, dass ich sie erreichen würde, alhamdulillah wa shukrulillah. [Und] Ich habe eben zwar gesagt, dass ich in einer viel besseren Verfassung bin, aber wenn ich jetzt nur daran denke, macht mich das sehr traurig und lässt mich erschaudern, denn ich war wirklich jahrzehntelang in einer sehr schlechten Verfassung, zwei Jahrzehnte lang, und zu der Zeit hatte ich schon drei Jahrzehnte lang mit SSA zu kämpfen. Im Grunde waren es Schichten von Dunkelheit, einem Gefühl der Erstickung und Verzweiflung, ein Gefühl völliger Zerstörung, das ich so lange ertragen musste. Und es war ein völliger Mangel an Hoffnung. Ich war völlig am Boden zerstört. Und, weißt du, ich war – subhanAllah [Gepriesen sei Gott] – das überrascht mich wirklich sehr, denn ich wusste ja, dass ich diese Folge aufnehmen würde, also habe ich mir Notizen gemacht, nur um einen Bericht zu haben, der ein wenig durchstrukturiert ist. Und wenn ich mir meine Notizen so ansehe, weiß ich wirklich nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll, denn das ist wirklich immer noch überraschend schwer, subhanAllah. Ich war wirklich so lange in einer sehr schlechten Verfassung. Ich hatte in all den Jahren auch die Fähigkeit zu weinen verloren, und, alhamdulillah, nach der Heilung ist das wiedergekommen. Vielleicht wäre es also einfacher für mich gewesen, diese Folge aufzunehmen, als das noch so war [dass ich nicht weinen konnte], denn ich war wirklich nicht so emotional wie jetzt. Natürlich war es emotional schwer, aber jetzt ist es einfach schwierig.

Waheed: Ich weiß, dass es für dich und viele andere Zuhörer nicht leicht sein wird. Fangen wir also einfach irgendwo an und machen von dort aus weiter. Ich erinnere mich, dass du mir erzählt hast, dass im Alter von 19 oder 20 Jahren einige Dinge in deinem Leben anfingen und es dann schwieriger für dich wurde. Magst du darüber sprechen?

Sinan: Ja, das ergibt Sinn [dass wir so beginnen]. Ich wusste schon seit meiner Kindheit, dass ich SSA habe. Ich glaube, das erste Mal, als ich sozusagen merkte, dass ich anders bin, war mit sechs Jahren oder so. Jedoch waren SSA wirklich kein Thema, bis ich 19 Jahre alt war. Ich hatte schon sehr früh beschlossen, dass ich mich wegen SSA nicht einschränken würde. Ich würde nicht mit SSA zu kämpfen haben, ich wollte nicht mit SSA zu kämpfen haben. SSA war nicht etwas, das mich ausmachen sollte. Obwohl ich also diese starken Neigungen hatte, beschloss ich schon früh – weil ich wusste, dass es falsch war, ihnen nachzugehen –, dass sie nicht mich [als Menschen/meine Person] definieren würden. Aber weil ich das so anging, weil das meine Herangehensweise war, weil ich sie sozusagen so heftig und bedingungslos unter den Teppich kehrte, beherrschten sie dann komplett mein Leben, jahrzehntelang. Und im Nachhinein verstehe ich, dass das schon mit 19 Jahren der Fall war, aber ich habe es damals nicht erkannt. Ich habe immer gesagt, dass SSA kein Problem in meinem Leben seien, weil ich SSA nicht leugne; ich weiß, dass ich SSA habe. Aber ich habe die Auswirkungen geleugnet, indem ich sie unter den Teppich gekehrt hatte. Was also passierte – und das war mir nicht bewusst – war, dass ich bis zu meinem 19. Lebensjahr sozusagen ein perfektes Leben hatte. Ich wuchs in einer sehr religiösen Familie auf, auch in einer sehr kulturell geprägten Familie, und ich war sogar der Religiöseste in der ganzen Familie. Meine Eltern schickten mich schon früh in die lokale Moschee, wodurch ich schon sehr früh eine sehr innige Beziehung zu Allah (swt) aufbauen konnte. Und die habe ich immer noch, alhamdulillah; das war meine Rettung und meine Herausforderung im Laufe der Jahre. Ich wusste also, dass es falsch war, danach zu handeln, aber es [zu haben] fühlte sich nicht falsch an – das möchte ich wirklich betonen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich schuld daran war. Ich wusste, dass ich es mir nicht ausgesucht hatte, aber ich wollte wirklich, dass es verschwindet. Aber das tat es nicht. Und so betete ich während meiner gesamten Jugendzeit. Ich habe gebetet, aber rückblickend verstehe ich, dass man das „Schwulsein“ nicht einfach „wegbeten“ kann, wie es so schön heißt [engl. pray the gay away]. Es kommt von Allah (swt) und das mag verschiedene Gründe haben, ich weiß es nicht, aber wenn man es einmal hat, hat man es [einfach]. Das war meine Herangehensweise… auch, weil es sich ganz natürlich anfühlte. Ich meine, ich weiß, dass der islamische Standpunkt lautet, dass es gegen die menschliche Fitra [natürliche Veranlagung] geht, also sollte es nicht natürlich sein, oder? Aber es fühlte sich natürlich an. Es fühlte sich natürlich an und das tut es immer noch. 

Waheed: Also du sprichst von den Anziehungen [Reizen].

Sinan: Die Anziehungen, genau. Aber ich habe schon früh beschlossen, dass ich nicht will, dass das mein Leben beherrscht. Ich wollte nicht, dass das mein Leben bestimmt und schon gar nicht, dass es meine Beziehung zu Allah (swt) beeinträchtigt. Das ist auch der Grund, warum ich, obwohl ich mich ausschließlich zu Männern hingezogen fühlte, schon sehr früh beschloss, dass ich irgendwann heiraten würde. Ich wusste, dass die Ehe nach islamischer Auffassung die Hälfte der Vervollständigung deines Dins [Religion] ist. Das wollte ich natürlich nicht missen – die Hälfte meines Dins, subhanAllah! Also habe ich während meiner gesamten Jugendzeit versucht, mich darauf vorzubereiten. Außerdem stamme ich aus einer Kultur, in der die Menschen – damals jedenfalls – schon sehr früh verheiratet wurden, also wusste ich, dass es unvermeidlich war, dass auch ich irgendwann heiraten würde. So kam es, dass ich mit 19 Jahren die Highschool abschloss und sozusagen Klassenbester war. Und alles schien gut für mich zu laufen. Ich meine, ich hatte das Gefühl, dass ich kurz davor war, die Welt zu erobern [im Sinne von, dass einem alle Möglichkeiten offenstehen].

Waheed: SubhanAllah

Sinan: In dieser Hinsicht war ich also sehr von mir überzeugt, subhanAllah. Aber ich war auch Allah (swt) sehr dankbar und hatte eine starke Verbindung zu Ihm. Ich hatte einen wirklich guten Ruf innerhalb der Familie. Ich hatte eine Menge Freunde. Ich fühlte mich gemocht und geliebt, und das war wirklich schön, alhamdulillah. Aber plötzlich änderte sich alles. Ich ging zu meiner Ärztin, der Hausärztin, und sie sagte, dass ich vielleicht an Depressionen litt, und das war eine wirklich seltsame Vorstellung. 

Waheed: Und du warst zu der Zeit 20? 

Sinan: Ich war 19. Ich war 19 und hatte gerade erst angefangen, an der Uni zu studieren. Sie sagte, es könnte eine Depression sein, und das war ein wirklich seltsamer Gedanke, und ich sagte: „Nun, das bezweifle ich, denn ich habe wirklich das perfekteste Leben. Ich habe gerade mit der Uni begonnen. Ich studiere meinen Traumstudiengang und in meinem Leben ist alles in Ordnung. Es fehlt mir an nichts. Ich habe alles, was ich brauche. Es ist alles in Ordnung. Es fehlt nichts. Also bezweifle ich das.“ Und dann sagte sie: „Na ja, okay.“ Sie schickte mich zu einem Psychiater und er war sicher, dass es eine Depression war. 

Waheed: Was hast du zu dieser Zeit gefühlt? 

Sinan: Eine große Leere. Einen Mangel an Freude. Es war, als ob sich der Sinn des Lebens plötzlich verflüchtigt hätte. Und es wurde immer schlimmer. In den darauffolgenden Jahren wurde mein Leben von einer großen Dunkelheit eingeholt. Also wurde ich irgendwann ins Krankenhaus eingeliefert. Ich brach die Uni ab. Meine Eltern verstanden nichts. Niemand tat das… meine Freunde [ebenso wenig]. Ich wusste nicht, was es war. Und die Psychiater waren anfangs recht hoffnungsvoll. Sie sagten: „Du hast alles, was du brauchst [alles funktioniert für dich].“ Und sie stellten immer wieder Fragen und sagten: „Also, was ist es? Was ist es? Was ist es? Ich meine, gibt es irgendetwas in deinem Leben, das dir fehlt?“ Und einer von ihnen fragte mich irgendwann, ob ich gleichgeschlechtliche Anziehungen hätte. Und wie ich schon sagte, hatte ich beschlossen, dass gleichgeschlechtliche Anziehung kein Thema in meinem Leben sein würde. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass das der Grund dafür war. Also verneinte ich. Ich leugnete die Auswirkungen davon. Es hatte also keinen Sinn, ihm zu sagen, dass ich gleichgeschlechtliche Anziehungen hatte. Also sagte ich: „Nein, habe ich nicht. Und selbst wenn, wäre das kein Problem, weil es gegen meine Religion verstößt“ usw. Und dann habe ich einfach versucht, damit abzuschließen und die Diskussion zu beenden. Als ich dann mein 22. Lebensjahr erreichte, litt ich schon seit dreieinhalb Jahren an schweren Depressionen. Ich war in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Ich hatte einen großen Wunsch zu sterben. Ich erinnere mich an eine sehr schwierige Nacht. Ich war im Krankenhaus [in dieser einen Nacht]. Das war vor 20 Jahren. Ich wusste einfach nicht, was es war. Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Kopf in Sudschud [Niederwerfung] ging, während ich das Gebet verrichtete. Dann sagte ich zu Ihm:

Ich weiß nicht, was das ist. Ich weiß nicht, warum sich auf einmal alles verändert hat. Ich möchte sterben und Du weißt, dass ich mich nicht selbst töten kann. Also bitte, nimm mein Leben.

Und dann tat Er das nicht. Er tat es nicht. Er tat es [immer noch] nicht. Ich wusste, dass… Ich fürchtete, dass Er das nicht tun, sondern mich nur leiden lassen würde. Also sagte ich es Ihm im Sudschud, ich sagte: „Weißt Du was? Wenn Du willst, dass ich die nächsten 50 Jahre leide, bis ich 70 Jahre alt bin oder so, bevor Du mein Leben und meine Seele nimmst, dann werde ich es für Dich ertragen. Das werde ich.“ Aber es war wirklich schwer. Es war wirklich sehr, sehr schwer. 

Waheed:  Kannst du den Zuhörern beschreiben – wenn du das möchtest – wie es in dieser Zeit war, in deiner Haut zu stecken, wie sich jeder Tag angefühlt hat, was du in deinem Herzen, in deinem Körper und in deinem Kopf erlebt hast? Was war da los? 

Sinan: Nichts. Leere, Dunkelheit, völliger Mangel an Glück und Freude, stundenlanges Anstarren der Wand. In diesen dreieinhalb Jahren verlor ich die Fähigkeit zu weinen. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann einmal bei meinen Eltern war. Ich war gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich war allein mit meinen Geschwistern und ging einfach in eines der Zimmer und weinte. Ich weinte, weinte, weinte. Ich schluchzte und war nicht mehr zu bremsen. Danach habe ich 20 Jahre lang nicht mehr geweint. 

Waheed: SubhanAllah! Wusstest du damals, warum du weintest? 

Sinan: Ich wollte einfach nur sterben. Und ja… als ich dann mein 22. Lebensjahr erreichte, wurde ich zu einem sehr renommierten Psychiater bestellt und er nahm mich auf. Und dann sagte er, und ich war damals 22: „Weißt du was, Sinan, ich mache das schon seit vielen Jahren und ich glaube, dass ich ein sehr erfolgreicher Psychiater bin. Und ich möchte dir sagen, dass ich noch nie einen Patienten aufgegeben habe. Ich habe immer gefühlt und gewusst, dass ich jedem helfen kann, egal wie lange es dauern würde. Aber ich muss dir sagen, dass wir wir nicht helfen können. Ich kann dir nicht helfen. Die Psychiatrie kann dir nicht helfen. Und ich schlage vor“, sagte er, „dass du die Frührente beantragst.“ Ich war 22. Und dann sagte er: „Und wenn mein Name in diesem Antrag steht, garantiere ich dir, dass die Behörden dir die Frührente genehmigen werden.“ Ich ersticke ja jetzt schon fast [wieder], denn das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte zu ersticken, völlig am Boden zerstört zu sein. Ich fühlte mich im Stich gelassen und ausgegrenzt. Und ich war [gerade mal] 22 Jahre alt. Und nur drei Jahre zuvor war ich gerade dabei, die Welt zu erobern. Aber dann brach ich mein Studium ab. Dunkelheit überkam mein Leben. Ich wusste nicht, warum. Und da saß ich nun einem Psychiater gegenüber, der an der Spitze seines Fachs stand, und er gab mich einfach auf. Seine einzige Lösung war, dass ich in Frührente gehen sollte. Ich sagte zu ihm: „Ihnen ist schon klar, dass das gesellschaftlich gesehen ein Todesurteil ist.“ Und er sagte:

Es tut mir leid, aber wir können dir nicht helfen. Das Beste, was wir für dich tun können, ist, dich von allen Verpflichtungen zu befreien, aber ich muss dir leider sagen, dass du für den Rest deines Lebens leiden wirst.

Also verließ ich die Psychiatrie. Ich ließ sie hinter mir und kehrte, ich weiß nicht, acht oder zehn Jahre lang nicht dorthin zurück. Ich intensivierte einfach meine Gebete und meine Beziehung zu Allah (swt). Ich hatte einen Freund aus der muslimischen Gemeinschaft, dem ich sagte: „Bitte hilf mir. Lass mich nicht fallen. Lass nicht zu, dass das passiert.“ Die Wolken verschwanden nie, aber, alhamdulillah, ich erlebte nur ein Jahr später Erleichterung. Mein Beruf, ich meine, die Fakultät, an der ich lernte, der Beruf, den ich ausüben wollte, war für mich hin. Ich konnte nicht dorthin zurückkehren. Also entschied ich mich für einen ganz anderen Bereich und bewarb mich erneut an der Uni. Wenn ich so zurückdenke, war das eigentlich lustig, denn als ich mich wieder an der Uni bewarb, kannte die Universität meinen Leistungsnachweis [schon]. Ich meine, ich war schon so lange zu dieser hochkarätigen Ausbildung zugelassen worden, und dann hatte ich sie abgebrochen. Sie brauchten also eine gewisse Sicherheit, um mich nochmal für einen ganz anderen Bereich zuzulassen. Also ging ich ein Jahr später zu diesem Psychiater und sagte: „Ich brauche eine Bescheinigung von Ihnen, die bestätigt, dass Sie glauben, dass ich das schaffen kann.“ Und er sagte: „Ich glaube nicht, dass du das kannst.“ Und ich sagte: „Sie haben doch gesagt, dass Sie mir nicht helfen können, und ich werde keine Frührente beantragen. Also tun Sie [wenigstens] das bitte.“ Also fertigte er das Schreiben und ich wurde zugelassen. Dann machte ich einen Schritt nach dem anderen. Und ein Jahr später lernte ich meine Frau kennen und wir heirateten. 

Waheed: Aber zu dieser Zeit hattest du noch immer damit zu kämpfen. 

Sinan: Es ist nie weggegangen. Es ging nie weg. Sie [meine Frau] wusste von Anfang an, dass ich unter Depressionen litt und dass sie immer wieder auftraten, aber ich glaube nicht, dass sie anfangs verstand, wie ernst es war. Ich hatte gute Tage und dann wieder Wochen, in denen ich am Boden zerstört war und das Bett nicht verlassen konnte. Und natürlich konnte ich nicht studieren, also das dauerte viele Jahre. Auch für sie war es sehr schmerzhaft, und das tut mir wirklich leid. Als ich 30 wurde, begann ich zu begreifen, dass dies tatsächlich von den SSA kam, aber ich wusste nicht, wie ich vorgehen sollte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Also schrieb ich eine E-Mail an verschiedene internationale Gelehrte und bat sie um Hilfe und Rat. Aber was konnten sie schon tun? Das war das erste Mal, dass mir klar wurde: Okay, das kommt von den SSA und ich muss etwas dagegen tun. Ich war so zerrissen. Ich war so hin- und hergerissen. Ich fühlte mich wie ein Zombie. Ich war ein lebendiger Toter und das schrieb ich ihnen. Ich sagte:

Ich weiß nicht, was ich tun soll, und bitte gebt mir ein paar Antworten. Warum ist das… wenn das falsch ist, wenn das gegen die menschliche Natur verstößt, wenn das gegen unsere Fitra geht, warum habe ich dann eine so große Neigung, die sich so natürlich anfühlt und gegen die ich nichts ausrichten, die ich nicht verschwinden lassen kann?

Die Jahre zwischen dem 30. und 34. Lebensjahr waren wirklich schwierig. Ich habe aufgehört, als Mensch zu funktionieren. Ich hatte zwei Kinder, zwei sehr kleine Kinder, und ich konnte mich nicht um sie kümmern. Ich konnte mich nicht um meine Familie kümmern. Ich konnte nicht studieren. Ich konnte in keinem Job bleiben. Ich fing auch an, sozial abzustürzen und begann, mich zu isolieren. Und ich erinnere mich, dass ich mit 34 gemeinsam mit meiner Familie meine Schwiegerfamilie in den Weihnachtsferien besuchte. Aber ich wollte wirklich nicht hinfahren, obwohl ich sie liebe. Ich wollte wirklich, wirklich, wirklich nicht gehen. Und das habe ich meiner Frau gesagt. Ich sagte: „Ich kann das nicht. Ich kann wirklich nicht. Ich kann das nicht.“ Also organisierte sie für mich… Sie wollte unbedingt gehen. Sie musste gehen. Sie war völlig erschöpft. Sie hatte zwei kleine Kinder und einen kaputten Ehemann, also brauchte sie wirklich jemanden, der sich um sie kümmerte [also sie brauchte ihre Familie], und ich erkannte das an. Aber ich konnte es einfach nicht. Also sagte sie: „Wie wäre es, wenn wir dir während unseres Aufenthalts eine eigene Wohnung organisieren?“ Und so kam es, dass meine Schwägerin zu ihrer Mutter zog und ich ihre Wohnung übernahm, die direkt daneben lag. Und als ich diese Wohnung erreichte, brach ich völlig zusammen. Völlig. Ich war völlig am Boden zerstört. Ich wollte wirklich sterben. Dafür habe ich viel Du’a [Bittgebet] gemacht. Und es war so unerträglich, denn immer wenn meine kleine Tochter [zu mir] kam, konnte ich sie nicht einmal ansehen. Sie kam herein, weil sie ihren Papa vermisste, und ich wollte einfach nur sterben. Während dieses Aufenthalts schlief ich 20 Stunden am Tag. 20 Stunden, ohne zu übertreiben. 20 Stunden. Ich wachte auf, aß etwas, ging ins Bett und schlief wieder ein. Als wir wieder zu Hause waren, bestand meine Frau darauf, dass ich einen Psychiater aufsuchen sollte. Sie sagte:

Ich kenne deine Vorbehalte. Ich weiß, dass du dich von ihnen im Stich gelassen fühltest, aber das ist jetzt 12 Jahre her, Sinan. Es ist 12 Jahre her, und ich brauche Hilfe. Du musst zu jemandem gehen, bitte.

Also ging ich zu einem Psychiater. Meine Geschichte [die ich ihnen erzählte] war, dass ich unter schweren Depressionen litt. Und sie [die Psychiaterin] sagte, nachdem sie sich meine Geschichte angehört hatte: „Ich weiß nicht, warum meine Kollegen das vor 12 Jahren zu dir gesagt haben, aber das ist keine Depression. Das ist so schwerwiegend, so ausgiebig, so allumfassend, dass es sich um eine Psychose handelt. Du hast so viele Negativsymptome, d. h. du empfindest überhaupt keine Freude.“

Waheed: Die depressiven Symptome waren also so stark, dass sie an eine Psychose grenzten? 

Sinan: Ja, deshalb überwies sie mich in eine Spezialklinik, in der ich zwei Jahre lang eine Spezialtherapie bekam. Sie stellten mir einen Psychologen, der rückblickend mein erster Schritt zur Heilung war. Ein Psychiater, der mich dorthin versetzte, sagte: „Ich glaube nicht, dass du die Uni beenden wirst, also solltest du das vielleicht einfach aufgeben.“ Das konnte ich nicht und meine Frau wollte das auch nicht. Sie sagte: „Ich weiß, dass dir das wichtig ist.“ Also unterstützte sie mich. Ich bekam nicht einmal mehr Sozialhilfe, denn ich war weit darüber hinaus [diese zu bekommen]. Ich hatte aufgehört, als Mensch zu funktionieren. Als ich dann in die Spezialklinik kam, sagte mein Psychologe, und wir hatten nur wöchentliche Sitzungen: „Die Genesung ist mir egal. Ich möchte nur, dass du den Tag überstehst, jeden Tag, und ich möchte dir die Mittel dazu bereitstellen. Ich möchte dir dabei helfen. Ich möchte dir helfen, aus dem Bett zu kommen, Zeit mit deinen Kindern zu verbringen, weil sie dich brauchen, Zeit mit deiner Frau zu verbringen, weil sie das braucht. Nur das ist die Absicht, das Ziel.“ Wir legten also die Messlatte für den Erfolg sehr niedrig. Am Anfang hatten wir die ganze Zeit über diese Sitzungen, zweimal pro Woche. Und dann, nach einem Jahr, passierte etwas Entscheidendes. Ich war in einer Sitzung mit ihm und ich erinnere mich nicht mehr an den Kontext, aber ich weiß noch, dass ich sagte, dass ich ein Psychotiker bin und er mich sofort unterbrach und sagte:

Sinan, du bist kein Psychotiker. Du bist ein Mensch mit einer Psychose, und zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein großer Unterschied, ein himmelweiter Unterschied. Wenn du sagst, dass du ein Psychotiker bist, ist das ein Teil deiner Identität. Aber diese Krankheit ist kein Teil deiner Identität, sie ist kein Teil dessen, was du bist. Sie ist nur eine Rahmenbedingung in deinem Leben, so wie wenn du in eine arme Familie hineingeboren würdest und an Hungersnot littest, wäre es auch kein Teil deiner Identität, arm zu sein. Du würdest einfach anerkennen, dass das eine Rahmenbedingung ist, mit der du umgehen musst. Ich möchte also, dass du aufhörst, dich als Psychotiker zu bezeichnen.

Es fühlte sich nahezu wie eine Offenbarung an. Was er nicht wusste, war, dass ich, während er sprach, hörte:

Hör auf, dich als schwulen Mann zu bezeichnen. Das ist kein Teil von dir. Es ist kein Teil deiner Identität. Es ist eine Rahmenbedingung in deinem Leben, und du musst lernen, damit umzugehen.

Und genau in diesem Moment wusste ich, dass er die erste Person sein würde, gegenüber der ich mich outen würde. Aber natürlich geschah das nicht sofort. Es dauerte einige Wochen. Ich musste mich wirklich dazu überwinden. Und dann sagte ich es ihm, aber ich leugnete es noch immer. Ich sagte: „Wissen Sie, es gibt hier eine Thematik, die ich noch niemandem erzählt habe, und ich möchte betonen, dass es nichts mit meiner Krankheit, meiner Psychose, meiner völligen Freudlosigkeit und meinen Negativsymptomen zu tun hat. Aber ich möchte, dass Sie wissen, dass es da etwas gibt, über das wir nicht sprechen sollten. Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass etwas los ist.“ Und dann habe ich es ihm gesagt. Ich sagte ihm, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle, und das schon seit meinem 6. Lebensjahr. Er akzeptierte meine Bedingung anfangs [dass ich kein großes Fass daraus machen wollte und es nichts mit meiner Krankheit zu tun habe]. Er sagte: „Okay. Wenn du sagst, dass es nichts mit deiner Krankheit zu tun hat, dann akzeptiere ich das auf jeden Fall. Ich akzeptiere deine Sicht der Dinge. Aber ist es okay, wenn wir ab und zu darüber reden?“ Und ich sagte: „Ja, natürlich.“ Im darauffolgenden Jahr war das das Einzige, worüber wir sprachen, und es machte einen großen Unterschied, endlich jemandem davon erzählen zu können. 

Waheed: Wie alt warst du zu dem Zeitpunkt? 

Sinan: Ich war 34, fast 35. Das war das erste Mal, dass ich mich vor jemandem outete. 

Waheed: Wie hast du dich in dem Moment gefühlt? 

Sinan: Es war eine große Erleichterung, eine große Erleichterung. Er war wirklich unaufdringlich. Er war sogar verpflichtet, nach jeder Sitzung in mein Protokoll zu schreiben, und weil ich nicht wollte, dass das in meinem Protokoll steht, haben er und ich eine Vereinbarung getroffen. Und das ging eigentlich gegen seinen Beruf, nicht? Wir einigten uns darauf, dass er nach jeder Sitzung eine kurze Notiz schreiben sollte, in der wir besprachen, wie wir die Herausforderungen des Lebens – des alltäglichen Lebens und solcher Dinge – allgemein meistern können. Das hat er dann einfach geschrieben. Ich habe mein Protokoll gesehen, als ich das Krankenhaus verließ, und da stand alles drin. Aber weißt du, er verfolgte kein [böses] Ziel [Absichten] mit mir. Das sagte er. Er sagte:

Ich respektiere deinen Glauben. Ich respektiere deine Werte. Ich verstehe dich und akzeptiere es, wenn du sagst, dass du deine gleichgeschlechtlichen Anziehungen nicht ausleben willst, [aber] ich denke, es wäre gesund für dich, das zu tun.

Das hat er gesagt. 

Waheed: Sie auszuleben. 

Sinan: Ja, er sagte: „Ich denke, dass es gesund wäre, aber ich weiß und verstehe auch und ich akzeptiere, wenn du mir sagst, dass das nicht passieren wird. Also lass uns einen Weg finden, das für dich zu regeln.“ 

Waheed: Um einen gemeinsamen Nenner zwischen dir und ihm zu finden. 

Sinan: Keinen gemeinsamen Nenner, denn er war eigentlich immer bei mir [gedanklich, im Sinne von, er verstand mich immer]. Er sagte einfach: „Okay, erzähl mir von den Grenzen, die von deinem Glauben ausgehen, und lass uns herausfinden, was deine Möglichkeiten sind.“ Und offensichtlich waren meine Möglichkeiten ja nicht sonderlich groß, stimmt’s? Wir haben also viel darüber gesprochen, was ich tun könnte. Aber meistens hatte ich nur das Gefühl einer anfänglichen Erleichterung, aber von da an war er nicht mehr in der Lage, mich weiter zu bringen [mit mir weiterzukommen]. Er hatte keine Absichten [mit mir]. Bei ihm ging es also nur darum, das Leben und die Herausforderungen zu meistern. Und das Gefühl zu ersticken hat nicht wirklich aufgehört. 

Waheed: Aber du hast in der Zeit mit ihm eine kleine Besserung gespürt? 

Sinan: Ja, und ich habe tatsächlich meinen Uniabschluss gemacht, alhamdulillah, alhamdulillah, alhamdulillah. 

Waheed: Worauf habt ihr euch in der Zeit, in der du regelmäßig zum Psychologen gingst, konzentriert, damit du dich erleichtert fühlst und sozusagen dein persönliches Gleichgewicht wiederhergestellt wurde? Wie habt ihr die Herausforderungen überwunden, mit denen du damals zu kämpfen hattest? 

Sinan: Na ja, in erster Linie hat er mir beigebracht, dass es okay ist, ich zu sein. Ich meine, er akzeptierte mich als allererstes. Ich habe immer geglaubt, dass ich keine Anerkennung oder Akzeptanz von irgendjemandem brauche. Ich habe immer geglaubt, dass ich mir selbst genüge und dass ich Allah (swt) habe und niemanden sonst brauche. Ich war in dieser Hinsicht abgehärtet. Er hat mir beigebracht, dass wir als Menschen Akzeptanz benötigen. Wir müssen in unserem Leben Menschen treffen, die uns Verständnis entgegenbringen. Und irgendwann sagte ich zu ihm: „Das Unglaubliche daran, dass ich mich Ihnen gegenüber geoutet habe, ist, dass ich es so lange verheimlicht habe, aber das Gefühl der völligen Akzeptanz ist unbeschreiblich.

In all den Jahren ging ich in alle möglichen Moscheen, in alle möglichen Gemeinschaften, in muslimische Gemeinschaften, und wo immer ich hinkam, mochten mich die Leute; sie bewunderten mich sogar. Aber ich habe mich nie akzeptiert gefühlt, weil ich wusste, dass ich, wenn ich ihnen sagen würde, womit ich zu kämpfen habe, trotz der Tatsache, dass ich so bewundert wurde, entfremdet, ausgestoßen, geächtet und rausgeworfen werden würde.

Ich hatte Angst, dass ich meine Familie verlieren würde, wenn ich es meiner Frau erzählte. Ich hatte Angst, dass, wenn ich es meinen Eltern sagen würde, ich zwar die Quelle ihres Stolzes wäre, aber dennoch… Ich war überzeugt, dass mich alle wie ein Stück Müll wegwerfen würden. Als ich mich bei dem Psychologen outete, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben komplett. Bei ihm gab es einen Raum, einen sicheren Ort, an dem ich hundertprozentig ich selbst sein konnte. All die Jahre, in denen ich mit meinem Gefühl zu ersticken und all den Dingen, die als schwere Depression eingestuft wurden, zu kämpfen hatte, fehlte immer ein großer Teil der Gleichung, nicht? Und jetzt wurde er [dieser Teil] berücksichtigt. Jetzt konnte ich ihn in unseren Gesprächen einbringen. Es war ein integrierter Bestandteil unserer Therapiesitzungen, denn es ist ein integrierter Bestandteil von mir und es bekam seinen natürlichen Platz in meinem Leben. Ich stand täglich in Kontakt mit ihm und er machte Pläne für meinen Alltag, für die er mich zur Rechenschaft ziehen würde. Er meldete sich täglich per Telefon und Nachricht bei mir. 

Waheed: Das ist toll! 

Sinan: Dann sagte er… und ich konnte ihn anrufen. Ich meine, er ging wirklich über seine beruflichen Verpflichtungen hinaus. Ich konnte ihn nachts um 23 Uhr anrufen und er nahm den Hörer ab und ging ran. Er redete mit mir und sagte: „Es ist wichtig, dass du das Gefühl hast, ein Hilfsnetz zu haben, damit dir die Dinge nicht über den Kopf wachsen. Anstatt also die ganze Nacht umherzuziehen, ruf mich einfach an und sag mir Bescheid. Wenn ich dann Zeit habe, rufe ich dich an oder ich nehme den Hörer ab und wir reden darüber und dann gehst du ins Bett.“ Und er nahm immer den Hörer ab. Und ich habe mein Studium abgeschlossen, alhamdulillah, mit seiner Hilfe, mit Allahs Hilfe, versteht sich. Das ist, was er mir gegeben hat: das Gefühl der vollständigen Akzeptanz und die Erkenntnis, warum Akzeptanz wichtig ist. 

Waheed: Dass er dich als Menschen akzeptierte. 

Sinan: Als vollständigen Menschen. Als kompletten Menschen. Ich brauchte nichts vor ihm zu verbergen. Das brauchen wir als Menschen. Das sehe ich auch. Ich meine, es ist nicht so, dass wir als Menschen keine Geheimnisse haben, aber wir brauchen… selbst mit Geheimnissen brauchen wir es, dass man alles in uns akzeptiert. Wir erzählen vielleicht nicht alles einer bestimmten Person, aber wir müssen zumindest in der Lage sein, verschiedenen Personen alles über uns erzählen zu können. 

Waheed: Und Menschen gegenüber verwundbar zu sein? 

Sinan: Ja. Aber er konnte mir nicht mit den Negativsymptomen, wie er sie bezeichnen würde, helfen. Ich meine, ich war schon etwas gefestigter. Er konnte mir einige Werkzeuge mitgeben, um den Tag zu überstehen. Er konnte mir schreiben und sich an Absprachen halten, um sicherzustellen, dass ich bei jeder Aufgabe, die er mir gab, Fortschritte machte. Aber gefühlsmäßig war ich immer noch genauso am Boden zerstört. Während des Gesprächs mit ihm – und weil ich erfahren hatte, was Akzeptanz für mich bedeutet, was sie für die menschliche Seele bedeutet – begann ich, nach anderen Menschen Ausschau zu halten, die mich akzeptieren würden. 

Waheed: Du meinst, du hast nach anderen Menschen gesucht? 

Sinan: Ja, ich war auf der Suche nach den Menschen. Ich habe mich nicht getraut, nach Muslimen zu suchen. Ich habe mich das nicht getraut. Ich wollte es tun, aber ich habe mich nicht getraut. 

Waheed: Verständlich. 

Sinan: Ja, aber ich habe mich nicht getraut. Ich habe mich nicht getraut, sogar meine besten Freunde anzusprechen. Und es ist nicht so, dass ich ihnen nicht vertraute. Das tat ich, und ich meine, ich vertraute ihnen alle möglichen anderen Dinge an. Aber das Ding mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen oder Homosexualität ist, dass Muslime im Allgemeinen sehr feindselig gegenüber Menschen wie uns sind. Das habe ich erlebt, und das war immer sehr verletzend. Ich meine, wenn ich mit einem Freund die Straße entlanggehen und wir zwei Männer sehen würden, die Händchen miteinander hielten, dann würde das nie unbemerkt [unkommentiert] bleiben. Die Leute würden immer ihren Abscheu zeigen, obwohl ich in einem Land lebe, das nichtmuslimisch ist und die Menschen immer mit Dingen konfrontiert werden, die gegen den Islam, die islamische Lebensweise, verstoßen. Sie sehen Menschen, die trinken. Sie sehen Menschen, die betrunken sind und sich auf der Straße übergeben. Sie sehen Menschen… sie haben Freunde, die heterosexuell sind, aber sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe führen, und sie akzeptieren das, nicht? Und das war für mich wirklich offensichtlich – der Unterschied. Ich hatte immer das Gefühl, dass… Ich meine, wenn du nicht angewidert bist, wenn du nicht das Bedürfnis verspürst, deinen Ekel zu zeigen, wenn deine Freunde, die nicht miteinander verheiratet sind, sich in der Öffentlichkeit küssen, warum um alles in der Welt solltest du dann das Bedürfnis verspüren, deinen Ekel zu zeigen, wenn zwei Männer miteinander Händchen halten, die du nicht einmal kennst. 

Waheed: Na ja, manche Leute würden argumentieren, dass es einfach gegen die menschliche Fitra geht – die angeborene Veranlagung, die wir haben – daher sei es eine normale Reaktion, sich zu ekeln. Das ist eine sehr häufige Antwort. 

Sinan: Ja, das mag sein, aber das Problem ist, dass es das Ganze… Ich meine, das macht es wirklich schwierig, sich diesen Menschen gegenüber zu outen. 

Waheed: Eben. Ihnen dein intimstes Geheimnis anzuvertrauen. 

Sinan: Ganz genau. 

Waheed: Verwundbar und intim mit ihnen zu sein, dass man sich gegenseitig das Herz ausschütten kann.

Sinan: Ja. Ich brauchte wirklich Menschen, die mir Verständnis und Akzeptanz entgegenbringen konnten. Und was bei dem Psychologen passierte, war… ich meine, ich hatte immer noch das Gefühl zu ersticken. Ich fühlte mich immer noch am Boden zerstört und war hin- und hergerissen, und das sagte ich ihm auch. Ich sagte ihm, dass ich das Gefühl habe, in der Mitte einer Kreuzung zu stehen – ich meine, wenn du dir eine Kreuzung vorstellst, eine Kreuzung in Form eines T. Ich sagte ihm immer wieder, dass ich das Gefühl habe, dass ich genau in der Mitte dieser Kreuzung stehe. Und auf der rechten Seite ist die Straße, die zu Allah (swt) führt. Und auf der anderen Seite ist die Straße, die dazu führt, einen Mann zu finden, einen Mann – ich rede nicht von sexueller Freizügigkeit; ich rede davon, wahre Liebe mit einem Mann zu finden, einem Mann, mit dem ich leben kann. Und ich bin hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Bedürfnissen, zwei Grundbedürfnissen von mir. Und manchmal gehe ich die Straße nach links hinunter. Ich mache ein paar Schritte, winzige Babyschritte. Aber dann ist mein Herz bei Allah (swt). Aber mein Herz ist auch auf der anderen Seite. Und das Leben an dieser Kreuzung über so viele Jahre hinweg, über so viele Jahrzehnte hinweg, hat eigentlich die Verwüstung und das Gefühl zu ersticken [erst] verursacht. 

Waheed: Du warst hin- und hergerissen zwischen zwei gegensätzlichen Entscheidungen. 

Sinan: Ja. Und mit ihm konnte ich das zum ersten Mal klar erkennen. Jetzt wusste ich also, was die Ursache meines Problems war, aber ich hatte keine Lösung. Ich kannte die Lösung nicht. Ich war hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Wegen. Im Laufe der Jahre, auch wenn ich die wirklichen Fragen leugnete und meine SSA unter den Teppich kehrte, sprach ich immer ein Du’a, ich sagte immer, wenn SSA zu einer Herausforderung für mich wurde – und das war täglich der Fall – und ich eine Person sah, zu der ich mich hingezogen fühlte, machte ich immer automatisch ein kleines Du’a. Ich sagte dann:

Ya Rabb [O Herr]! Ya Rabb! Ich bitte dich, mich vor dem Scharr [Bösen] von Qawm Lut [dem Volk Lots] zu schützen.

Und immer, wenn ich mich zu einer bestimmten Person hingezogen fühlte, sprach ich sofort ein Du’a: „Ya Rabb! Bitte beschütze ihn vor mir und mich vor ihm.“

Waheed: Vor jeder verbotenen Handlung. 

Sinan: Ja, also, ich sagte nicht [genau] das [ich benannte nicht konkret die sexuelle Handlung], aber es war offensichtlich. Also sagte ich einfach: „Bitte schütze mich vor ihm und ihn vor mir.“ Und ich glaube, als die anfängliche Erleichterung durch mein Outing bei meinem Psychologen nicht dazu führte, dass das Gefühl zu ersticken aufhörte, hörte ich auf, dieses Du’a zu sprechen. 

Waheed: Du hast aufgehört, das Du’a zu sprechen für… [?] 

Sinan: Schutz. Ich habe aufgehört, Du’a für Schutz zu machen. Ich wollte, dass es passiert. 

Waheed: Du hast dich nach einer Beziehung mit einem Mann gesehnt. 

Ein Schutzengel erscheint

Sinan: Ja. Und ich begann nach Antworten zu suchen, weil ich einen Gelehrten brauchte, der mir sagte: „Es gibt einen Weg“. Und ich erinnere mich, dass ich irgendwann „schwule Muslime“ googelte – diese beiden Wörter, „schwule Muslime“ – und ich auf eine Seite stoß. Unter den ersten Suchergebnissen war eine Seite, die damals GayMuslims.org hieß, und ich klickte sie an. Es handelte sich um eine Website über Muslime, die gleichgeschlechtliche Anziehungen verspürten, diese aber nicht ausleben wollten. Und es gab einen Verweis auf eine Yahoo!-Gruppe namens Straight Struggle, in der ich dich [Waheed] schließlich kennenlernte. Und ich werde Straight Struggle nicht vorstellen; ich denke, das hast du in den vorigen Folgen [bereits] getan. Im Grunde genommen war ich also wieder in einer wirklich üblen Verfassung, viel übler als ich es je erlebt hatte. Und das hat mich wirklich aufgefressen. Ich fühlte mich wie erstickt, und die Verwüstung war wieder komplett und ich hörte auf zu funktionieren. Und mir ging es wirklich schlecht. Ich schrieb meine Geschichte in die Gruppe und einer der älteren Brüder reagierte darauf. Er war wirklich nett und hartnäckig, masha’Allah. Aber weil ich nicht… Ich meine, ich war damals zweigleisig unterwegs. Der Grund, warum ich „schwule Muslime“ gegoogelt hatte, war nicht, weil ich mich von gleichgeschlechtlichen Bekanntschaften fernhalten wollte. 

Waheed:  Oder um eine Lösung zu finden.

Sinan: Ich wollte eine Lösung finden, einen Weg, diese Bekanntschaften zu rechtfertigen, denn ich fühlte mich erdrückt und am Boden zerstört und ich brauchte jemanden, den ich lieben konnte, einen Mann, den ich „meinen Mann“ nennen konnte. Ich war also auf Straight Struggle unterwegs, aber gleichzeitig wollte ich unbedingt einen Mann finden, mit dem ich ein Leben führen konnte, denn ich war wirklich, wirklich am Ersticken. Und dieser [eine] Bruder schrieb mir, und übrigens, er ist mein [Schutz]Engel. Das war im Jahr 2017, im November. Er hatte mir vorher schon einige Male geschrieben, aber ich hatte nicht geantwortet. Ich hatte tatsächlich aufgehört, meine Mails zu checken, also die von Straight Struggle. Und dann im November, Ende November 2017, loggte ich mich einfach ein und da waren diese Mails von ihm, in denen stand:

Assalamu’alaikum Bruder. Ich mache mir Sorgen um dich. Was ist los? Bitte schreib mir, wenn du das hier liest.

Und es gab ein paar Nachrichten von ihm. Zu der Zeit ging es mir so schlecht, dass ich einfach nur jemanden finden wollte, mit dem ich zusammen sein konnte. Aber weißt du, ich weiß gar nicht, warum ich ihm geschrieben habe. Ich hatte doch alle Hoffnung verloren, okay? Vor ein paar Jahren hatte ich aufgehört, meine Du’a für Schutz zu sprechen, und ich fühlte mich nicht beschützt. Und ehrlich gesagt, war ich so am Boden zerstört, dass es mir egal war.    

Waheed: Hast du damals irgendetwas unternommen, um den Druck abzubauen, den du empfunden hast?   

Sinan: Ich hatte Kontakt zu ein paar Männern, aber ich habe mich nicht mit ihnen getroffen. Ich hatte es vor. Ich ging also auf diese Seite, auf der sich schwule Männer kennenlernen, erstellte ein anonymes Profil und schrieb mit ihnen hin und her. Anfangs war es auch eine Frage der Akzeptanz. Anfangs wollte ich mich nicht mit ihnen treffen. In meinem Profil stand, dass ich ein Mann bin, der gleichgeschlechtliche Anziehungen verspürt, diese aber nicht ausleben will. Ich habe nicht gesagt, dass ich Muslim bin, aber in meinem Profil stand meine ethnische Zugehörigkeit. So konnte man [natürlich] erkennen, dass ich Muslim war, aber ich wollte den Islam in diesem Zusammenhang natürlich nicht zum Thema machen. Ich meine, das war offenbar meine Mission. Ich wollte einfach nur Unterstützung. Ich schrieb also: „Ich habe mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen zu kämpfen und will sie nicht ausleben. Und ja, ich suche einfach Freunde, Online-Freunde, mit denen ich mich austauschen kann.“ Und die Leute antworteten darauf. Sie antworteten, weil die allgemeine Reaktion darauf war, dass man es [mein Profil] als sehr eloquent geschrieben empfand und sie sehr gerührt waren von der Art und Weise, wie ich meine Verwüstung schilderte. Sie wollten helfen, aber letztendlich war die Interaktion… denn, ich meine, es war ja [letzen Endes immer noch] eine Website. Ich meine, es ist keine psychologische Anlaufstelle, um es mal so auszudrücken. Die Leute sind aus einem bestimmten Grund dort. Sie versuchen, Kontakte zu knüpfen und sind auf gleichgeschlechtliche Bekanntschaften aus. Ich gewann also ein paar Freunde, aber es drängte mich auch in diese Richtung, in der es in meinem Kopf immer akzeptabler wurde, irgendwann eine Bekanntschaft mit einem dieser Männer zu haben, denn ich hatte die Hoffnung ja verloren, oder? Ich meine, ich verlor die Hoffnung immer mehr, aber alhamdulillah ist das nicht passiert. Es passierte nicht, weil Allah (swt) meine Du’as von all den Jahren davor erhörte, auch wenn ich aufgehört hatte, sie zu sprechen. Er hat mich davor bewahrt, es auszuleben. Alhamdulillah. Während ich also auf dieser Website mit diesen Männern schrieb, schickte Er mir meinen Engel auf Straight Struggle. Und ich erinnere mich noch, dass als ich die Nachrichten sah, über die ich [vorhin] sprach, er sagte: „Assalamu’alaikum Bruder. Ich mache mir Sorgen um dich. Bitte schreib mir, wenn du kannst.“ Ich schrieb ihm. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich beschlossen, mich mit einem dieser Männer zu treffen, dieser anderen Männer, und ich hatte überhaupt nichts zu verlieren, gar nichts zu verlieren. Also erzählte ich diesem völlig Fremden, der in einem anderen Teil der Welt lebte, alles, von Anfang an. Ich sagte:

Wa’alaikumu salam Bruder. Nur damit du es weißt, ich bin so kurz davor, das hier auszuleben.

Und er sagte:

Bitte brich den Kontakt zu mir nicht ab. Bleib online.

Waheed: Weil er wusste, dass du dich an einem sehr sensiblen Punkt befandest.

Sinan: Er wusste, dass ich mich an einem sehr sensiblen Punkt befand und nur kurz von einem Unglück entfernt war, von dem größten Fehler meines Lebens. Er wusste, dass ich nur noch kurz von einer Katastrophe entfernt war.

Waheed: Und du warst verheiratet und hattest Kinder. 

Sinan: Ja, genau. Er wusste das alles, aber es ging ihm vor allem tatsächlich um mich und meine Religion, meinen Glauben. Also schrieben mein Engel und ich in dieser Nacht stundenlang. Er gab sich alle Mühe, ließ alles stehen und liegen. Er war so besorgt, dass ich den schlimmsten Fehler meines Lebens begehen würde. Aber nach dieser ersten Austausch – wir schrieben uns nur über Skype – war ich immer noch davon überzeugt, dass es passieren würde, aber natürlich habe ich es aufgeschoben. Und dann hatten wir ein paar Tage später zum ersten Mal ein kurzes Gespräch [per Telefon]. Ich glaube, es war der 17. November, und ich stellte ihm nur eine einzige Frage. Ich hatte keine Zeit; ich hatte Gäste, als er anrief. Und ich sagte nur:

Gibt es eine Möglichkeit, wie ich eine gleichgeschlechtliche Bekanntschaft rechtfertigen kann? Ich muss wirklich von einem Mann [im Arm] gehalten werden.

Ich muss von einem Mann gehalten werden.“ Und er sagte: „Du kannst von einem Mann [im Arm] gehalten werden, aber eine gleichgeschlechtliche Bekanntschaft kannst du auf gar keinen Fall rechtfertigen.“

Waheed: Im Sinne von gleichgeschlechtlichem Geschlechtsverkehr.

Sinan: Ganz genau. Wenn es also sexuell wird… Eigentlich hat er gar nicht von Geschlechtsverkehr geredet. Er sagte, die Faustregel ist, wenn du Schahwa verspürst…

Waheed: Also Lust, Verlangen.

Sinan: Ja, Lust. Er sagte:

Wenn du in dem Moment Lust verspürst, dann ist es haram [verboten]. Das darfst du nicht.

Waheed: Wenn es also lüstern wird, ist es haram.  

Sinan: Es ist haram. Er sagte: „Das ist die Faustregel. Aber du kannst natürlich von einem Mann [im Arm] gehalten werden, wenn du das Bedürfnis dazu hast, auf brüderliche, väterliche oder freundschaftliche Weise, platonisch [eben]. Aber du darfst die Grenze zur Lust, zur Schahwa, nicht überschreiten.“ Er rückte also die Sache zurecht; die Grenzen waren klar. Er sagte: „Dafür gibt es überhaupt keine Rechtfertigung.“ Und ich sagte ihm: „Ich könnte das nur für Allah (swt) tun [davon ablassen]. Aber ich kann das nicht tun, ich kann mich nicht mehr für irgendjemanden oder irgendetwas anderes als Allah (swt) von gleichgeschlechtlichen Bekanntschaften fernhalten.“ Und dann sagte er:

Weißt du, das hier ist Allahs (swt), der von dir verlangt, dass du das nicht tust und du es fisabilillah [um Gottes willen] unterlässt, für Ihn und nur für Ihn.

Und dann sagte er: „Ich bin erleichtert, dass du diesen Zugang zu Allah (swt) hast.“

Waheed: Weil Er der Mittelpunkt deines Lebens ist.

Sinan: Ganz genau. Und er sagte: „Ich möchte, dass du daran festhältst.“ Und was dann passierte, subhanAllah, war, dass er sich wirklich um mich kümmerte. Er sprang ein [füllte die Lücke, nach der ich mich gesehnt hatte]. Er sprach jeden Tag mit mir, obwohl es eine Zeitverschiebung [zwischen uns] gab. Er sprach jeden Tag stundenlang mit mir. Und das [die Rede] hier ist von einem Mann, der selbst verheiratet war und berufliche Verpflichtungen hatte. Er ist das Oberhaupt eines Hauses und hat berufliche Verpflichtungen. Und obwohl er das hatte, hat er sich stundenlang mit mir unterhalten. Jeden Tag hat er mit mir gesprochen. Er sorgte dafür, dass ich jeden Abend ins Bett gebracht wurde. Er sorgte dafür, dass ich ihm ein Lächeln schenkte. Schon sehr früh gab er mir ein „Rezept“ für die Nacht, indem er mir sagte, ich solle jeden Abend Wudu‘ [rituelle Gebetswaschung] machen, meine Misbaha [Gebetskette] zur Hand nehmen, meinen Kopf auf das Kissen legen, meine Misbaha festhalten und einfach Allahs Namen sagen, bis ich einschlafen würde. Das tat er jeden Abend, nachdem wir [vorher] über alles Mögliche gesprochen hatten.

Waheed: Damit du mit dem Gedenken Allahs auf der Zunge einschlafen kannst.

Sinan: Ja. Das war… er nannte das mein „nächtliches Rezept“.

Waheed: Das ist schön.

Sinan: Ja. Wir sind immer noch in Kontakt. Ich meine, er ist offensichtlich eine der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Und immer, wenn ich mit jeder Art von Stress zu kämpfen habe, die nicht unbedingt mit SSA zu tun hat, sagt er: „Okay, wir sollten wieder dein nächtliches Rezept einnehmen. Das solltest du.“ So erinnert er mich immer daran. Gott segne ihn, subhanAllah. Ich habe ihn so lieb.

Waheed: Nehmen wir uns einen Moment Zeit, um für ihn zu beten. Möge Allah ihn segnen. Jazahullahu khayran [möge Gott ihn mit Gutem belohnen].  

Sinan: Amin, amin, amin, amin. Möge Allah ihn segnen, beschützen und bewahren, inshaAllah, und ihm alles gewähren, was sein schönes, umwerfendes, wunderbares, liebevolles, fürsorgliches, nettes, süßes Herz und seine Seele wünschen, inshaAllah. Er ist mein Schutzengel. Außerdem sorgte er dafür, dass ich trotz der Zeitverschiebung entweder mit einer Aufnahme, einer Audioaufnahme, oder einer großen Menge an liebevollen und fürsorglichen Nachrichten aufwachte. Er brachte mich also im Grunde ins Bett und sorgte dafür, dass ich sozusagen von seiner Liebe geweckt wurde. Und dann sagte er: „Bitte lass mich wissen, wie es dir den ganzen Tag über geht. Ich schaue sofort nach dem Aufwachen auf mein Handy und wäre erleichtert, wenn du mir sagtest, wie dein Tag verläuft, damit ich Du’a für dich machen kann.“ Er gab mir also wirklich, wirklich diese Verbundenheit zu jemandem. Wie ich schon sagte, ist persönliche Akzeptanz wichtig, und dieser völlig Fremde gab mir genau das. Und er war auch Muslim.

Waheed: SubhanAllah. Du hast nach jemandem gesucht, der dich annimmt. Und dann hast du [jemanden] gefunden… Allah hat dir den perfekten Menschen geschickt, der dich annimmt. Du wolltest jemanden, der dich sozusagen umarmt. Aber er tat das virtuell. Er hat sich darum bemüht, dass es dir gut geht, dass du noch immer mit Allah (swt) verbunden und emotional stabil bist. Er hat sich dafür eingesetzt. Du hast genau das gesucht. Und auch wenn es nicht von Angesicht zu Angesicht war – ihr wart nicht im gleichen Land oder in der gleichen Zeitzone – hat das so wunderbar geklappt, subhanAllah!   

Sinan: Das hat es. Das hat es. Das ist auch einer der Gründe, warum ich diese Folge mit dir aufnehme, Waheed. Denn ich möchte, dass dies meine Botschaft an die muslimische Gemeinschaft insgesamt ist: Bitte geht auf die Menschen zu und nehmt sie an. Was mein Schutzengel getan hat, war etwas, von dem ich nicht geglaubt hätte, dass irgendjemand, ein Muslim, es mir jemals geben würde. Mir wurde bedingungslose Liebe, bedingungslose Akzeptanz, Verständnis, Mitgefühl, Fürsorge und Freundlichkeit von einem anderen Muslim gezeigt und geschenkt, ohne die geringste [Spur von] Verurteilung. Und weil ich das Gefühl hatte, nichts zu verlieren, wurde volle Transparenz zur Grundlage unserer Beziehung, so dass ich ihm alles sagen konnte und das auch tat. Und er begegnete mir mit Respekt und Neugierde. Er ist ein sehr forschender Mensch und stellte eine Menge Fragen. Er musste, wollte wirklich verstehen, was mein Kampf war. Und ich habe ihm alles erzählt. Ich habe ihm Dinge erzählt, auf die ich in dieser Folge gar nicht eingehen werde. Und er hat mich nie verurteilt, weil er wusste, dass er rückblickend eine Person aufgefangen hatte, deren Nafs [Ego] völlig ausgelöscht war. Ich hatte kein Ego. Ich war am Boden zerstört, und das sagte ich ihm auch. Ich konnte nicht atmen.

Waheed: Und [du warst] völlig kaputt.

Sinan: Ich war kaputt. Anstatt mir also mit Abscheu und Verurteilung zu begegnen, begegnete er mir mit Respekt, Akzeptanz und Liebe, und das machte den großen Unterschied. SubhanAllah, alhamdulillah. Und das habe ich gebraucht, oder? Ich brauchte [genau] das. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich das von einem Muslim, einem anderen Muslim, bekommen könnte, und er war so liebevoll und fürsorglich und nett und süß. Es war überragend, alhamdulillah, alhamdulillah. Und ich lächle jetzt. Ich möchte, dass die Zuhörer das wissen.

Waheed: Ja, subhanAllah. Im ersten Teil der Folge, als du über deine Vergangenheit und diese sehr schmerzhafte Zeit gesprochen hast, war das ein großer Trigger für dich und ich bin sicher, dass die Zuhörer das gespürt haben. Aber jetzt macht sich eine große Veränderung bemerkbar, alhamdulillah, und du bist sehr friedlich. Deine ganze Stimme und dein Gesicht sind aufgeleuchtet, subhanAllah. Das zeigt nur, wie tief all diese Erfahrungen sind [wie sehr sie in die Tiefe gehen], subhanAllah.

Sinan: Ja, subhanAllah. Eigentlich ist das ja etwas Persönliches. Das ist der persönliche Aspekt meiner Beziehung zu ihm, was ich daraus gewonnen habe, was er mir bedeutete. Aber auf emotionaler Ebene wurde er auch zu meiner Vaterfigur. Eines der ersten Dinge, die er sagte, als ich ihm erzählte, dass ich einen Mann bräuchte, der mich im Arm hält, war – und wirklich, ich erinnere mich, dass ich so gerührt davon war, als er das sagte:

Wäre ich bei dir gewesen, hätte ich dich ganz fest gehalten.

Das hat mich so berührt, denn hier war ein Mann, der wusste, dass ich mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen zu kämpfen hatte, oder? Und er hat sich nicht nur nicht vor mir geekelt, sondern wollte mich sogar in den Arm nehmen, weil er wusste, dass das ein Grundbedürfnis von mir war.

Waheed: Das war sehr wichtig. Das war gewaltig.

Sinan: Es lässt sich nicht in Worte fassen, was mir das bedeutete, subhanAllah. Das war wirklich überragend, das war es wirklich. Aber er gab mir auch die Möglichkeit, alles in Worte auszudrücken: meine Wünsche, meine Sehnsüchte, meine Begierden, die Quelle meines Gefühls zu ersticken, was ich fühlte, wie er sich fühlte. Und wisst ihr, er war nie… er war so voller Hoffnung. Er war so voller Hoffnung. Und es war ziemlich interessant, denn danach – ich meine, nachdem ich gesund wurde – sagte er zu mir, dass er eigentlich gar nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Er hatte solche Angst, etwas zu sagen, was mich triggern oder kaputtmachen könnte, weil er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte. Aber meine Wahrnehmung von ihm war, dass er ganz genau wusste, was er tat, subhanAllah. Also meine Wahrnehmung war, dass er genau wusste, was er tat. Und er fühlte sich unzulänglich. Er dachte sich: „Oh, was soll ich diesem Typ schon erzählen und wie soll ich damit umgehen, mit diesen Schichten von Dunkelheit und des Gefühls zu ersticken und der Verwüstung und woah!“

Waheed: Und nur um das klarzustellen, er ist kein Therapeut.

Sinan: Er ist kein Therapeut, nein. Aber ich habe ihn so wahrgenommen, dass dieser Typ genau weiß, was er tut. Er war nicht nur mein Schutzengel, sondern Allah (swt) hat ihn angeleitet und angewiesen, mir zu helfen, subhanAllah.

Waheed: SubhanAllah, Allah hat dein Du’a erhört. Es hat lange gedauert, bis die Du’as erhört wurden, aber sie kamen im richtigen Moment, nachdem du sagtest, dass du aufgehört hast, diese Du’as zu sprechen, sie wurden einfach im perfekten Moment erhört, subhanAllah.

Sinan: Ich bin wirklich froh, dass du das erwähnst, Waheed, denn wenn ich zurückblicke – und das ist auch sehr emotional für mich – gibt es im Islam, in unserem Glauben, dieses Gesetz, das besagt, dass Allah (swt) dir niemals eine Last auferlegen wird, die du nicht tragen kannst. Und die Hilfe kam genau dann, als die Last, die Er mir auferlegt hatte, unerträglich wurde. Also bis zu diesem Zeitpunkt war ich auf mich allein gestellt, denn Allah (swt) hat uns garantiert, dass Er uns nie eine Last auferlegt, die wir nicht tragen können. Aber gerade als die Last selbst für mich unerträglich wurde, tauchte dieser Bruder in meinem Leben auf und – ich würde ja sagen, zufällig, aber nichts ist zufällig. Ich checkte meine E-Mails und sah Nachrichten von ihm, besorgte Nachrichten, in denen stand: „Salam Bruder. Ich bin besorgt. Bitte schreib mir.“ Allah (swt) hat also ein Versprechen gehalten, das Er jedem Menschen in Seinem heiligen Buch gibt, dass Er uns niemals eine Last schicken wird, die wir nicht tragen können. Und wenn ich darüber nachdenke, liebe ich meinen Herrn so sehr [steigt meine Liebe zu Ihm noch mehr], denn mein Schutzengel kam, wie Er es versprochen hat, Er (swt) hat es versprochen.

Waheed: Du sagtest, dass du eine Beziehung zu ihm aufgebaut hast. Du sahst ihn als deine Vaterfigur.

Sinan: Ich habe ihn nicht als meine Vaterfigur gesehen. Ich sah ihn eher als meinen älteren Bruder. Aber er wurde in dem Moment zu meiner Vaterfigur, als er sagte: „Wäre ich bei dir gewesen, hätte ich dich in den Arm genommen“, denn das war etwas, das mir gefehlt hatte. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich ihn kennenlernte, war es mir völlig egal, woher meine SSA rührte. Ich meine, es war mir egal, ob es biologisch bedingt war, ob es von meiner Erziehung kam, ob es eine Kombination verschiedener Faktoren war, es war mir wirklich egal. Es war mir völlig egal.

Waheed: Also [du meinst] du hattest es eben einfach.

Sinan: Ich hatte SSA, und das war’s. Das war meine Rahmenbedingung im Leben. Das war die Sache, mit der ich zu kämpfen hatte. Aber was im Grunde geschah, als er das sagte, war, dass ich erkannte, dass meine SSA zwei Seiten hat: Ich musste von einem älteren Mann [im Arm] gehalten zu werden und aus diesem Grund machte ich ältere Männer zu Objekten.

Waheed: Im Sinne von, dass du sie sexualisiertest.

Sinan: Ja, ich habe ältere Männer aus diesem Grund sexualisiert. Ich meine, bis zu dem Zeitpunkt, als ich meinen Schutzengel online kennenlernte, ging es mir so schlecht, dass ich jeden einzelnen Mann, den ich auf der Straße traf, sexualisierte. Es war wirklich überall so. Es hat die Kontrolle über mein Leben übernommen, und zwar vollständig. Und ich hatte eine Menge Schuldgefühle, denn ich sollte Männer ja schließlich nicht sexualisieren und nicht zu Objekten machen. Einerseits mit Allah (swt) verbunden zu sein und andererseits praktisch jeden Mann, den ich auf der Straße traf, als Objekt zu betrachten, war also nicht miteinander vereinbar, oder? Also ja, er wurde zu meiner Vaterfigur, als er sagte: „Wäre ich bei dir gewesen, hätte ich dich festgehalten.“ Und dann wurde mir klar, dass ich tatsächlich Probleme mit meinem Vater habe, mit meinem eigenen Vater. Und ich möchte damit nicht behaupten, dass meine SSA vollständig darauf zurückzuführen ist, aber mir wurde klar, dass das einer der Faktoren sein könnte. Er gab mir also die emotionale Befriedigung, die mir fehlte und derer ich mir vorher nicht bewusst war. Gleichzeitig sprachen wir darüber, dass ich mich auf der Kreuzung befand, von der ich dir erzählt habe: Ich war hin- und hergerissen zwischen Allah (swt) auf der rechten und meinen SSA auf der linken Seite. Etwa Zehn Tage nach unserem ersten Kontakt sagte ich zu ihm:

Ich weiß, dass ich das abstellen muss. Mein Verstand sagt mir, dass ich es für Allah (swt) aufgeben muss, aber meine Gefühle halten mich zurück und ich weiß nicht, was ich mit meinen Gefühlen anfangen soll. Ich meine, ich kann doch nicht einfach… Ich habe Angst, dass das Gefühl zu ersticken nie aufhört.

Und was er mir als Antwort darauf gab, war, dass mein Verstand akzeptiert hat, dass ich es aufgeben muss, aber mein Herz es noch immer begehrt und wir Du’a machen müssen, damit ich es aufgeben kann. Aber existenziell gesehen habe ich jetzt akzeptiert, dass ich eine Entscheidung treffen müsse. Und das wüsste ich schon lange, aber ich müsse mich zwischen den beiden entscheiden. Die Ursache für mein Gefühl zu ersticken sei, dass ich keine Entscheidung getroffen habe und ich wisse, dass ich mich für Allah (swt) entscheiden muss, aber mein Herz noch nicht bereit wäre. Und [er sagte,] wir werden Du’a machen, dass das passiert. Und er sagte – denn ich erzählte ihm, dass mein Psychologe kein [böses] Ziel [mit mir] verfolgt – er sagte von Anfang an:

Ich muss einen Disclaimer machen: Ich verfolge ein Ziel. Mein Ziel ist Allah (swt)

Waheed: Schön, mashaAllah!

Sinan: Er sagte: „Ich verfolge sehr wohl ein Ziel, ich muss ganz ehrlich zu dir sein: Es ist Allah (swt). Also werden wir Du’a dafür machen.“ Und dann sagte er: „Wir machen Du’a… Vielleicht wird es nicht ganz verschwinden – die Anziehung oder das Gefühl zu ersticken – aber es zu bewältigen sein [tragbar/verkraftbar], inshaAllah.“ Und ich sagte, dass ich möchte, dass es bewältigbar ist. Das war ein Traum. Ich meine, es wäre ein wahrer Traum, wenn es bewältigbar wäre – das Gefühl zu ersticken. Ich spreche nicht von den gleichgeschlechtlichen Anziehungen, sondern von dem Gefühl zu ersticken und dem der Zerstörung, der völligen geistigen Zerstörung, mit der ich konfrontiert war. Ich wollte doch nur, dass ich es in den Griff bekomme. Und er sagte tatsächlich: „Wir wollen, dass du das in den Griff bekommst.“ Und er sagte sogar: „Vielleicht wird das in ein paar Jahren so sein und du wirst eine gewisse Erleichterung verspüren, inshaAllah.“ In der Nacht des 28. Dezember 2017, vierzig Tage nachdem wir zum ersten Mal miteinander in Kontakt getreten waren, geschah etwas Drastisches. Wir schrieben miteinander und ich sagte: „Ich weiß, dass meine SSA – ich meine [konkret] gleichgeschlechtliche Bekanntschaften – im Islam verurteilt werden, aber ich sehe meine SSA nicht als etwas Falsches an.“ 

Waheed: [Du meinst] Der Anziehungsaspekt.

Sinan: Die Anziehungskraft[, ja]. „Ich sehe es als ein Geschenk. Ich schätze Männer. Aber ich bin dabei, mich damit abzufinden, dass Allah (swt) mir das gegeben hat, damit ich es Ihm zurückgeben kann.

Und ich erkenne jetzt, dass dies der Sinn dahinter war, mir SSA zu geben.

Er gab mir etwas, das in meiner Reichweite lag, aber gleichzeitig sagte Er mir: ,Du darfst das nicht tun und du wirst es auch nicht tun, für Mich.‘ Er will also, dass ich es Ihm zurückgebe.“

Waheed: Dass du es um Seinetwillen loslässt.

Sinan: Ja. Also Er bittet mich, meine SSA an Ihn zurückzugeben, dieses Opfer zu bringen. Und Opfer schmerzen, sonst sind sie keine Opfer, von daher… Und plötzlich öffnete sich mein Herz. Und ich erinnere mich, dass ich [ihm] schrieb. Ich meine, in den letzten vierzig Tagen habe ich ihn – meinen Schutzengel – nie losgelassen, ich war nie derjenige, der ein Gespräch oder einen Wortwechsel, sozusagen einen Chat auf Skype beendete. Er vergewisserte sich immer, dass es mir gut ging, und dann beendete er das Gespräch und sagte: „Alles klar Bruder, wenn es dir gut geht, dann beende ich das [Gespräch] jetzt.“ Und zum ersten Mal – weil ich diese Erkenntnis hatte und mein Herz sich öffnete – sagte ich zu ihm:

Ich muss jetzt gehen. Ich muss jetzt gehen, weil ich spüre, dass Allah (swt) nach mir ruft und ich Ihn treffen muss. Ich muss Ihm das im Sudschud sagen, dass ich es für Ihn aufgebe.

Und er sagte: „Geh auf jeden Fall, geh, geh, geh, geh! Entschuldige dich nicht, geh einfach!“ Und das tat ich. Und was ich [daraufhin] erlebte, war Ruhe, Frieden und Klarheit, aber vor allem Ruhe. Ich erinnere mich an die Ruhe. Ich war so ruhig. Und das ist mein Wunder. In diesem Moment… ich spürte sofort, dass das Gefühl der Erstickung, die Verwüstung, der Schmerz nie wieder kommen würden. Es war weg.

Waheed: Was ist in dieser Nacht genau passiert? Du hast mit Allah (swt) gesprochen.

Sinan:  Ich sprach zu Allah (swt) und sagte: „Ya Rabb, Du hast mir diese natürliche Neigung gegeben und sie ist eine Prüfung von Dir“ – natürlich habe ich das immer gewusst – „aber ich überlasse mich Dir. Ich gebe mich Dir ganz und gar hin und ich gebe es Dir zurück, weil Du das von mir verlangst.

Du hast es mir gegeben, damit ich es Dir opfern kann, so wie Du Sayyidina Isma’il an Ibrahim gabst und dann sagtest: ,Du musst ihn mir zuliebe opfern, deinen eigenen Sohn.‘

Und das ist etwas Unerträgliches, oder? Dein eigenes Fleisch und Blut zu opfern. „Ich opfere es Dir also und ich verstehe, warum Du es mir gegeben hast. Ich verstehe jetzt, warum Du diese Last auf meine Schultern gelegt hast und ich gebe sie Dir zurück. Ich gebe sie Dir zurück und nehme sie nicht wieder zurück. Sie gehört Dir.“ Von diesem Moment an spürte ich einen leichten körperlichen… ich will es nicht Schmerz nennen, aber es war, als würde ich Allah in meiner Brust spüren. Und dieses Gefühl hatte ich danach noch monatelang. Monatelang, und das bis zum heutigen Tag. Ich meine, ich habe es jetzt nicht ständig, aber in den ersten paar Monaten hatte ich es die ganze Zeit. Ich wachte auf und es war das erste, was ich spürte. Es war… bis zum heutigen Tag, wann immer ich mich mit Allah (swt) verbinden will, denke ich an Ihn und das [Gefühl] setzt ein; ich kann Ihn spüren. Alhamdulillah. Das ist also das Wunder, wie ich es gerne nenne. Und ich habe gesagt, dass es [das Gefühl der Erstickung usw.] nicht mehr zurückkommen wird. Und weil mein Schutzengel wusste, wie niedergeschlagen ich war, fiel es ihm anfangs schwer, das zu glauben. Aber anfangs akzeptierte er das auch, als er erkannte, dass es wirklich so ist. Das ist wirklich ein Wunder; es kommt nicht zurück. Und da er ein unglaublich intelligenter Mensch ist – ein Mensch mit analytischem Verstand, einem erstaunlich analytischen Verstand, das ist er – sagte er:

Du hast eben die Blase platzen lassen. Das ist wie, wenn ein Kind aufhört, an den Weihnachtsmann zu glauben; es könnte nie wieder an den Weihnachtsmann glauben.

Waheed: Sobald es die Wahrheit herausfindet.

Sinan: Ja. „Und du hast die Wahrheit herausgefunden. Die Maske ist gefallen. Du hast das Monster getötet.“

Waheed: Und was hat sich in der Zeit danach für dich verändert? Inwiefern hattest du das Gefühl, dass sich die Dinge weiterentwickelten? Verbesserten?

Sinan: Nun, wenn du dich völlig unterwirfst, gibt Er (swt) dir Frieden. Wie mein Schutzengel es gerne nennt, aslim taslam – dieser Frieden und die Hingabe. Ich war also ruhig. Ich hatte nicht das Gefühl zu ersticken. Es verschwand über Nacht. Und ich löschte sämtliche Profile, die ich auf verschiedenen Websites hatte, und ich sprach einfach viele Dankesgebete und fühlte mich mit Allah (swt) verbunden. Wie mein Schutzengel immer sagte, und das sagte er sogar von Anfang an, noch vor dem Wunder: „Unser Kriterium für den Erfolg ist nicht, dass deine gleichgeschlechtlichen Anziehungen verschwinden, sondern dass sich dein Herz ganz Allah (swt) hingibt und das akzeptiert.“ Und eben das geschah schließlich. 

Waheed: Dass du dich in deiner eigenen Haut wohlfühlen und in Frieden leben kannst… 

Sinan: Dass ich im Grunde meinen Glauben akzeptiere. Dass mein Herz meinen Glauben annimmt. Ich meine, du kannst jedes Kind aus einer Masdschid fragen, es würde dir sagen:

Im Islam geht es darum, sich Allah (swt) zu unterwerfen. Du solltest also alles für Ihn aufopfern.

Und es ist eine Sache, das zu sagen, eine Sache, das mit dem Verstand zu akzeptieren, und eine [ganz] andere, das mit dem Herzen zu akzeptieren. Und das war der Kern meines Kampfes. Ich erkannte das erst, als mein Schutzengel in mein Leben trat und all die Stücke, die auf den Boden geworfen und voller Dreck waren, aufhob, abstaubte, reinigte und an ihren rechtmäßigen Platz stellte. Und am Ende war alles an seinem richtigen Platz und alles war sauber und perfekt. Und da beschloss mein Herz, sich zu öffnen und sich zu ergeben. Aber all das geschah nur, weil ich die emotionale Unterstützung und persönliche Akzeptanz bekam, um diese existenzielle Entscheidung zwischen richtig und falsch zu treffen.

Ein salienter Mann?

Waheed: In der Reparativtherapie [auch abfällig: Konversionstherapie] gibt es ein Konzept, das sich mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen befasst und die Therapeuten sagen dir, dass eine Person, die damit zu kämpfen hat, einen salienten [markanten/dominanten] Mann im Leben braucht. Und mit „salient“ meinen sie, dass der Mann wohlwollend, liebevoll und warmherzig sein sollte, aber gleichzeitig auch stark und entschlossen. Du hast also das Gefühl, dass dieser Schutzengel, den du beschreibst, diese Eigenschaften verkörpert?

Sinan: Das würde ich auf jeden Fall so sagen. Ich muss auch sagen, dass ich das Konzept der Reparativtherapie zum ersten Mal kennengelernt habe, als ich Straight Struggle beigetreten bin. Meine erste Reaktion war, dass ich es komplett ablehnte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es in mir nachhallt.

Waheed: Du hast nie persönlich eine solche… Du bist nie zu einem bestimmten Therapeuten gegangen und hast nach dieser Art von Therapie gefragt?

Sinan: Nein, nein. Und ich wusste und fühlte auch tief in meinem Herzen – lass es mich so sagen – dass es nichts für mich war. Ich erkannte nicht, dass der Grund, warum ich mich zu älteren Männern hingezogen fühlte, darin bestand, dass ich in meiner Kindheit eigentlich Probleme mit meinem eigenen Vater hatte. Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich, dass mein Schutzengel tatsächlich zu meiner Vaterfigur wurde. Ich nenne ihn auch gerne meinen „Wunschvater“. Oder meinen „Schicksalsvater“. Ich würde sagen, dass das, was du gesagt hast, bis zu einem gewissen Grad stimmt, aber ich weiß nicht so viel über die Reparativtherapie, da muss ich ehrlich zu dir sein. Aber ja, ich meine, das kommt bei mir schon an. Ich möchte den Menschen, die vielleicht die gleichen Vorbehalte wie ich gegenüber der Reparativtherapie haben, sagen, dass… denn ich war wirklich gekränkt, als ich das erste Mal davon hörte. Ich sagte:

Das ist so unwissenschaftlich und man muss keine schlimme Kindheit gehabt haben, um SSA zu entwickeln. Vielleicht gibt es keinen Grund für deine SSA. Und wichtig sind nicht die Gründe, sondern dass du es hast, und Punkt.

Ich meine, unabhängig davon. Ich akzeptierte also nicht, dass es einen Einfluss auf die Heilung haben könnte, weil mir die Ursachen egal waren. Ich konnte die Auswirkungen sehen, und das war völlige Zerstörung, völliges Ersticken, ein riesiger, unbegreiflicher Schmerz, der mein Leben beherrschte. Das waren die Auswirkungen davon. Und darauf konzentrierte ich mich. Die Ursachen waren mir völlig gleich. Heute erkenne ich durch meinen Schutzengel und das, was er für mich und mit mir getan hat, dass die emotionale Unterstützung durch einen älteren Mann in meinem Fall absolut entscheidend war, um mich für den Heilungsprozess zu öffnen – für die existenziellen Erkenntnisse, die ich benötigte, und für die Entscheidungen, die ich treffen musste. Hätte er mir das nicht gegeben, wäre ich nicht in der Lage gewesen, diese endgültige Entscheidung zu treffen. Indem er mir [aber] diese emotionale Unterstützung gab, entschärfte er einige der gefährlichen Stellen und gab mir den Grund, mich sicher zu fühlen, um diese Entscheidung zu treffen. Ich wurde von meiner Vaterfigur unterstützt. Er gab mir Liebe und Akzeptanz. Er hat mich nicht verurteilt. Er gab mir nur Ratschläge, Verständnis und Mitgefühl. Es war also sicher für mich, diese Entscheidung zu treffen. Es war sicher für mein Herz, dass mein Herz sich öffnete. Das ist im Grunde das, was letztendlich passiert ist, alhamdulillah. 

Die Rolle von Kindsheitserfahrungen

Waheed: Nur zur Klarstellung: Du sprichst [konkret] davon, wie du persönlich die Konzepte der Reparativtherapie wahrgenommen hast. Und ab Folge 7 bis 12 werden wir inshaAllah ausführlich darauf eingehen, um viele Missverständnisse aufzuklären und zu erkennen, dass vieles von dem, was du persönlich mit deinem Schutzengel erlebt hast, tatsächlich grundlegende Prinzipien auf dem Weg des Wachstums und der Heilung für Menschen mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen sind. Du brauchst einen Menschen, einen Mann, der wohlwollend, liebevoll und fürsorglich und gleichzeitig entschlossen und stark ist, um diese Probleme anzugehen, wie du sagtest, um dich zu entwaffnen, zu entwirren und dir zu erlauben, transparent und offen zu sein und viele der Schmerzen, die du durchmachst, und viele deiner Traumata anzugehen. Und viele von uns sind sich dessen nicht bewusst, [also] inshaAllah werden wir in Zukunft noch mehr darauf eingehen. Aber die Kindheit spielt sehr wohl eine Rolle – ich sage [hier] nicht, dass das in jedem einzelnen Fall zutrifft, aber bei einem Großteil der Menschen, die gleichgeschlechtliche Anziehungen haben, spielen Kindheitserfahrungen eine große Rolle. Traumata, die wir als Kinder erlebt haben, können wir bewusst wahrnehmen oder sie können in unserem Unterbewusstsein verankert sein. Aber eine gute Therapie hilft dabei, diese Erlebnisse zu verarbeiten, damit sie an die Oberfläche treten und man sie heilen kann. Meine Frage an dich lautet also: Wenn du auf deine Kindheit zurückblickst, erkennst du da bestimmte Muster, oder hast du nach diesem Wachstums- und Heilungsprozess, den du alhamdulillah in den letzten zwei Jahren durchgemacht hast, das Gefühl, dass einige Erlebnisse in deiner Kindheit einen lang anhaltenden Einfluss auf dich persönlich hinterlassen haben, wie z. B. traumatisierende Ereignisse, vielleicht Missbrauchserlebnisse, deine Beziehung zu deinem Vater, deine Beziehung zu deiner Mutter, deine Beziehung zu Gleichaltrigen, die Art und Weise, wie du deinen eigenen Körper wahrgenommen hast usw. Was kannst du uns in diesem Zusammenhang erzählen? Ich weiß, das ist eine große Frage. 

Sinan: Das sind [gleich] mehrere Fragen… Dort, woher ich komme, gibt es ein Sprichwort, das lautet: „Es ist nie zu spät, eine schlechte Kindheit zu haben.“

Waheed: Okay, interessant. 

Sinan: Und ich habe meine Kindheit immer als neutral betrachtet. Es war keine glückliche Kindheit. Ich hatte [aber] auch nicht das Gefühl, dass es eine schlechte Kindheit war. Sie war neutral. Nach meinem Schutzengel und der ganzen Heilung, die ich in den letzten zwei Jahren durchgemacht habe – und ich möchte nur klarstellen, dass das Wunder vor zwei Jahren geschah – betrachte ich meine Kindheit mit anderen Augen. Ich kann jetzt erkennen, dass es eine schreckliche Kindheit war. Früher hatte ich nicht das Gefühl, dass die Tatsache, dass ich in einem Zuhause lebte, in dem ich und meine Geschwister körperlich missbraucht und verprügelt wurden, ein Problem darstellte. Wir lebten eigentlich in einer Umgebung, die von ständigem Terror und ständiger Angst geprägt war. Wir hatten immer Angst, wenn unser Vater von der Arbeit nach Hause kam. Es gab viel Demütigung. Wenn ich so zurückblicke, schien es ihm Spaß zu machen, uns in der Öffentlichkeit zu schlagen. Es ist ja eine Sache, verprügelt und auf diese Weise diszipliniert zu werden, und [nochmal] eine andere, dass es in der Öffentlichkeit geschieht, oder? Zusätzlich zu den körperlichen Schmerzen also auch noch gedemütigt zu werden. Und das macht offensichtlich etwas mit dir, nicht? Das ist mir klar geworden. Mein Schutzengel hat mir geholfen, meine Eltern damit zu konfrontieren, und er hilft mir immer noch dabei und unterstützt mich. Natürlich ist auch er der Meinung, dass wir zu unseren islamischen Prinzipien stehen müssen, wenn es um unsere Eltern geht. Du darfst also nicht respektlos gegenüber deinen Eltern sein, aber es ist absolut verständlich und gerechtfertigt, deine Eltern auf respektvolle Art und Weise mit ihrem Fehlverhalten zu konfrontieren. Er hilft mir also dabei und das ist auch Teil meines Heilungsprozesses. Und natürlich hatte ich keine liebevolle Beziehung zu meinem eigenen Vater. Im Gegenteil, ich war sehr distanziert zu ihm. Das bin ich immer noch. Wenn man so erzogen wird, ist es schwierig, später eine Verbindung zu ihm aufzubauen. Ich bin also sehr distanziert zu ihm. Aber wir haben ein gutes [angemessenes] Verhältnis, alhamdulillah. Es ist sehr höflich [respektvoll]. 

Waheed: Es hat sich also gebessert?

Sinan: Die Dinge haben sich gebessert, alhamdulillah, und er hat akzeptiert, dass er in einer sehr schlechten Verfassung und nicht so in unserem Leben präsent war, wie er es hätte sein sollen. Er hat uns nicht die Liebe und Fürsorge gegeben, die wir als seine Kinder brauchen. Also im Grunde hat mir mein Schutzengel geholfen, die Beziehung zu meinem Vater wiederherzustellen.

Waheed: MashaAllah!

Sinan: MashaAllah. Gott segne ihn, subhanAllah. Ich habe ihn einfach so lieb. Also ja, das ist die Sache mit meinem Vater. Habe ich noch andere Kindheitstraumata erlebt? Na ja, damals fühlte es sich nicht wie ein Kindheitstrauma an. Aber als ich noch sehr jung war, mit sechs Jahren, hatte ich eine, wie man es nennen würde, gleichgeschlechtliche Bekanntschaft mit meinem Onkel, der drei Jahre älter war als ich.

Waheed: Er selbst war also noch ein Kind. 

Sinan: Er selbst war noch ein Kind. Und das wiederholte sich ein paar Jahre später, als wir älter waren, als ich 12 und er 15 war. Ich habe es nicht so traumatisch in Erinnerung. Aber natürlich sollte kein Kind im Alter von sechs Jahren sexuelle Beziehungen zu irgendjemandem haben.

Waheed: Ganz genau! Absolut! 

Sinan: Es hat also unbestreitbar einen Einfluss gehabt. Ich weiß nicht, welchen Einfluss oder inwiefern oder in welchem Ausmaß, aber es hat unbestreitbar einen Einfluss auf mein Leben gehabt. Ich war sechs und er war der Ältere, er war neun. Und auch später, als wir Jugendliche waren, wurde es nicht von mir initiiert, sondern von ihm. 

Waheed: Aber es gab einen Aspekt der Frühsexualisierung. 

Sinan: Eine starke Frühsexualisierung, die niemandem hätte passieren dürfen, keinem Kind. Also das ist passiert. Das war es im Grunde. 

Waheed: Okay, [kommen wir] zurück zur Gegenwart, wo sich die Dinge für dich sehr positiv entwickelt haben, alhamdulillah. Wie würdest du dein Leben im Moment beschreiben? Wie fühlst du dich persönlich, welches Maß an Frieden hast du, wie ist die Beziehung zu deinen Kindern und deiner Frau? All das. 

Sinan: Ich fühle mich viel besser. Ich bin an einem Punkt, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn erreichen würde, alhamdulillah. Ich bin so erleichtert und so dankbar. Und ich bin voller Hoffnung, das muss ich sagen. Natürlich habe ich immer noch mit SSA zu kämpfen, sie sind eine Rahmenbedingung in meinem Leben. Ich habe sie als solche akzeptiert. Ich bin kein Schwuler. Ich bin ein muslimischer Mann. Ich bin ein Vater. Ich bin ein Ehemann. Ich bin ein Seelenverwandter. Ich bin ein Freund. Ich bin ein Sohn. Ich bin ein Glaubensbruder, der mit SSA konfrontiert ist.

Waheed: [Das ist] Wunderschön, mashaAllah!

Sinan: Es ist kein Teil von mir. Das war es nie. Und ich habe es als solches akzeptiert. Aber ich leugne die möglichen Auswirkungen meiner SSA nicht. Ich habe sie angenommen. Ich habe mich selbst angenommen. Ich habe mich selbst akzeptiert. Nicht nur mein Schutzengel hat mich akzeptiert, sondern auch mehrere Brüder, die ich kennengelernt habe, und natürlich du, Waheed. 

Waheed: Ich fühle mich geehrt, [dich kennengelernt zu haben] alhamdulillah.

Sinan:  Die Ehre ist ganz meinerseits. Ich habe also all die Akzeptanz, nach der ich mich von meinen muslimischen Geschwistern gesehnt habe. Ich fühle mich von Muslimen akzeptiert, von Menschen meines eigenen Glaubens, und das hat den ganzen Unterschied gemacht. Alhamdulillah. Ich fühle mich unterstützt. Und wann immer ich mich mit meiner SSA überfordert fühle, habe ich ein Hilfsnetz, ich habe Menschen, an die ich mich wenden kann, alhamdulillah, und es ist nicht mehr existenziell [eine Frage der Existenz/des Seins]. Es ist nicht mehr diese riesige Frage, was ich tun soll, wofür ich mich entscheiden soll. Nein, ich habe mich entschieden und habe es Allah (swt) überlassen. Alles, alhamdulillah. Ich habe es Ihm zurückgegeben. Ich habe gesagt: „Du hast mir diesen Segen gegeben“, so betrachte ich meine SSA, als einen Segen, „und gleichzeitig wolltest Du sie zurückhaben, also habe ich sie Dir gegeben.“ Und jetzt stehe ich einfach vor Herausforderungen. Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden. Wenn ich mich also überfordert fühle, habe ich ein Hilfsnetz, an das ich mich wenden kann, und dann können wir dort ansetzen und es ist bewältigbar, es ist machbar, alhamdulillah.

Wenn die Maske fällt

Waheed: Also nur zur Klarstellung: Du hast vor ein paar Minuten etwas über „das Monster“ und „das Töten des Monsters“ erwähnt, und „dass die Maske gefallen ist“. Von welcher Maske sprichst du da eigentlich? Und was meinst du, wenn du sagst, dass „die Maske“ endlich „von dem Monster gefallen ist“?

Sinan: Was ich damit meine, dass die Maske gefallen ist, ist, dass ich mit meinem Schutzengel in diesen vierzig Tagen, während wir miteinander sprachen, nicht nur mit ihm gesprochen habe, sondern dass wir auch eine Menge Arbeit geleistet haben, eine Menge konzeptioneller Arbeit, eine Menge Sezieren und Auspacken dieses riesigen Monsters, mit dem ich konfrontiert war. Er sagte mir immer wieder: „Weißt du, Sinan, diese Sache, die seit Jahren auf dir lastet und dich erdrückt, ist nicht nur etwas Undifferenziertes. Unter der Oberfläche gibt es eine Reihe von Dingen, die hier vor sich gehen. Hier gibt es Schichten, die wir auspacken müssen. Wir müssen alle Stränge trennen und einen nach dem anderen angehen. Anstatt mit Muskelkraft vorzugehen, sollten wir sie in ihre Einzelteile zerlegen. Teilen und herrschen, sozusagen. Andernfalls wärst du nicht in der Lage, dem Gefühl zu ersticken ein Ende zu setzen. Du hast diese ganze Muskelkraft all die Jahre eingesetzt. Wir müssen sie in ihre Einzelteile zerlegen.“ Und genau das haben wir getan. In einem Gespräch nach dem anderen zerlegten wir in diesen vierzig Tagen dieses Ding namens „gleichgeschlechtliche Anziehung“ oder „Homosexualität“, die mich jahrelang erdrückt hatte. Natürlich war in meiner damaligen Wahrnehmung ein Großteil davon sexuell [bedingt], aber mein Schutzengel sagte mir immer wieder, dass es auch einen emotionalen Aspekt gab. Er sagte immer wieder, dass er nicht einmal daran interessiert sei, über meine SSA an sich zu sprechen, weil er spürte, dass sie nur eine oberflächliche Manifestation von tiefer liegenden Problemen waren. Es gab also den sexuellen Aspekt, aber auch einen sehr wichtigen emotionalen Aspekt. Mir wurde dann klar, dass vieles davon mit unerfüllten emotionalen Bedürfnissen aus meiner Kindheit und anderen familiären Problemen zu tun hatte, wie ich bereits erwähnt habe. Und dann hatte ich das Gefühl, von meinem Schutzengel empfangen zu werden, und das löste eine Menge Spannungen. Wir arbeiteten also an dem sexuellen Aspekt, aber er sagte immer wieder, dass das nicht der wichtige Aspekt sei, sondern der emotionale Aspekt. Und dann gab es da natürlich noch die spirituelle Komponente, an der er sehr interessiert war. Damit meine ich die Tatsache, dass mein Herz hin- und hergerissen war zwischen Allah (swt) und dem Verlangen nach dieser Sache, die ich nicht haben durfte. Diese Kreuzung, von der ich dir erzählt habe, dass mein Herz zwischen den emotionalen und spirituellen Bedürfnissen hin- und hergerissen war und ich mich nicht entscheiden konnte. Und mein Schutzengel sagte mir immer wieder: „Das Herz kann sich nach allem sehnen. Manche Menschen sehnen sich nach Geld, manche nach Macht, manche nach dem, wonach du dich sehnst.“ Und er sagte mir immer wieder, dass für jeden Menschen der Moment kommt, an dem er sich – tief in seinem Herzen – entscheiden muss zwischen dem, was er in seinem Herzen begehrt, wonach er sich sehnt und dem, was Allah (swt) von ihm will. Das ist eine sehr existenzielle und spirituelle Komponente, mit der ich mich auseinandersetzen musste, und ich wusste von Anfang an, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Aber um eine Entscheidung zwischen Allah (swt) und dem, was mein Herz begehrte, treffen zu können, musste ich emotional angenommen [umarmt] werden, und das [die emotionale Akzeptanz/Umarmung] gab er mir, mein Schutzengel. Aber er zerlegte auch alles, dieses riesige Monster, in seine Einzelteile, und das machte es mir leicht, den Schritt zu gehen. Und so erkannte ich, dass hier mehrere Dinge gleichzeitig vor sich gingen, mehrere Schichten, die sich zu einem riesigen Knoten zusammengefügt hatten, an dem ich seit Jahren am ersticken war und von dem ich nicht wusste, wie ich ihn lösen sollte. Das war im Grunde das Problem, an dem wir arbeiteten, das wir „teilten und herrschten“. Er sagte immer wieder:

Wir wissen, dass Allah Männer nicht erschaffen hat, um mit anderen Männern zusammen zu sein, sonst hätte er es nicht verboten, so viel ist klar. Es MUSS also etwas anderes dahinterstecken. Wir müssen einfach weitergraben und versuchen, herauszufinden, was es ist.

Und genau das haben wir getan, alhamdulillah. Wir gruben und gruben, bis die Maske fiel. Wenn ich sage, dass die Maske fiel und das Monster zum Vorschein kam, will ich damit sagen, dass dieser Klumpen, dieser riesige Knoten, der mich jahrelang belastet hatte, endlich aufgelöst wurde. Zusammen mit meinem Schutzengel hatten wir mit einer Taschenlampe auf die einzelnen Teile geleuchtet, aus denen es bestand, und so mein Problem entmystifiziert. Ja, genau das taten wir: Wir haben es entmystifiziert. Und wenn man etwas entmystifiziert hat, kann man es nicht mehr neu mystifizieren, richtig? Wenn du einmal erkannt hast, dass es falsch ist, kannst du nicht mehr zu dieser Erkenntnis zurückkehren. Deshalb sagte ich, dass es wie bei einem Kind ist, das eines Tages herausfindet, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. Sobald es das erkennt, kann es nie wieder an ihn glauben. Weil der Weihnachtsmann dann für immer verschwunden wäre. Im Grunde war es also dieser Abbau, an dem wir so viel gearbeitet hatten, der den Grundstein für das Wunder legte und der – in Kombination mit dem letzten, qualvollen Schritt, Allah (swt) wirklich alles ganz und gar zu überlassen – über Nacht dazu führte, dass sich die Wolke auf wundersame Weise lichtete und sich diese schreckliche, schreckliche Dunkelheit auflöste, die so lange auf mir gelastet hatte – jahrzehntelange Zerstörung und Erstickung. Die Verwüstung war mit einem Mal weg. Zum ersten Mal überhaupt. Völlig weg, und sie ist nie wieder zurückgekommen, alhamdulillah. Und tatsächlich fühlte ich mich am Tag nach dem Wunder und noch viele Wochen danach völlig erfüllt von der Liebe Allahs (swt), in meinem Herzen und in meinem ganzen Sein. Ich sonnte mich in Seiner Wärme, Seiner Liebe und der Gelassenheit des Friedens in Ihm, alhamdulillah.

Waheed: Das ist wunderschön. SubhanAllah…

Sinan: Alhamdulillah wa shukrulillah. Der wichtigste Aspekt an dem Wunder war natürlich die Ruhe, der Frieden und die Gelassenheit, die ein fester Bestandteil meines Lebens wurden. Gleich nach dem Wunder hörte die Erstickung auf alhamdulillah, und damit auch das Gefühl, in einem Zustand völliger Verwüstung gefangen zu sein, subhanAllah. Das kommt mir in den Sinn, wenn ich an die Zeit direkt nach diesem Wunder denke. Aber ich erlebte auch andere drastische und sehr unmittelbare Veränderungen; Veränderungen, die mir schon am nächsten Tag nach dem Wunder auffielen. Ich habe Männer nicht mehr zu Objekten gemacht oder sexualisiert. Damit habe ich direkt nach dem Wunder aufgehört. Dies geschah über Nacht, subhanAllah, und in den Tagen, Wochen, Monaten und sogar Jahren, die folgten, festigte sich das Gefühl des Friedens und der Ruhe, das ich direkt nach dem Wunder empfand. Ich begann zunehmend, in meiner eigenen Haut zu ruhen, wenn ich andere Männern um mich hatte. Das ist eine sehr bedeutende Veränderung und das ist sie immer noch. Allerdings hatte ich vor dem Wunder damit angefangen, mich von anderen Männern zu isolieren, vor allem von muslimischen Männern, weil ich mich schämte, dass ich sie ständig als Objekt betrachtete. Wenn ich zum Beispiel versehentlich einen Mann mit meinem Arm streifte, wurde mein ganzer Körper vor [dem Einsetzen des] dem Wunder „elektrisiert“, und das führte natürlich zu einer Menge Scham und Schuldgefühlen. Daher isolierte ich mich folglich. Nach dem Wunder änderte sich das komplett. Und zwar ganz plötzlich. Ich hatte das Gefühl, endlich frei zu sein. So ging ich wieder zu den früheren Treffen mit den Brüdern meiner muslimischen Gemeinschaft und ich erinnere mich besonders an einen Vorfall einige Wochen nach dem Wunder, bei dem ich an einer wöchentlichen Dhikr-Runde [Treffen zum Gottgedenken] teilnahm, die ich aufgrund meiner früheren und sehr massiven Herausforderungen durch meine SSA verlassen hatte. Und ich kann dir sagen, dass es wirklich sehr befreiend war, an einem Treffen teilzunehmen und festzustellen, dass ich wirklich Zeit mit meinen muslimischen Brüdern und Freunden verbringen konnte, ohne sie zu objektivieren. Das war wirklich sehr schön. Und ich erinnere mich, dass ich meinen Schutzengel anrief, gleich nachdem ich die Versammlung verlassen hatte. Und ich war – subhanAllah – ich war euphorisch, und er war sehr erstaunt und sehr dankbar, alhamdulillah. Und wir feierten, alhamdulillah, indem wir Allah (swt) lobten. Ähnliche Erlebnisse gab es auch in den darauffolgenden Monaten und ich hörte einfach auf, Männer zu objektivieren, einfach nur weil sie überhaupt Männer waren. Egal, wo ich hinging, z. B. an den Strand, zum Jumu’a-Gebet [Freitagsgebet] oder zu Familientreffen, ich war einfach ein Mann unter anderen Männern. Das war die Schlussfolgerung, die ich meinem Schutzengel immer wieder mitteilte. Irgendwann sagte er:

Weißt du, Sinan, du hast einen Punkt erreicht, an dem du ein Mann unter anderen Männern geworden bist. So einfach ist das.

Und das, subhanAllah, war ein großes Geschenk. Das war und ist immer noch extrem befreiend, alhamdulillah wa shukrulillah, und ich preise Allah (swt) [dafür], alhamdulillah.

Waheed: Das ist toll, mashaAllah!

Sinan: [Das ist] Eine dieser Veränderungen nach diesem unglaublichen Wunder, alhamdulillah. Natürlich fordern mich meine SSA immer noch von Zeit zu Zeit, und das werden sie wahrscheinlich auch für den Rest meines Lebens, Allahu a‘alam [Allah weiß es am besten]. Aber das ist die Rahmenbedingung [der Grundzustand] in meinem Leben, nicht? Und ich arbeite an diesen Herausforderungen mit der Hilfe meiner Brüder, die über mich Bescheid wissen, vor allem natürlich mit meinem Schutzengel, aber die Intensität und das Ausmaß dieser Herausforderungen haben direkt nach dem Wunder drastisch abgenommen, alhamdulillah, und sie sind nie wieder richtig aufgetaucht, alhamdulillah wa shukrulillah. 

Zu Fairness gegenüber dem Ehepartner

Waheed: Eine Frage, die sich die Zuhörer vielleicht gerade stellen… Du wusstest, dass du vorher in einer sehr schlechten Verfassung warst und, alhamdulillah, hat Allah da rausgeholt. Aber als du in einer sehr schlechten Verfassung warst, hast du geheiratet und Kinder bekommen, und dann wurde es noch schlimmer für dich – geistig, emotional und sogar körperlich. Viele im Publikum fragen sich vielleicht: Ist es deiner Frau gegenüber fair, dass sie sich auf diese Art von Ehe eingelassen hat, ohne zu wissen, womit du zu kämpfen hattest, oder die Tatsache, dass sie das alles ertragen musste? Wie du schon sagtest, kümmerte sie sich um dich, sie kümmerte sich um die Kinder, sie war eine berufstätige Mutter und sie hatte, wie wir alle, ihre eigenen persönlichen Probleme. Jetzt, alhamdulillah, sind die Dinge zwischen euch viel besser geworden, wie du sagtest. Aber was würdest du darauf antworten? 

Sinan: Das ist eine sehr schwierige Frage. Darauf gibt es keine einfache Antwort. Ist es ihr gegenüber fair? Nein, ehrlich gesagt nicht. Und es ist auch eine meiner verbleibenden Hauptsorgen, dass ich ihr am Tag des Gerichts, am Tag der Auferstehung, gegenübertreten muss. Aber ich habe das getan, ich habe sie fisabilillah geheiratet. Als ich heiratete, war ich zu 100% gleichgeschlechtlich orientiert. Ich hatte nicht das Bedürfnis, eine Frau zu heiraten. Also heiratete ich meine Frau nur um Allahs (swt) willen. Ich habe sie nur geheiratet, weil ich meinen Glauben vervollkommnen wollte. Ich habe sie auch geheiratet, weil ich wusste, dass sie mich beschützen und mich auf as-Sirat al-Mustaqeem [dem geraden Weg] halten würde. Ich hoffe also, dass Allah (swt) inshaAllah eingreifen und ihr sagen wird: „Er hätte es dir sagen sollen, aber weißt du was? Weil du das alles ertragen hast, gewähre ich dir Dschanna“, und dass sie das dazu bringen wird, mir zu verzeihen. 

Waheed: Das ist sehr, sehr süß, mashaAllah! Amin. Amin. 

Sinans Botschaften zum Mitnehmen

Waheed: [Hier ist] Eine der Fragen, die sich vielleicht auch den Zuhörern stellt, die sagen, „Wir haben versucht, das für Allah (swt) aufzugeben, und es ist immer noch sehr schmerzhaft! Es ist immer noch so niederschmetternd!“. In deinem Fall, Sinan, hattest du diesen Schutzengel in deinem Leben, der dir das ermöglichte. Wäre er nicht gewesen, wäre diese Entscheidung unglaublich schwer gewesen. [Diese Zuschauer könnten sagen:] „Er wäre [anderenfalls] dazu nicht in der Lage gewesen, oder? Es geht also nicht nur darum, dass man sagt, ,In diesem Moment gebe ich es für Allah (swt) auf und SSA wird in meinem Leben kein Problem mehr sein’“, oder? Also es gibt Nuancen und verschiedene Ebenen davon, richtig?

Sinan: Ganz genau. Barakallahu feek, dass du darauf hingewiesen hast. Ich möchte sagen, dass ich drei Jahrzehnte lang mit SSA zu kämpfen hatte und gerade zwei Jahrzehnte lang gelitten habe, als ich [dann] meinen Schutzengel traf. Und als er mir begegnete, war ich völlig am Boden zerstört und erdrückt. Ich lag praktisch in der Gosse und war kurz davor, den Fehler meines Lebens zu begehen. So verflüchtigten sich zwei Jahrzehnte der Verwüstung innerhalb von 40 Tagen. Und genau das ist meine Botschaft an die muslimische Umma [Gemeinschaft]. Vierzig Tage der Liebe. Vierzig Tage bedingungslose Liebe. Das ist meine Botschaft an die muslimische Umma. Akzeptiert die Menschen so, wie sie sind. Liebt sie. Bringt ihnen Verständnis entgegen. Schließt sie nicht aus, weil ihr Angst vor ihrer Herausforderung habt. Das ist nicht ansteckend. Du wirst dich nicht anstecken. Du musst deine Abscheu nicht offen zeigen. Entfremdet sie nicht. Geht auf uns zu, wie ihr auf jeden anderen Muslim zugehen würdet, der mit einer anderen Herausforderung zu kämpfen hat, die Allah (swt) [ihm] gegeben hat. Wenn also jemand, der ein Alkoholproblem hat, zu dir kommt, in die Masdschid kommt und sagt: „Weißt du was? Ich habe ein Alkoholproblem. Ich leide an Alkoholismus. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Dann sagst du nicht: „A’udhubillah! [Ich suche Zuflucht bei Allah] Was ist das? Kannst du [bitte] die Masdschid verlassen!?“ – Nein! Du würdest mit all deinem Mitgefühl und all der Liebe und Fürsorge, die du aufbringen kannst, sagen: „SubhanAllah Akhi [mein Bruder], das muss wirklich schwer sein. Wie kann ich dir dabei helfen? Möge Allah dir dabei helfen. Lass uns gemeinsam Du’a machen.“ Du würdest ihm Unterstützung geben. Ganz genau. Und damit wir das tun können, brauchen Menschen mit SSA ein einladendes Umfeld, und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das tun konnte, obwohl mich wie gesagt die Menschen in den verschiedenen muslimischen Gemeinschaften in meinem Land wirklich gern hatten. Aber auch wenn ich das [Umfeld] hatte, fühlte ich mich nicht sicher genug, um mich ihnen gegenüber zu outen und ihnen zu sagen, dass ich darunter leide. „Was kann ich tun? Könnt ihr mir bitte helfen?“ Und das brauche ich so sehr [diese Fragen stellen zu können/diese Hilfe zu bekommen]. Und ist es nicht tragisch, dass ich, als ich endlich beschloss, dass ich Unterstützung brauche und mich outen muss, das nur bei einem Nichtmuslim tun konnte? Und nachdem ich das getan hatte und die unmittelbare Erleichterung spürte, die mir das gab, und ich mehr davon brauchte, konnte ich nur auf eine Schwulenwebsite gehen und das promiskuitiven schwulen Männern erzählen, anstatt das Gefühl zu haben, dass ich zu meinen muslimischen Brüdern und Schwestern gehen kann? Ist das nicht tragisch? SubhanAllah. Das ist der Grund, warum ich diese Folge aufnehme. Und lass mich noch etwas sagen. Und das weißt du, Waheed. Ich hatte eine Menge Vorbehalte, meine Geschichte zu erzählen. Einige der Vorbehalte rührten natürlich daher, dass ich wusste, dass ich das so gründlich machen würde, mit so vielen Details, dass, wenn jemand, den ich kenne, das hört, er/sie sofort wüsste, wer ich bin. Es besteht also ein Risiko. Und ich wusste auch, dass es wirklich schmerzhaft sein würde, und um ehrlich zu sein, ist das das erste Mal seit zwei Jahren, dass ich [gedanklich] wieder in mein Gefühl der Erstickung zurückgekehrt bin. Nach dem Wunder habe ich die Tür zugemacht. Und tatsächlich fragte mich mein Schutzengel, ob wir einen Artikel darüber schreiben könnten und ich sagte: „Ja, das könnten wir tun.“ Aber das habe ich nie getan, weil es zu schmerzhaft war. Ich tue dies also aus zweierlei Gründen. In erster Linie möchte ich all meinen Brüdern und Schwestern, die an SSA leiden, die Botschaft übermitteln, dass, egal wie ernst und schwer, wie erdrückend und verheerend ihr euch fühlt, und dass wenn es kein Licht am Ende des Tunnels gibt, ja, wenn es tatsächlich gar keinen Tunnel gibt, sondern [nur] völlige Dunkelheit. Du befindest dich in einem Kerker, in dem es faulig und stinkend ist und in dem völlige Dunkelheit herrscht –

Waheed: Es gibt keinen Ausweg. Viele Menschen stehen sogar am Rande des Selbstmords. 

Sinan: Ja, genau. Und ich hatte diese Todeslust schon so lange. [Aber] Egal, wie niedergeschlagen und hoffnungslos du dich fühlst, du solltest wissen, dass ich mal in deinen Schuhen steckte. Ich habe genau das Gleiche gefühlt. Aber du solltest auch wissen, dass Allah (swt) offensichtlich immer Seine Versprechen hält und dass Er dir diese Last abnehmen wird, wenn die Zeit gekommen ist, inshaAllah. Es gibt Hoffnung, und du solltest nie die Hoffnung verlieren. Ich habe die Hoffnung verloren und das war fast tödlich. Bitte verliert niemals die Hoffnung. Das ist meine Botschaft an all meine Brüder und Schwestern dort draußen, die darunter leiden. Ich weiß, was ihr durchmacht. Ich habe es erlebt. Ich habe in euren Schuhen gesteckt. Es wird bewältigbar werden, inshaAllah. Es wird besser werden, inshaAllah, sobald ihr bereit seid, mit eurem Schicksal Frieden zu schließen, inshaAllah ta’ala. Und ich hoffe, dass ihr jemanden finden werdet, der euch dabei helfen kann. Das bringt mich zu meiner zweiten Botschaft, an die muslimische Umma: Bitte wendet euch an eure muslimischen Brüder und Schwestern, die darunter leiden. Wir brauchen euch. Es ist wirklich wichtig, dass ihr euch meldet. Wir brauchen euch. Wenn ihr einem Muslim helft, Frieden und Akzeptanz zu erlangen, kann das euer Ticket nach Dschanna [Paradies] sein, inshaAllah. Und zusätzlich zu der Belohnung, die euch dadurch zuteil wird, werdet ihr einen Muslim haben, der ein Leben lang Du’a für euch macht. Ich habe Niyyahs [Absicht/Vorhaben] genommen – ich mache eine Menge Du’a für meinen Schutzengel, jeden Tag. Offensichtlich. Ich kann gar nicht damit aufhören, Du’a für diesen Mann zu sprechen. Er ist mein Schutzengel, mein Retter. Darüber hinaus habe ich Du’a gemacht, dass jeder meiner Atemzüge als Du’a für ihn gelten soll. Also bitte, an die muslimische Umma: Bitte, bitte, bitte hört auf, uns auszugrenzen. Hört auf, uns zu entfremden. Schafft ein Umfeld, das einladend ist. Das nennt man Da’wa [Einladung zum Islam]. Das ist eine Verpflichtung. Bitte haltet sie ein. 

Schlussgedanken und Gebete

Waheed: Bruder Sinan, ich möchte dir aufrichtig und von ganzem Herzen dafür danken, dass du heute mit mir diese Folge aufgenommen hast. Ich weiß, dass es nicht leicht für dich war, mir und den Zuhörern diesen Teil deines Lebens zu offenbaren. Ich bin mir sicher, dass viele von uns irgendwie davon getriggert wurden, dass wir in unsere Vergangenheit zurückversetzt wurden und die Höhen und Tiefen mit dir erlebt haben. Im Namen aller Zuhörer möchte ich dir aufrichtig danken. Jazakallahu khairan wa barakallahu feek [Möge Allah dich belohnen und segnen] dafür, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Es ist eine Geschichte des Schmerzes, aber auch eine Geschichte des Triumphs, alhamdulillah. Es ist eine Geschichte des Mutes. Es ist eine Geschichte der Verwundbarkeit und Heilung. Vielen Dank, dass du heute so verwundbar mit uns warst. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Danke, dass du nicht aufgibst. Danke, dass du Allah (swt) liebst und immer einen Platz für Ihn in deinem Leben hast, dass du deine Weisheit mit uns teilst und dass du dich entschieden hast, hierher zu kommen, um deine Geschichte mit den Menschen zu teilen, um ihnen zu sagen, dass es ein Licht am Ende des Tunnels, dass es Hoffnung gibt, und um der muslimischen Umma zu sagen, dass wir aufstehen und uns selbst [unsere eigenen Reihen] annehmen müssen. Diese Botschaft ist unglaublich wichtig. Ich fühle mich sehr, sehr geehrt. Ich fühle mich geehrt, dass du heute bei uns bist und ich bin sehr bewegt. Ich war die ganze Folge über bewegt, subahnAllah. Bevor ich diese Folge beende, möchte ich ein Gebet für Bruder Sinan sprechen, für seine Frau und seine Familie, für seinen Schutzengel, für die ganze Familie von Straight Struggle, die dich unterstützt hat, alhamdulillah, und für alle, die zuhören, egal ob sie mit SSA zu kämpfen haben oder nicht: Möge Allah dich erheben, möge Allah dich lieben und dich mit Seiner Liebe erfüllen. Möge Allah dich leiten und dich standhaft auf dem rechtschaffenen Weg machen. Möge Er deine Tage mit Glück und Gelassenheit und Taqwa [Gottesbewusstsein] und Rechtleitung und Frieden füllen, möge Er deine Wunden heilen und dir helfen, zu wachsen und zu heilen und angenommen und geliebt zu werden und dir ermöglichen, andere zu lieben und auf eine Weise geliebt zu werden, die gesund und rein und nicht von dieser Welt ist, inshaAllah, und möge Allah [dir] Barakah [Segen] und Taufiq [Erfolg] geben, und möge Er alle Menschen segnen, die dir geholfen haben, besonders deinen Schutzengel und alle, die eingegriffen haben, als du das brauchtest, alhamdulillah. Möge Allah euch allen erlauben, ohne Strafe oder Rechenschaft mit all euren Lieben in Dschanna einzugehen, inshaAllah. Das war… Was für eine Episode! Nochmals vielen Dank, dass du hier warst.

Was für eine Episode! Nochmals vielen Dank, dass du hier warst.

Sinan: Danke, dass du mich eingeladen hast. Jazakallahu khairan. Und ich wollte dir nur sagen, dass mir diese Podcast-Reihe sehr am Herzen liegt, alhamdulillah. Als du mir das erste Mal davon erzählt hast, war ich so aufgeregt. Ich wusste nicht, dass ich ein Teil davon sein würde, subhanAllah. Aber das hat da draußen gefehlt und ich mache Du’a, dass es vor allem unsere Brüder und Schwestern erreicht, die an SSA leiden und mit ihrem Glauben kämpfen, subhanAllah. Ich bete auch, dass sich die Herzen der muslimischen Umma öffnen inshaAllah, dass al-Fattah [ein Name Allahs, der Eröffner] ihre Herzen für ihre Brüder und Schwestern öffnet, inshaAllah. Das hier ist wirklich eine wichtige Arbeit. Möge Allah (swt) dich segnen und dich für diese Arbeit immens belohnen.

Waheed: Amin, wa iyyakum ajma’in [und euch und uns alle], inshaAllah, barakallahu feek. 

Sinan: Das ist sehr, sehr wichtig. Und es fehlt. Es fehlte da draußen, [und] jetzt ist es hier, alhamdulillah wa shukrulillah. Möge Allah dich segnen, beschützen und bewahren inshaAllah, und möge Er dich zum Tag der Auferstehung führen, ohne dass du Rechenschaft ablegen musst inshaAllah, und die Tore Dschannas, Dschannatul Firdaus [die Höchste Stufe im Pradies] weit öffnen, inshaAllah, dich einladen und dich zu den Nachbarn der Propheten machen. 

Waheed: Amin, amin wa iyyakum und an alle, die zuhören. Barakallahu feek. Ich bin in diesem Moment zu Tränen gerührt, subhanAllah. Und damit sind wir am Ende der heutigen Folge angelangt. Ich möchte mich bei meinem heutigen Ehrengast Sinan dafür bedanken, dass er seine Geschichte mit uns geteilt hat. Ich freue mich darauf, inshaAllah nächsten Freitag mit euch zu sprechen, wenn wir im ersten Teil einer zweiteiligen Reihe über die Entstehung und die Ursachen gleichgeschlechtlicher Anziehungen sprechen. Bis dahin möchte ich euch daran erinnern, dass unsere Folgen, wie ihr wisst, auf unserer Website awaybeyondtherainbow.buzzsprout.com abrufbar sind und ihr sie jederzeit über eure Lieblings-Podcast-Apps wie Apple Podcasts, Google Podcast, Spotify, Stitcher, iHeart Radio und TuneIn Radio hören könnt. Ihr könnt mir jederzeit eine E-Mail an awaybeyondtherainbow@gmail.com schicken. Wenn ihr Sinan euren Salam [Friedensgruß] schicken, ihm eure Liebe schenken und gerne einen Ratschlag geben möchtet, könnt ihr euch gerne über die E-Mail melden und ich werde eure Nachrichten persönlich an ihn weiterleiten, inshaAllah. Bis zum nächsten Freitag, inshaAllah, ich wünsche ich euch eine wunderbare, wundervolle Woche und freue mich darauf, bald [wieder| mit euch zu sprechen. Das war Waheed Jensen in „A Way Beyond the Rainbow“, assalamu’alaikum wa rahmatullahi wa barakatuhu.

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