Warum leiden Menschen? Die Existenz Gottes und das Problem des Bösen

Einleitung

In diesem Aufsatz wird argumentiert, dass die Existenz des Bösen weder ein logisches noch ein wahrscheinliches Argument gegen die Existenz Gottes ist und dass der Islam eine umfassende Theodizee anbietet, d. h. eine systematische Lösung für das Problem des Bösen. Dieser Aufsatz ist im Wesentlichen eine Zusammenfassung und Übersetzung der phänomenalen Forschungsarbeit von Dr. Sami Ameri zu diesem Thema.1

Der unbewegliche Felsbrocken

Dass das Böse im atheistischen Diskurs eine zentrale Rolle spielt, ist kein Geheimnis. George Bΰchner, ein deutscher Atheist und Dichter, nennt das Problem des Bösen den „unbeweglichen Felsbrocken des Atheismus“.2 Während einer Debatte im Jahr 2013 mit dem Titel „Der Ursprung des Lebens: Evolution oder Design“ [engl. The Origin of Life: Evolution or Design] hat der Atheist Michael Ruse deutlich gemacht, dass der einzige Grund für seine Verweigerung, an Gott zu glauben, das Problem des Bösen ist. In seinem berühmten Werk There is a God: How the World’s Most Notorious Atheist Changed His Mind [dt. Es gibt einen Gott: Wie der berühmteste Atheist der Welt seine Meinung änderte] behauptet der ehemalige Atheist Antony Flew, dass vor allem in der westlichen Welt das Problem des Bösen das am häufigsten angeführte Argument für den Atheismus ist.3 Das ist nicht nur in intellektuellen Kreisen der Fall. In einer aktuellen Studie wurden die Amerikaner gefragt: „Wenn du Gott nur eine Frage stellen könntest und du wüsstest, dass Er dir eine Antwort geben würde, was würdest du fragen?“ Die häufigste Frage war: „Warum gibt es Schmerz und Leid auf der Welt?“4

Unter Theisten gibt es zwei große [Denk]Schulen, wenn es um das Problem des Bösen geht. Das erste Lager – zu dem laut Timothy J. Keller (einem Christen) die meisten christlichen Philosophen gehören – behauptet, dass die Existenz des Bösen die Existenz Gottes nicht widerlegt. Mit anderen Worten: Sie weisen zu Recht auf das logische Problem hin, dass die Existenz des Bösen ein Beweis für den Atheismus sei.5 Das zweite Lager ist das der Theodizee-Anhänger, die darüber hinausgehen und versuchen, Gottes Weisheit zu verstehen, wenn Er das Böse zulässt.

Dieser Aufsatz stellt die umfassende Theodizee des sunnitischen Islams vor, die sich ausschließlich auf unsere bewahrten heiligen Texte (den Qur’an und die authentische Sunna) stützt, denn es ist die Verzerrung früherer Schriften, die viele Theologen daran hindert, eine kohärente Theodizee anzubieten. Selbst innerhalb des Islams haben sich, wie William Montgomery Watt feststellt, nur revisionistische Sekten wie die Mutaziliten – die versuchten, mit einer hybriden Theologie eine Brücke zwischen dem Qur’an und der griechischen Philosophie zu schlagen – in ihrer Literatur mit dem Problem des Bösen auseinandergesetzt; die sunnitischen Schriften taten dies nur selten.6 Der sunnitische Geist, der die Offenbarung voll und ganz akzeptierte, hatte keine Schwierigkeiten damit, die göttliche Weisheit so zu sehen, dass sie die Fäden des Schmerzes und des Leidens zu einer brillanten Geschichte verwebt; einer Geschichte, die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in Einklang bringt, einer Geschichte, die aus dem Schmerz ein Happy End ableitet, einer Geschichte, die den „unbeweglichen Felsbrocken“ als Baustein für den eigenen spirituellen Aufstieg sieht.

Was macht das Böse zu einem Problem?

Das Böse in der Welt war schon immer ein Problem, aber es hat sich erst in den letzten Jahrhunderten zu einer Revolte gegen Gott und die Religion entwickelt. Warum ist das so? Was ist jetzt anders?

Das Leben wird als sinnlos erachtet

Die allmähliche Umorientierung der westlichen Mentalität vom „Lebenssinn“ zur „Lebensqualität“ war ein Nebenprodukt der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Diese radikale Verschiebung des Fokus, bei der die Mittel zum Leben das Streben nach einem transzendenten Zweck verdrängten, machte die Frustrationen des Lebens schließlich immer unerträglicher. Wenn die gesamte Existenz auf dieses Leben reduziert wird und das Leben nicht länger als Mittel zu einem größeren Ziel gesehen wird, kann man davon ausgehen, dass die Sicherung unmittelbaren Vergnügens und die Vermeidung von Schmerz die einzigen Ziele werden – und mit Sicherheit unerreichbare Ziele. Um es mit den Worten von C.S. Lewis zu sagen:

Für die Weisen der alten Zeit bestand das Hauptproblem darin, wie man die Seele an die Realität anpasst, und die Lösung war Wissen, Selbstdisziplin und Tugend. Sowohl für die Magie [der alten Zeit] und die angewandte Wissenschaft [der Neuzeit] besteht das Problem darin, die Realität den Wünschen der Menschen zu unterwerfen.

C.S. Lewis, The Abolition of Man (Harpercollins e-Books, 2014), S. 77.

Es ist daher kein Wunder, dass vor allem westliche Gemeinschaften trotz ihres vielen Luxus und Komforts die größten Schwierigkeiten haben, mit dem Problem des Bösen umzugehen. Wie Victor Frankl es ausdrückte: „Mehr Menschen haben heute die Mittel zum Leben, aber keinen Sinn zum Leben.“7 Die Sinnlosigkeit ist es, die das Leben zu einem Gefängnis macht, in dem die Insassen verzweifelt zwischen den Mauern von Leben und Tod hin- und herlaufen und vor jedem Stich in Panik geraten. In einem Leben ohne Sinn ist jedes Zwicken ein unerklärliches – und unvermeidliches – Zufallsereignis, das nur in Sachen Energie und Materie eingeordnet werden kann und nur Chaos, Aufruhr und eine Tragödie darstellt.

Eine Ära erhöhter Sensibilität

Es ist natürlich und verständlich, dass das Problem des Bösen in jedem Zeitalter unter denjenigen verstärkt wird, die besonders sensibel sind: Menschen, deren empathisches Herz bei der Träne eines Kindes, der Schwäche eines älteren Menschen und dem Schmerzensschrei eines Opfers wehtut. Bedenke jedoch, dass der Durchschnittsmensch in der heutigen Zeit einen noch nie dagewesenen Luxus genießt, der durch technologische Entwicklungen ermöglicht wird. Bedenke auch, wie der medizinische Fortschritt zur Vorbeugung vieler Krankheiten, zur Schmerzbehandlung und zum Zugang für Menschen mit Behinderungen geführt hat. Diese Entwicklungen haben das Leben der Menschen enorm verbessert, aber sie haben auch unsere Empfindlichkeiten geschärft und unsere Toleranz gegenüber Schmerz und Leid geschwächt. Deshalb sind die meisten Phänomene, die von Atheisten angeführt werden, um die Bösartigkeit des Bösen darzustellen, humanitäre Krisen, die in medizinisch und technologisch weniger fortgeschrittenen Nationen auftreten, Nationen, deren Menschen immer noch unter Krankheiten und Hungersnöten leiden, die im Westen nahezu ausgerottet wurden.

Der Anstieg des Egos

Nach der Französischen Revolution ging nicht nur das Zeitalter der Imperien zu Ende, sondern es folgten auch die zentralisierten Nationen, und dann wurden sogar Stammeszugehörigkeiten und Familienbanden auf dem Altar des Einzelnen geopfert. Als sich der Staub dieses globalen Abbaus von Beziehungen gelegt hatte, blieb nur noch das menschliche Ego übrig, das nun monströser war als je zuvor, denn diese Zerstörung der Gesellschaft ermöglichte es, dass noch neuere Formen des Individualismus die Herrschaft erlangten. Wenn Menschen aufhören, sich als Teil eines größeren Kollektivs zu sehen, und beginnen, ihre eigenen Interessen als vorrangig zu betrachten, führen das Leiden und die Not anderer natürlich nicht zu Empathie oder Solidarität. In einem Klima, das mit „mir“ beginnt und mit „mir“ endet, ist das Böse nicht mehr nur ein Problem, sondern führt zu einem langsamen Selbstmord in einer tauben, gefühllosen Welt.

Der Wahn des modernen Menschen

Die Entdeckungen und Durchbrüche der Neuzeit haben die Menschen zu der Annahme verleitet, dass sie alles im Universum vollständig verstehen und mit absoluter Sicherheit bestimmen können, was existiert und was nicht. In A Secular Age [dt. Ein säkulares Zeitalter] beschreibt Charles Taylor treffend, wie die westliche Gesellschaft in der Neuzeit eine anthropozentrische [den Menschen in den Mittelpunkt stellend] Haltung gegenüber dem Universum eingenommen hat.8 Mit anderen Worten: Der säkulare Mensch sieht sich heute als Herr des Universums und kommt zu dem Schluss, dass alles, was sein Auge nicht sehen kann, nicht existiert und dass alles, was sein Verstand nicht als weise erkennt, albern sein muss.

Die Frage anfechten

Es ist bedauerlich, dass sich viele Theisten in die Ecke gedrängt fühlen, wenn es um das Problem des Bösen geht, und den Atheisten die Rolle des Fragestellers im Gespräch überlassen. Zuallererst darf die Verbindung zwischen der „Existenz des Bösen“ und der „Existenz Gottes“ niemals unangefochten bleiben. Es handelt sich um zwei verschiedene Themen, die nicht miteinander verwechselt werden sollten. Viele Menschen gehen davon aus, dass Gott, da das Böse existiert, entweder unwissend, gefühllos oder unfähig sein muss, es zu beseitigen. Da Gott als allwissend, barmherzig und allmächtig gilt, wird davon ausgegangen, dass die Existenz des Bösen bedeutet, dass Gott nicht existieren kann. Doch selbst Richard Dawkins, der legendäre Vater des Neuen Atheismus, sagt, dass die Vorstellung, dass Gott grausam ist, eine logisch plausible Lösung für dieses Dilemma ist. Er schreibt: „Aber für einen anspruchsvolleren Gläubigen, der an eine übernatürliche Intelligenz glaubt, ist es kinderleicht, das Problem des Bösen zu lösen. Man braucht nur einen bösen Gott zu postulieren – wie den, der auf jeder Seite des Alten Testaments zu finden ist.“ 9 Sicherlich würden Monotheisten diese Option aus gutem Grund ablehnen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Dawkins’sche Hypothese die oben beschriebene zu häufig verwendete falsche Logik entlarvt. Letztlich ist das Problem des Bösen ein Problem für Atheisten. Für Gläubige an Gott stellt die Existenz des Bösen weder ein Problem dar, noch bringt sie diese zur Verzweiflung.

Atheisten, die fragen, warum es das Böse gibt, offenbaren auch zahlreiche Fehler in ihrer Weltanschauung. Erstens impliziert die Frage nach dem „Warum“, dass man davon ausgeht, dass es eine Erklärung gibt, und offenbart den unbewussten Glauben aller Menschen, dass unser Leben einen Sinn hat. Andernfalls würden wir uns alle einem Nihilismus hingeben, dem Gut und Böse gleichgültig sind. Zweitens zeigt die Frage, warum es das Böse gibt, dass wir uns als moralische Wesen sehen, doch diese immaterielle Qualität der Moral hat keinen Platz in der Sichtweise der Atheisten, dass nur das, was greifbar ist, real ist. Drittens offenbart die Frage, warum es das Böse gibt, dass man das Böse als Abnormität und das Gute als die vorherrschende Norm ansieht. Bevor man also fragt: „Warum gibt es das Böse?“, sollten vernünftige Menschen Fragen stellen wie „Warum ist das Gute wichtig?“, „Was ist gut?“ und „Warum gibt es so viel Gutes?“.

Die Frage nach der Existenz des Guten ist die weitaus lohnendere Frage, denn erst wenn man das vorherrschende Prinzip erkannt hat, kann man auch die Ausnahmen von diesem Prinzip verstehen. Die Menschen würden die außergewöhnlichen Gesetze der Physik, Chemie und Biologie für immer als inkohärent ansehen, wenn sie anfingen, diese Wissenschaften anhand der seltenen Ausnahmen zu studieren, die von diesen Gesetzen abweichen. Genauso können Atheisten den „Felsbrocken des Bösen“ nie überwinden, solange sie nicht die Demut aufbringen, zuzugeben, dass das Böse die Ausnahme in einer Welt mit unzähligen Phänomenen ist, die gut, geordnet und schön sind. Man denke nur an die Zeiten, in denen wir im Laufe unseres Lebens krank oder gesund sind, an die Zeiten, in denen wir beeinträchtigt oder funktionsfähig sind, an die Momente, in denen unsere Arterien fließen oder verstopfen, an die Jahrzehnte des Wohlstands oder den Ruin einer durchschnittlichen Zivilisation, an die Jahrhunderte des Ruhens oder des Ausbruchs von Vulkanen oder an die Jahrtausende, in denen die Planeten nicht miteinander kollidieren. Woher kommt all das vorherrschende Gute? Energie und Materie, die in einer Welt des Chaos und Zufalls schwimmen, könnten niemals eine Welt hervorbringen, in der das Gute die Regel ist. Ironischerweise bestätigt die wissenschaftliche Empirie dies: Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass die Gesamtentropie (der Grad der Unordnung oder des Zufalls) in einem isolierten System ohne äußeren Einfluss immer zunimmt und dass dieser Prozess unumkehrbar ist. Mit anderen Worten: Geordnete Dinge werden immer zusammenbrechen und sich auflösen, wenn nicht etwas von außen auf sie einwirkt. Blinde thermodynamische Kräfte hätten also niemals von sich aus etwas Gutes hervorbringen oder das Gute so weit verbreiten können, ohne dass der Schöpfer diese scheinbar zufälligen, chaotischen Phänomene zu den wunderbaren Dingen angeordnet hätte, die wir erleben, wie Schönheit, Weisheit, Freude und Liebe. Erst wenn wir festgestellt haben, dass die Norm gut ist, können wir hoffen, die Ausnahme des Bösen zu begreifen.

Kein intelligenter Mensch sollte die Brillanz eines spektakulär konstruierten Palastes mit Tausenden von atemberaubenden Räumen, die die Sinne betören sollen, leugnen, nur weil ein paar Räume unangenehm erscheinen. Es wäre lächerlich zu behaupten, dass dieser wunderbare Palast das Ergebnis eines zufälligen Zusammenstoßes von Steinen, Stahl, Holz und Drähten ist, nur weil wir die Weisheit in der Anordnung dieser wenigen Räume nicht erkennen können. In einem solchen Fall würde es die Vernunft gebieten, das Urteil auszusetzen. Vielleicht gefällt das der Person, die dort wohnt, oder vielleicht sollte sie das an ihre bescheidenen Anfänge erinnern, damit sie ihre Segnungen nicht als selbstverständlich erachtet.

Mit Blick auf unsere eigene Anatomie und nicht nur auf hypothetische Paläste behaupteten Evolutionisten einst, dass unser Körper 180 rudimentäre Organe hat – Teile, die im Laufe der menschlichen Evolution funktionslos geworden sind. Sie wussten nicht, dass dies ein vorschnelles Urteil war, weil ihre Funktionen nicht ausreichend erforscht waren. Im Laufe des letzten Jahrhunderts ist diese Zahl immer weiter gesunken, so dass einige Anatomen heute glauben, dass die Funktion jedes einzelnen Organs bekannt ist.10

Diese „rudimentären Organe“ weisen uns auf ein weiteres Problem bei der Frage hin, warum es das Böse gibt. Wir gehen davon aus, dass wir alles verstehen, was in uns und um uns herum existiert, während sich die Erkenntnistheoretiker einig sind, dass die Wahrnehmung und sogar die Vorstellungskraft der Menschen in Wirklichkeit äußerst begrenzt sind. In The Inductive Problem of Evil [dt. Das induktive Problem des Bösen] erklärt William Alston, wie die Menschen durch den Mangel an Daten, die lähmende Komplexität vieler Phänomene, die Unklarheit über das, was metaphysisch möglich oder notwendig ist, ihre Unkenntnis über die gesamte Bandbreite an Möglichkeiten und Werten und ihre voreingenommenen Urteile als subjektive Geschöpfe fest gefesselt sind.11 In der heutigen Zeit sollte uns unser beispielloses Wissen zu größerer Demut führen als je zuvor. Mehr denn je können wir heute beobachten, wie enorm komplex die Natur sein kann. Ein gutes Beispiel dafür ist der berühmte Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie, nämlich dass „der Flügelschlag eines Schmetterlings in Rio de Janeiro, verstärkt durch atmosphärische Strömungen, zwei Wochen später einen Tornado in Texas auslösen kann.“12 Das erinnert uns daran, dass die unerwartetsten Faktoren über große Zeitspannen hinweg dennoch eine Verbindung haben, die sehr real ist.

Das ist nur eines von unzähligen Beispielen, mit denen man erklären kann, dass das Böse nicht immer das Ergebnis einer einfachen linearen Entwicklung ist und auch nicht den Naturgesetzen folgt, die nur die am besten ausgebildeten Wissenschaftler verstehen. Oftmals ist es auf ein astronomisch komplexes Zusammenspiel von Faktoren zurückzuführen, die wir nicht wirklich erfassen können. Theisten haben daher jedes Recht, Behauptungen in Frage zu stellen wie: Ein Reh, das wegen eines Waldbrandes einen langsamen und schmerzhaften Tod erleidet, ist nichts weiter als ein sinnloses Übel, das niemals eine Weisheit oder ein höheres Gut mit sich bringen kann. Auch wenn hinter solchen Szenarien verschiedene Weisheiten stecken können (siehe unten), ist es klar, dass einige Übel eindeutig durch menschliches Handeln in Gang gesetzt werden und wir die Kausalkette vielleicht nie ganz verstehen werden.

Die Weisheit hinter dem Bösen

Der Qur’an und die Sunna behaupten nicht nur, dass die Existenz des Bösen rational mit der Existenz eines allwissenden, allmächtigen und barmherzigen Gottes in Einklang gebracht werden kann. Sie bekräftigen auch, dass hinter dem, was als Böses erscheinen mag, eine erkennbare Weisheit steht, und daher beinhaltet die sunnitische Theodizee „Vernunft, die von der Offenbarung geleitet wird“. Auch wenn hinter jedem „Übel“ im Universum eine tiefe Weisheit steht, können wir als endliche Wesen diese Weisheiten jedoch nur auf einer allgemeinen Ebene verstehen. Wir sollten auch verstehen, dass ein weiser Gott uns nicht jede Weisheit offenbaren würde, um zu garantieren, dass die Prüfung, die sich Leben nennt, auch tatsächlich als solche dient. Diese Besonderheiten sollten daher nicht als irrational, sondern eher als suprarational (jenseits unseres Verständnisses) abgetan werden, aber das sollte uns nicht davon abhalten, zu versuchen zu verstehen, warum Gott sie zulässt. Vereinfacht ausgedrückt:

  • Gott ist der Weiseste;
  • Gottes Weisheit macht es notwendig, dass hinter allem, was existiert, Weisheit steckt;
  • Gottes Weisheit macht es notwendig, dass einige Übel aus tiefgreifenden Gründen existieren;
  • Gottes Weisheit macht es notwendig, dass der Grund für jedes Übel nicht sofort offengelegt werden kann, damit das Leben als Prüfung gelten kann; und
  • Gottes Weisheit macht es notwendig, dass einige der Hauptgründe für das Übel offengelegt werden, um den Menschen bei der Bewältigung der Schwierigkeiten des Lebens zu helfen.

Bevor wir auf diese Hauptweisheiten eingehen, muss gesagt werden, dass eines der grundlegendsten Konzepte der sunnitischen Theodizee ist, dass es das reine Böse nicht gibt. Ibn al-Qayyim (gest. 1350), der vielleicht größte sunnitische Theologe, der über Theodizee geschrieben hat, sagt:

Das Böse als eigenständiges Phänomen, an dem keine Dimension des Guten beteiligt ist, gibt es in dieser Welt nicht. Es gibt nichts in unserer Existenz, das man als rein böse bezeichnen könnte, denn jedes Übel in dieser Welt ist aus dem einen oder anderen Blickwinkel gut. Zum Beispiel schadet Krankheit dem Körper aus einer Perspektive, während sie aus anderen Perspektiven die Geduld auf die Probe stellt, Widerstandskraft hervorruft und vielleicht sogar die Immunität stärkt. Die meisten unliebsamen Dinge sind in der Regel so – immer mit einem gewissen Nutzen für den Menschen verbunden.

Siehe: Ibn al-Qayyim, Shifā’ al-‘Alīl fī Masā’il al-Qaḍā’i wal-Qadari wal-Ḥikmati wat-Ta‘līl (Kairo: Dar at-Turath, 1978), S. 380-413.

Dieses goldene Prinzip gilt sowohl für natürlich vorkommende Übel als auch für Übel, die von willentlichen Akteuren (Menschen/Dschinn) begangen werden. Gott lässt ihre Existenz zu, weil das Gute ihrer Existenz das Gute ihrer Nichtexistenz überwiegt. Was natürlich vorkommende Übel angeht, so sind Vulkane kein reines Übel, denn sie regenerieren das Ökosystem, das das Leben auf der Erde überhaupt erst möglich macht. „Ohne Vulkanausbrüche und alles, was sie freisetzen, könnten Bauern keine Nahrungsmittel anbauen, bestimmte Baumaterialien wären nicht verfügbar und unsere Atmosphäre hätte nicht ihre sauerstoffreiche Umgebung.“13 Wenn es um Übel geht, das von vorsätzlichen Akteuren begangen wird, solltest du bedenken, dass selbst Satans Existenz nicht rein böse ist, denn erstens wurde er nicht „erschaffen, um die Menschen in die Irre zu führen“, sondern er hat arrogant rebelliert, indem er den ihm gegebenen Willen benutzt hat. Außerdem gibt Satan den Anhängern Gottes ein Ziel, um sich gegen das Böse zu wehren, ermutigt sie, bei Gott Zuflucht vor seinen Fallen zu suchen, einschließlich Stolz und Eitelkeit, und vieles mehr.

Aus diesem Grund schreiben der Qur’an und die Sunna der Schöpfung oder ihren [der Schöpfung] Handlungen in der Regel das Böse zu, denn aus der vollständigen Perspektive Gottes ist dieses „Böse“, das Er entstehen ließ, in Wirklichkeit überwiegend gut. So heißt es zum Beispiel im Qur’an: „Sag: Ich nehme Zuflucht beim Herrn des Tagesanbruchs vor dem Übel dessen, was Er erschaffen hat‘“ [113:1-2]. An anderer Stelle bezieht sich der Qur’an auf die Absicht Gottes, Strafe zu verhängen, im Passiv, wobei der „Täter“ entsprechend weggelassen wird, während ausdrücklich gesagt wird, dass Gott Rechtleitung beabsichtigt: „Und wir wissen doch nicht, ob für diejenigen auf der Erde Schlechtes gewollt wird oder ob ihr Herr sie zur Besonnenheit (führen) will“ [72:10]. An anderer Stelle schreibt der Prophet Abraham (Friede sei mit ihm) Gott die Erschaffung, Rechtleitung, Ernährung und Heilung zu, während er sich selbst die Krankheit zuschreibt: „[Er ist derjenige]Der mich erschaffen hat und mich (nun) rechtleitet, und Der mir zu essen und zu trinken gibt und Der, wenn ich krank bin, mich heilt“ [26:78-80]. Der Prophet Muhammed ﷺ ließ keinen Raum für Zweideutigkeiten und wiederholte diese vorgeschriebene Etikette in einem Bittgebet: „Und alles Gute ruht in Deinen Händen, und das Böse ist Dir nicht zuzuschreiben.14

Ibn Taymiyya (gest. 1328) gibt viele Beispiele dafür, dass es bei dieser differenzierten Unterscheidung um mehr als nur um Semantik geht. Er erklärt, dass das Böse – so wie wir es wahrnehmen – zwar in Gottes Schöpfung zu finden ist, dass aber nichts darauf hindeutet, dass Gott die gleichen Eigenschaften besitzt wie Seine Schöpfung. Wenn Gott zum Beispiel die Hautfarbe eines Menschen oder den Duft einer Blume erschaffen hat, bedeutet das nicht, dass Er diese Hautfarbe hat oder diesen Duft verströmt. Ebenso bedeutet die Tatsache, dass Gott Menschen mit unangenehmen Eigenschaften erschaffen hat, sei es körperlich oder verhaltensmäßig, nicht, dass diese Hässlichkeit eine Eigenschaft Gottes ist.15 Ibn al-Qayyim fügt hinzu: „Wenn der Sklave eine hässliche, verbotene Handlung begeht, dann ist das, was er getan hat, sicherlich böse und sündhaft, und der Herr ist derjenige, der ihn dazu befähigt hat, der ‚Täter‘ dieser [Tat] zu sein. Diese Befähigung Gottes ist Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Ordnungsmäßigkeit, denn dass Er jemanden befähigt hat, [frei] zu handeln, ist gut, während seine Manifestation [in diesem Fall] böse und hässlich war. Durch die Befähigung hat Gott die Dinge dort platziert, wo sie hingehören, denn darin [in der Gewährung des freien Willens] steckt tiefe Weisheit, für die Er gepriesen werden sollte. Deshalb ist dies tatsächlich gut und weise und nützlich, auch wenn das, was der Sklave tut, ein Fehler, ein Mangel und böse ist.“16 Mit anderen Worten: Gott hat Wesen mit einem gewissen Grad an freiem Willen geschaffen, den sie manchmal nutzen, um auf böse Weise zu handeln. In diesen Fällen ist Gott nicht die direkte Ursache des Bösen, sondern vielmehr die ursprüngliche Ursache dieses Instruments, das für das Böse eingesetzt wurde, sowie derjenige, der dessen [des Bösen] Existenz für das größere Gute zulässt.

Mit dieser Grundregel der sunnitischen Theodizee im Hinterkopf wollen wir nun einige dieser Dimensionen des „größeren Guten“ und der „göttlichen Weisheit“ hinter dem Bösen, dem Schmerz und dem Leid in unserer Welt untersuchen.

Ein Spiegelbild von Gottes Größe

Preis sei Demjenigen, Der die Paare alle erschaffen hat von dem, was die Erde wachsen lässt, von ihnen selbst und von dem, was sie nicht wissen!

Qur’an, 36:36.

Die Erschaffung von Gegensätzen wie Gut und Böse entspringt der Vollkommenheit von Gottes Weisheit, und die Tatsache, dass Er sie für uns sichtbar macht, ist Ausdruck Seiner Gnade. Die Erschaffung von Tag und Nacht, von Süßem und Saurem, von Heißem und Kaltem, von Schmerz und Freude, von Tod und Leben, von Krankheit und Gesundheit spiegelt ebenfalls Seine Größe und Vollkommenheit wider. Obwohl die Eigenschaften Gottes von Natur aus vollkommen sind, könnten wir Gottes Größe nicht erkennen, wenn wir sie nicht in unserer Welt sehen würden. Wäre die Schöpfung nicht, wäre es schwieriger, Gottes Eigenschaft als Schöpfer zu erkennen. Hätte Gott nicht Menschen erschaffen, die Böses tun, wäre es viel schwieriger, Gottes Eigenschaften der Nachsicht und Vergebung und sogar Seine Eigenschaften der Gerechtigkeit und Herrschaft zu erkennen. Würde sich ein König auf eine der vielen Handlungen beschränken, zu denen er fähig ist, wäre er sich entweder seiner eigenen Fähigkeiten nicht bewusst, oder er wäre sich nicht bewusst, welch großen Nutzen diese Handlungen für andere mit sich bringen würden. Derjenige, der über vollkommenes Wissen und vollkommene Fähigkeiten verfügt, beschränkt sich nicht auf eine einzige Handlung oder Art von Handlung, denn das wäre ein Fehler in Seiner Souveränität. Es ist Teil Gottes vollkommener Fähigkeit, dass Er gibt und verweigert, belohnt und bestraft, erhebt und herabsetzt, ehrt und erniedrigt, befähigt und besiegt, beschleunigt und verzögert, nützt und schadet. Gleichzeitig ist es Seiner Weisheit zu verdanken, dass die Menschen nicht gleich behandelt werden, weil sie nicht gleich sind, denn das würde Seiner vollkommenen Gerechtigkeit widersprechen. Der Qur’an ist voll von Tadel über diejenigen, die sehr unterschiedliche Dinge gleichsetzen (wie Gott und den Menschen) und diejenigen, die zwischen gleichwertigen Dingen unterscheiden (wie Hautfarben), wie könnte Gott also etwas als Makel verurteilen und dann selbst damit beschrieben werden? Allah sagt: „Oder meinen diejenigen, die böse Taten verüben, dass Wir sie denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, gleichstellen sowohl in ihrem Leben als in ihrem Tod? Wie böse ist, was sie urteilen!“ [45:21]. Wenn Gottes wunderbare Namen und Eigenschaften offenkundig gemacht werden sollen, was nur durch die Existenz von Gegensätzen und Gegenstücken möglich ist, verlangt die Weisheit daher, dass diese Gegensätze existieren. Gäbe es sie nicht, würden Gottes Eigenschaften nicht existieren, was unvorstellbar ist.17

Der Qur’an und die Sunna erinnern uns oft daran, dass Gottes unvergleichliche Liebe und Sein Mitgefühl für die Menschen so groß sind wie Er selbst. In vielen Fällen ist es nichts anderes als das Phänomen des Bösen, das die Bühne für die Manifestation dieser göttlichen Attribute bereitet. Daher sind alle folgenden „Weisheiten“ keine vereinzelten Erklärungen, sondern vielmehr Dimensionen dafür, wie Gottes Liebe, Sein Mitgefühl und Sein guter Wille für Seine Diener den Kern jedes Stachels und jedes Dorns bilden.

Das Leben sinnstiftend gestalten

Segensreich ist Derjenige, in Dessen Hand die Herrschaft ist, und Er hat zu allem die Macht. (Er,) Der den Tod und das Leben erschaffen hat, damit Er euch prüfe, wer von euch die besten Taten begeht. Und Er ist der Allmächtige und Allvergebende.

Qur’an, 67:1-2.

Prüfungen erfordern von Natur aus, dass man Herausforderungen bewältigt und Hindernisse überwindet, bevor man erfolgreich ist. Sollten wir etwas anderes als das von unserer Prüfung, die sich Leben nennt, erwarten? Es ist von großem Nutzen zu verstehen, warum wir existieren, denn falsche Erwartungen sind vielleicht die größte Ursache für die Frustrationen des Lebens. Wenn Menschen ihre Erwartungen an Gott auf „bedingungslose Liebe“ reduzieren und dann erwarten, dass Gott sie so behandelt, als wären sie Seine Haustiere, werden sie für immer von einer Welt enttäuscht sein, die nie als hedonistisches Paradies gedacht war, und werden alles, was ihren Begierden widerspricht, als böse ansehen. Aber wenn diese falsche Wahrnehmung vermieden wird, können die Menschen ihre Perspektive neu einstellen und sich für den Aufstieg ihrer kurzen Lebenszeit entscheiden. Gott sagt: „Jede Seele wird den Tod kosten. Und Wir prüfen euch mit Schlechtem und Gutem als Versuchung. Und zu Uns werdet ihr zurückgebracht.“ [21:35]. Al-Alūsi erklärt: „Wir prüfen euch mit dem, was euch missfällt und was euch gefällt. Werdet ihr geduldig und dankbar, oder werdet ihr ungläubig und ignorant sein?“18 An anderer Stelle im Qur’an sagt Gott: „Meinen die Menschen, dass sie in Ruhe gelassen werden, (nur) weil sie sagen: ‚Wir glauben‘, ohne dass sie geprüft werden? Wir haben bereits diejenigen vor ihnen geprüft. Allah wird ganz gewiss diejenigen kennen, die die Wahrheit sprechen, und Er wird ganz gewiss die Lügner kennen.“ [29:2-3]. Diese Verse sind für die Theodizee-Diskussion besonders wertvoll, denn sie helfen uns zu erkennen, dass die Prüfung von Gut und Böse nicht nur eine Verhaltensprüfung ist, sondern auch eine Glaubensprüfung – eine Bewährungsprobe für Zweifel, nicht nur für Begierden. Durch diese Prüfungen zeigt sich die Treue eines Menschen zu seinen Überzeugungen, vor allem, wenn er die Weisheit eines Ereignisses im Universum nicht ausmachen kann.

Vor allem, wenn wir mit Bösem geprüft werden, wenn die Hämmer der Not auf uns niederprasseln, neigen sich der Verstand und das Herz des Menschen den wertvollsten Fragen über die Realitäten dieser Welt, ihren Schöpfer und ihren Zweck in ihr zu. Anders ausgedrückt: Es wäre unsinnig, den Prüfungsraum des Lebens mit allen Antworten in der Hand zu betreten, und es sind die Herausforderungen des Lebens, die uns dazu bringen, eifrig nach diesen Antworten zu suchen. Wenn wir das tun, finden wir nicht nur denjenigen, der die Antworten hat, sondern stellen fest, dass Er selbst die Antwort ist. Vielleicht ist das der Grund, warum die obigen Verse ein Kapitel im Qur’an einleiten, das mit den folgenden Worten endet: „Diejenigen aber, die sich um Unsertwillen abmühen, werden Wir ganz gewiss Unsere Wege leiten. Und Allah ist wahrlich mit den Gutes Tuenden.“ [29:69].

Es ist darauf hinzuweisen, dass es bei dieser Prüfung des Strebens aus islamischer Sicht darum geht, Reinheit zu wahren oder zu ihr zurückzukehren, und nicht darum, die „innewohnenden Übel“ zu überwinden. Gott hat den Menschen mit moralischer Aufrichtigkeit erschaffen: „Wir haben den Menschen ja in schönster Gestaltung erschaffen“ [95:4]. Dann stattete Gott uns mit der Fähigkeit aus, das Gute vom Bösen zu unterscheiden [91:8] und schickte uns in diesem Leben aus, damit wir unseren Verstand, unser Herz und unsere Glieder einer Prüfung unterziehen [76:2]. Wenn wir verdorbene Indoktrination und fehlgeleitete Neigungen vermeiden, werden wir in allen unseren Angelegenheiten aufrichtig bleiben. Gott hat jeden Menschen auch mit einer fiṭra (spirituellen Veranlagung) ausgestattet, die den bösen Einflüssen widersteht, die versuchen, die Schönheit ihrer [der fiṭra] ursprünglichen Natur zu zerstören. Deshalb sind es die aufrechten Menschen und ihre reine fiṭra, die die Menschheit im Wesentlichen ausmachen. Die Elemente, die uns zum Bösen neigen, sind es, die das Leben zu einer Prüfung machen, aber sie wirken sich nur aus, wenn wir die Stimme der gottbezogenen fiṭra schwächen und ihre göttliche Flamme nicht entfacht wird.

Da das Leben als Prüfung gedacht war, wäre diese Prüfung bedeutungslos, wenn wir nicht einen gewissen freien Willen hätten. Wie könnte sonst unser gutes Handeln lobenswert oder böses Handeln verwerflich sein, wenn wir wie Federn im Wind sind, ohne jegliche Handlungsmacht? Alvin Plantinga macht in The Nature of Necessity [dt. Das Wesen der Notwendigkeit] deutlich, dass das moralisch Gute die Möglichkeit des moralisch Bösen voraussetzt: „Die Tatsache, dass diese freien Geschöpfe manchmal etwas falsch machen, spricht jedoch weder gegen Gottes Allmacht noch gegen Seine Güte, denn Er hätte das Auftreten des moralisch Bösen nur verhindern können, wenn er die Möglichkeit des moralisch Guten ausgeschlossen hätte.“19 Die Hingabe der Menschen für das moralisch Gute zu werten, ist der Sinn des Lebens und der Grund, warum es das Böse geben muss.

Demut vor Gott und das Vertrauen auf Gottes Weisheit sind die höchste Form des moralisch Guten. Sich mit der Tatsache abzufinden, dass man nur Pixel sehen kann, während Gott das ganze Bild sieht, ist eine große Prüfung der intellektuellen Demut. Zu akzeptieren, dass du wie die Ameise auf dem Teppich bist, die das Meisterwerk, auf dem sie läuft, als chaotischen Dschungel sieht, erfordert das größte Maß an Demut. Die Größe Gottes zu sehen, sich einzugestehen, dass man selbst nicht wie Gott ist, und zu erwarten, dass man „blinde Flecken“ [tote Winkel] hat, die manche Übel geheimnisvoll erscheinen lassen, ist die grundlegendste Prüfung des Glaubens an das Unsichtbare. Wie Gott sagt: „Und unter den Menschen gibt es manchen, der Allah nur am Rande dient. Wenn ihn etwas Gutes trifft, ist er damit beruhigt, doch wenn ihn eine Versuchung trifft, macht er eine Kehrtwende. Er verliert das Diesseits und das Jenseits. Das ist der deutliche Verlust.“ [22:11].

In gleicher Weise, als die Engel Gott danach fragten, ob Er Menschen erschaffen hat, die böse Taten begehen würden, waren sie mit der Antwort zufrieden, dass Gott weiß, was sie nicht wissen. In Demut und vollem Vertrauen in Gottes Weisheit akzeptierten sie Sein überlegenes Wissen: „Und als dein Herr zu den Engeln sagte: ‚Ich bin dabei, auf der Erde einen Statthalter einzusetzen‘, da sagten sie: ‚Willst Du auf ihr etwa jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir Dich doch lobpreisen und Deiner Heiligkeit lobsingen?‘ Er sagte: ‚Ich weiß, was ihr nicht wisst.‘“ [2:30].

Ibn al-Jawzi (gest. 1201) sagt: „Der Verstand hat die Weisheit des Schöpfers erkannt und weiß, dass sie [die Weisheit] weder Fehler noch Mängel hat. Diese Erkenntnis verpflichtet ihn dazu, zu verzichten [sich nicht gegen das zu wehren], was auch immer ihm von dieser [Weisheit] verborgen ist. Wenn ihm eine bestimmte Sache unklar ist, wäre es daher falsch, daraus zu schließen, dass das Prinzip selbst ungültig ist.“20 Welche Weisheit könnte zum Beispiel darin liegen, ein Boot zu beschädigen und seine Besatzung dem Ertrinken auszusetzen? Was für eine Weisheit könnte darin liegen, ein junges, unschuldiges Kind zu töten? In der Geschichte vom Propheten Moses und al-Khidr [18:60-82] wurden diese scheinbar sinnlosen Übel enthüllt, um uns die feinen, verborgenen Fäden des göttlichen Wandteppichs zu zeigen. Diese Geschichte zeigt, dass wir die Weisheit, die hinter scheinbaren Übeln steckt, oft nicht begreifen können. Moses (Friede sei mit ihm) wusste nicht, dass die Beschädigung des Bootes verhinderte, dass es von einem Piratenkönig erobert wurde, und dass die Tötung des sündlosen Kindes eine Gnade für ihn und seine Eltern war, die ihnen ein größeres Übel erspart hätte, wenn es unter ihnen erwachsen geworden wäre.

Schließlich wäre die Prüfung des Lebens auch sinnlos, wenn es die Naturgesetze dieser Welt nicht gäbe, denn es ist unsere Erkenntnis von kohärenten Mustern – wie Ursache und Wirkung -, das uns dazu zwingt, uns mit unserer Realität auseinanderzusetzen. Wenn Wölfe für Lämmer blind wären und Engel Rehe aus Waldbränden retten würden, wenn Viren wie von Zauberhand von unseren Körpern gleiten würden, wenn Pfefferspray plötzlich auf den Augen jedes Vergewaltigers auftauchen würde, wenn der Abzugsfinger jedes Schützen gelähmt wäre und wenn Essen im Bauch jedes hungernden Kindes auftauchen würde, dann wäre diese „perfekte Welt“ in Wirklichkeit ziemlich fehlerhaft, weil sie keine geltenden Gesetze oder Kausalitätsmuster hätte und weil ihre „Fehlfunktion“ ständig Gottes Eingreifen erfordern würde. In Wirklichkeit aber ist diese Welt durch diese Gesetze so gestaltet, wie sie sein soll, und sie sind da, damit das Leben als Bühne für die Prüfung des Lebens dienen kann. Es muss Ereignisse geben, die es erforderlich machen, sich zuversichtlich mit Bittgebeten an Gott zu wenden, mutig diejenigen zu retten, die in Gefahr sind, und selbstlos denen zu dienen, die in Not sind. Es ist wahr, dass die Gesetze, die Gott geschaffen hat, um das Leben möglich, stabil und angenehm zu machen, dieselben Gesetze sind, die das Leben manchmal schmerzhaft und unangenehm machen. Das Schmelzen der Gletscher bewässert das Land und löscht den Durst von Menschen und Tieren, kann aber auch zu zerstörerischen Überschwemmungen führen. Blitze versorgen Pflanzen mit Stickstoffoxid, können aber auch einen Menschen tödlich treffen. In all diesen Fällen hat Gott jedoch ein Naturgesetz geschaffen, das einen weitaus größeren Nutzen für die Welt bietet als das gelegentliche Übel, das es verursacht. Zu diesem größeren Nutzen gehört unter anderem die Fähigkeit, sich auf eine nachvollziehbare Realität (Naturgesetze) einzulassen und zu bewerten, wie unser Wille im Lichte dieser Realität eingesetzt wird.

Im Jenseits ernten

Dieses irdische Leben ist nur Zerstreuung und Spiel. Die jenseitige Wohnstätte aber ist wahrlich das eigentliche Leben, wenn sie (es) nur wüssten!

Qur’an, 29:64.

Wenn wir unser vergängliches Leben in dieser Welt mit dem Leben im Jenseits vergleichen, löst sich das Problem des Bösen und des Leids auf. Was sind schon 70 Jahre vermeintlichen Elends, wenn man sie nicht mit 70 Billionen, sondern mit endlosen Jahren unvorstellbarer Glückseligkeit vergleicht? Umgekehrt führt die Reduzierung unserer Existenz auf dieses Leben dazu, dass wir die „ungerechten“ Momente des Lebens noch negativer wahrnehmen. Ein Muslim sieht das Jenseits als unausweichliche Realität, die unsere Existenz im Diesseits fast in den Schatten stellt, wie der Prophet ﷺ sagte: „Wenn Allah das irdische Leben für so viel wert wie den Flügel einer Mücke halten würde, wäre es einem Ungläubigen nicht erlaubt, einen Schluck Wasser daraus zu nehmen.“21 Ali b. Abi Talib (möge Allah mit ihm zufrieden sein) beschrieb diesen Moment der Ankunft im Jenseits weiter und wie er dieses ganze Leben fast wie einen Traum erscheinen lässt, indem er sagte: „Die Menschen schlafen tief. Wenn sie sterben, wachen sie auf.“22

Es ist üblich, dass Atheisten die Vorkommnisse des Bösen in der Welt zusammenfassen und sie insgesamt darauf verweisen, um die Emotionen ihrer Zuhörer zu wecken, und versuchen, die Menschen zum Zorn gegen Gott zu bewegen. Indem sie an die Emotionen appellieren, versuchen sie, diese Schmerzen und Leiden so darzustellen, als wären sie keine Ausnahmen, sondern die Regel. Doch selbst wenn diese manipulativen Taktiken unbemerkt blieben, würde die evidenzbasierte Überzeugung eines Muslims von einem Jenseits ausreichen, um ihnen entgegenzuwirken. So sagte der Prophet ﷺ in einer tiefgründigen Überlieferung: „Die Person, die in dieser Welt – von den Leuten des Paradieses – am ehesten verwüstet ist, wird am Tag der Auferstehung nach vorne gebracht und ein einziges Mal in das Paradies getaucht. Dann wird gesagt werden: ‚O Sohn Adams, hast du irgendeine Not gesehen? Hast du irgendeine Bedrängnis erlebt?‘ Sie wird sagen: ‚Nein, bei Allah, meinem Herrn! Ich habe keine Bedrängnis erlebt; ich habe keine einzige Not gesehen.‘“23 Diese Person wird nicht lügen, sondern wird mit diesem einzigen Eintauchen in Wonne alle früheren Schwierigkeiten vergessen. Im Nu wird diese Person, die in der Welt benachteiligt, bemitleidet und der „Unrecht“ angetan wurde, zum Gegenstand tiefer Bewunderung für Milliarden von zuvor „privilegierten“ Schaulustigen. Der Prophet ﷺ sagte: „Am Tag der Auferstehung, wenn den Menschen, die Bedrängnis erlitten haben, ihr Lohn zuteil wird, werden diejenigen, die verschont blieben, sich wünschen, ihre Haut wäre mit Klingen zerschnitten worden, als sie in der Welt waren.“24

Menschliches Leid, das Unglück Unschuldiger und die Behauptung, dass „das Leben ungerecht ist“, sind allesamt berechtigte Beschwerden – aber nur, wenn der Glaube an das Jenseits geleugnet wird. Die hässlichsten Gräueltaten wie die von Hitler und Stalin oder die an Hiroshima und Nagasaki begangenen und die traurigsten Krisen wie die der hungernden Kinder sind im Vergleich zum ewigen Leben fast nichts. Der Prophet ﷺ flehte Gott um diese durchdringende Einsicht an und betete in vielen Zusammenkünften darum, dass ihm „die Gewissheit zuteil wird, durch die Du uns das Unglück dieser Welt erleichtern wirst“.25 Denjenigen, der die ewige Natur des Jenseits versteht, bringt es nicht aus der Fassung, wenn man ihn auffordert, „zu erklären, dass ein Kind vergewaltigt und dann getötet wurde“, denn er vergleicht die Tortur eines Augenblicks mit einer unendlichen Freude, die mit der Zeit zunimmt und nie vergeht.

In Wirklichkeit ist es der Atheismus, der sich mit dem Problem des Bösen auseinandersetzen muss, nicht diejenigen, die dieses Leben mit all seinen Strapazen als eine Schattenwelt neben dem Genuss des nächsten Lebens sehen. Der Gläubige, dessen Geist [Verstand] durch die Offenbarung erhellt wird, versteht, dass so wie die tote Erde jeden Frühling zum Leben erweckt wird und so wie wir vor unserer Geburt unbelebt waren und zum Leben kamen, unser Tod nicht unser Ende sein wird, sondern nur der Anfang – der Übergang zu einem neuen Leben, in dem jedes Ärgernis und jeder Schmerz vergessen sein wird. Es ist interessant, wie sich manche Menschen über das Streben nach dem Paradies lustig machen, aber gleichzeitig mühsame Jahre des Studiums in Kauf nehmen, um einen Abschluss zu machen, etwas zu essen auf den Tisch zu bringen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Wir alle halten es für gerecht, jahrelang zu investieren und zu schuften, um ein Haus mit beschränkten Wänden (egal wie geräumig) und etwas zu essen (egal wie köstlich) zu bekommen, aber manche finden es ungerecht, für eine unendliche, unvorstellbare Glückseligkeit zu arbeiten. In Wirklichkeit aber hat man, egal welche Ambitionen man hier verwirklicht, welche Freuden man sich gesichert und welche „Übel“ man vermieden hat, nicht wirklich etwas anderes als einen Tropfen aus einem Ozean mitgenommen. Der Prophet ﷺ sagte: „Das Beispiel dieses irdischen Lebens im Vergleich zum Jenseits ist nichts anderes als das Beispiel von einem von euch, der seinen Finger in das Meer taucht – er soll sehen, was er herausbringt.“26

Obwohl ein achtsamer Muslim also das Problem des Bösen als sinnstiftend für das Diesseits ansieht und damit immun gegen Nihilismus und Apathie bleibt, sieht er die Probleme des Lebens gleichzeitig als Samen, um sein wahres Leben im Jenseits zu kultivieren. „Darum sei standhaft in schöner Geduld. Gewiß, sie sehen sie weit entfernt, Wir aber sehen sie nahe.“ [70:5-7].

Gott liebt es, Menschen zu vergeben

Und bittet euren Herrn um Vergebung und hierauf bereut vor Ihm! Gewiss, mein Herr ist Barmherzig und Liebevoll.

Qur’an, 11:90.

Weit davon entfernt, distanziert oder gleichgültig zu sein, liebt es Allah (Gott), wie Er in der authentischen Offenbarung beschrieben wird, zu geben und zu vergeben, selbst denen, die weiterhin bekommen und vergessen. Er sagt uns im Qur’an, wie gerne Er Seine Diener reinigt [2:222] und Sein Prophet ﷺ teilte uns mit, dass Gott barmherziger mit den Menschen ist als jede Mutter mit ihrem Neugeborenen27, und dass Er sich über die Reue eines Dieners mehr freut als jemand, der sich in der Wüste verirrte und eine Möglichkeit zu Überleben fand, nachdem er sicher war, dass sein Untergang unmittelbar bevorstand.28 Wie kann Gottes Reaktion auf diejenigen, die sich Ihm widersetzten, eine unergründliche Freude über ihre Erlösung [Rettung] sein? Ganz einfach: Das ist Seine einzigartige, erhabene Natur. Aus diesem Grund erfüllt Er jeden letzten Sünder mit Hoffnung, indem Er erklärt: „Sag: O Meine Diener, die ihr gegen euch selbst maßlos gewesen seid, verliert nicht die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit. Gewiss, Allah vergibt die Sünden alle. Er ist ja der Allvergebende und Barmherzige.“ [39:53].

Aber damit diese Vergebung stattfinden kann, muss es Sünden und Sünder geben. Wenn Allah gewollt hätte, dass die Menschen sündlose Engel sind, wäre das für Ihn nicht schwer gewesen, aber wen würden diese schönen göttlichen Eigenschaften dann umschließen [umgeben]? Wen würde Gott erlösen und wen würde der Barmherzige nach einem Bruch wieder zusammenflicken? Der Prophet ﷺ spielte genau auf diesen Punkt an, als er sagte: „Wenn ihr nicht sündigen würdet, würde Allah euch beseitigen und ein Volk hervorbringen, das sündigt und Vergebung sucht und dem vergeben wird.“29

„Übel“ dienen auch als Reinigungsmechanismus für übersehenes Unrecht und das, was einige Gelehrte als die (relativ) kleinen Sünden bezeichnen. Der Prophet ﷺ sagte: „Dem gläubigen Mann und der gläubigen Frau werden immer wieder Prüfungen widerfahren, was sie selbst, ihre Kinder und ihr Vermögen betrifft, bis sie Allah begegnen, ohne dass sie eine Sünde begangen haben.“30 In einer anderen Überlieferung heißt es: „Einem Muslim widerfährt keine Müdigkeit, keine Krankheit, keine Angst, keine Traurigkeit, kein Schmerz und keine Bedrängnis, selbst wenn er von einem Dorn gestochen wird, es sei denn, dass Allah einige seiner Sünden dafür sühnt.“31 Der Prophet ﷺ erklärte in ähnlicher Weise, dass es vor allem Gottes Barmherzigkeit gegenüber den Gläubigen zu verdanken ist, dass sie viele verheerende Zeiten durchmachen müssen: „Mein Volk ist ein Volk, [das eine besondere] Barmherzigkeit [genießt]; es hat keine Qualen im Jenseits, sondern seine Qualen sind nur im Diesseits: Strapazen, Erdbeben, Tötung und Trübsal.“32

In seinem Buch Ḥādī al-Arwāḥ erklärt Ibn al-Qayyim die therapeutische Funktion des Schmerzes im Diesseits und im Jenseits mit den Worten:

Die Weisheit Allahs erforderte es, dass Er für jede Krankheit ein geeignetes Heilmittel bestimmt, und die Heilung der Fehlgeleiteten erfordert die schwierigsten Mittel. Ein barmherziger Arzt kann den Kranken beizen, indem er ihn immer wieder mit Feuer versengt, um die fauligen Elemente zu entfernen, die seinen natürlichen Gesundheitszustand sabotiert haben. Und wenn er der Meinung ist, dass die Amputation eines Gliedes besser für den Kranken ist, trennt er es ab und fügt ihm dabei die schlimmsten Schmerzen zu. Das ist das Schicksal, das Allah zur Beseitigung von Fremdkörpern, die die Gesundheit untergraben, gegen den Willen des Menschen bestimmt hat. Was ist also, wenn der Mensch willentlich beschließt, giftige Elemente in seine reine Seele zulassen? Wenn ein intelligenter Mensch über die Gesetze Allahs (des Gesegneten und Erhabenen), seine Bestimmung im Diesseits und seine Belohnung und Bestrafung im Jenseits nachdenkt, findet er sie perfekt geeignet, angemessen und miteinander verbunden. Das liegt daran, dass sie alle auf vollkommenem Wissen, tadelloser Weisheit und allumfassender Barmherzigkeit beruhen. Und in der Tat ist Er, der Gepriesene, der wahre, höchste König, und Sein Königtum ist von Barmherzigkeit, Gnade und Gerechtigkeit geprägt.

 Siehe Ibn al-Qayyim, Ḥādi al-Arwāḥ, S. 756-761.

Manche mögen einwenden, dass ein Arzt den schmerzhaften Teil einer Behandlung ohne Weiteres beseitigen würde, wenn er könnte, warum also reinigt Gott die Seelen nicht ohne Schmerzen? Ibn al-Qayyim behauptet, dass es der Schmerz selbst ist, der die böse Seele reinigt.

Die meisten sunnitischen Gelehrten sind der Meinung, dass die größten Sünden eine bewusste Reue erfordern, um Vergebung zu garantieren, aber selbst dann ist es das „Böse“, das in den Menschen die Wachsamkeit und den Wunsch nach Reue und Besserung weckt. Ohne Reue macht der Genuss der Sünde denjenigen, der sie begeht, immer unsensibler und macht ihn blind für alles andere als den nächsten Moment verbotenen Vergnügens. Kurz bevor sie sich selbst mit diesen Sünden erdrosseln und ihr Glaube die letzten Tropfen verliert, rettet Gott sie davor, noch weiter auf die schiefe Bahn zu geraten und in den Untergang zu stürzen. Diese Rettung kommt in Form einer göttlichen Zurechtweisung und kommt manchmal kurz bevor ihr Leben in Unachtsamkeit endet, indem Er sie oder diejenigen, die ihnen nahe stehen, [mit einer Prüfung] heimsucht. Allah sagt: „Wir werden sie ganz gewiss etwas von der diesseitigen Strafe vor der größeren Strafe kosten lassen, auf dass sie umkehren mögen.“ [32:21]. Betrachtet man auf persönlicher Ebene einen Menschen, der an einer unheilbaren Krankheit langsam und qualvoll stirbt, so würden die meisten dies auf den ersten Blick als äußerst tragisch empfinden. Doch in den Ritzen könnte Gottes größtes Geschenk an diese Person verborgen sein: das Geschenk der Verzweiflung. Die Medikamente, die in seinem Körper versagen, und die geliebten Menschen, die an seinem Bett Tränen vergießen, könnten schließlich eine Demut und Gebrochenheit in seinem Geist hervorbringen, die ihn für die Erlösung qualifiziert. Wie der Prophet ﷺ sagte: „Niemand wird ins Paradies eingehen, in dessen Herz auch nur ein Funken Hochmut ist.“33 In den letzten Momenten seines Aufenthalts auf der Erde bestand Gott darauf, dass er das entdeckt, was er ohne diese Krankheit niemals freiwillig gesucht hätte. Der legendäre Boxer Muhammad Ali (möge Allah ihm gnädig sein) soll über seinen Kampf mit seiner letzten Krankheit gesagt haben: „Gott gab mir das Parkinson-Syndrom, um mir zu zeigen, dass nicht ich ‚der Größte‘ bin, sondern Er.“ Er verstand, dass er vielleicht weiterhin nichtsahnend/blind [über diese Tatsache] gewesen wäre, wenn Gott ihn nicht durch diese Krankheit von seinem jahrelangen Hochmut gereinigt hätte. Für Ali war der Geschmack der Ohnmacht unbezahlbarer als sein boxerisches Vermächtnis, seine finanziellen Gewinne und sein Kampf gegen ungerechte Kriege – denn er wusste, dass all dies am Ende seines Lebens zusammen mit seinen Knochen zerbröckeln würde. Die Parkinson-Krankheit betrachtete er dagegen als den ultimativen Segen, der ihm für immer Gottes Liebe und Gesellschaft schenken würde. In diesem Sinne verstehen wir die Aussage des Propheten ﷺ: „Wenn Allah ein Volk liebt, prüft Er es.“34

Einen Teil zu opfern, um das Ganze zu erhalten, wenn es nötig ist, ist letztendlich etwas, das alle besonnenen Menschen für vernünftig halten. Der Qur’an sagt uns, dass auch Gott dies manchmal tut: „So soll die Rückkehr der Leute, die Unrecht taten, abgeschnitten sein. (Alles) Lob gehört Allah, dem Herrn der Weltenbewohner!“ [6:45]. Der Grund, weshalb hier Gott gelobpreist wird, liegt auf der Hand: Durch die Ausrottung der bösartigsten Abschnitte der Menschheit (derjenigen, die sich offen gegen Seine Propheten und Gesandten auflehnten) breitet sich ihr Krebsgeschwür nicht aus, um den Rest der Menschheit zu infizieren und sie folglich von der Barmherzigkeit und Vergebung, die Er gerne gewährt, auszuschließen.

Böses ruft Gutes hervor

Und wenn nicht Allah die einen Menschen durch die anderen zurückweisen würde, geriete die Erde wahrlich ins Verderben. Aber Allah ist voll Huld gegen die Weltenbewohner.

Qur’an, 2:251.

Gut und Böse sind zwei Seiten derselben Medaille, ein untrennbares kosmisches Paar, das einander braucht, um zu existieren. Tapferkeit kann nicht ohne Gefahr existieren, Vergebung nicht ohne Verstoß und Beharrlichkeit nicht ohne Hindernis. Das Gefühl der Sättigung kennt nur, wer von Hunger erfasst wird, und das Gefühl, gestillt zu werden, genießt nur derjenige, der Durst verspürt. Es muss einige Erscheinungsformen des Bösen geben, um die Tugend zu erlangen, sie zu besiegen. Wie Hubert S. Box in The Problem of Evil [dt. Das Problem des Bösen] schreibt: „Nur mit der Möglichkeit des Scheiterns verdienen wir die Belohnung des Triumphs.“35 Es muss also eine gewisse Unvollkommenheit der Menschen und ihrer Welt geben, die als Funke für die Flammen des Guten dient, die wir um uns herum entfachen sollen. Gott war der Meinung, dass es Krankheit geben muss, damit wir nach Gesundheit streben und uns an ihr erfreuen, und dass es Versagen geben muss, damit wir an Leistung interessiert sind. Wir werden nichts von unserem Leben auf dieser Erde genießen, wenn wir nicht auch die Bitterkeit auf unserer Zunge schmecken und spüren, wie uns die Reue über die Wangen läuft.

Ibn al-Qayyim erklärt, dass der Schmerz das Gefäß ist, in dem die Freude geliefert wird:

Seine (des Erhabenen) Weisheit hat bestimmt, dass Glück, Vergnügen und Komfort nur über die Brücke der Schwierigkeiten und der Müdigkeit erreicht werden können und dass sie nur durch die Tore der Mühsal, der Geduld und des Ausharrens von Schwierigkeiten zugänglich sind. Aus diesem Grund hat Er das Paradies mit Mühsal und das Höllenfeuer mit Versuchungen umgeben. Aus diesem Grund hat Er seinen Auserwählten, Adam ﷺ, aus dem Paradies vertrieben, obwohl Er es für ihn erschaffen hatte – Seine Weisheit erforderte, dass er es nur nach Schwierigkeiten und Mühen dauerhaft betreten konnte. Deshalb entfernte Er ihn nicht aus dem Paradies, sondern ließ ihn erst wieder hinein, wenn er vollkommener war. Nur Gott kennt den Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Eintritt. Welch großer Unterschied besteht zwischen dem Einzug des Gesandten Allahs ﷺ in Mekka unter dem Schutz von al-Muṭ’im b. ‚Adi und seinem Einzug am Tag der Eroberung. Welch großer Unterschied besteht zwischen dem Vergnügen und dem Komfort der Gläubigen im Paradies, nachdem sie ertragen haben, was ihm vorausging, und ihrem Vergnügen, wenn sie darin erschaffen worden wären. Welch großer Unterschied besteht zwischen der Freude von jemandem, den Er nach der Trübsal erleichtert und nach der Armut bereichert und nach der Irreführung geleitet und nach der Zerstreuung seines Herzens gesammelt hat, und der Freude von jemandem, der diese bitteren Schmerzen nicht gekostet hat. Seine göttliche Weisheit hat vorherbestimmt, dass Mühsal die Ursache für Freude und Güte ist, wie der Erhabene sagte: ‚Vorgeschrieben ist euch zu kämpfen, obwohl es euch zuwider ist. Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist, und vielleicht ist euch etwas lieb, während es schlecht für euch ist. Allah weiß, ihr aber wißt nicht.‘ [2:216].

Ibn al-Qayyim, Shifā’ al-‘Alīl fī Masā’il al-Qaḍā’i wal-Qadari wal-Ḥikmati wat-Ta‘līl (S. 448-449).

Eine Welt ohne das Böse ist wie eine Welt ohne das Gute – beides hat keinen Sinn, nach dem ein Mensch streben würde. Wenn Atheisten also eine Welt ohne das Böse fordern, verlangen sie gleichzeitig eine sterile Welt ohne alles Gute. Al-Jāhiẓ (gest. 868) schreibt über das Prinzip „kein Schmerz, kein Gewinn“ [engl. no pain, no gain]:

Wenn das Böse absolut wäre, würde die Schöpfung zerstört werden, und wenn es nur das Gute gäbe, würde die Prüfung des Lebens enden und das Denken aufhören. Mit dem Ende des Denkens gäbe es auch keine Weisheit mehr, und wenn die Wahlmöglichkeiten verschwinden, dann verschwindet auch das Unterscheidungsvermögen und der Gelehrte wird unfähig, zu prüfen, zu überlegen und zu lernen. Dann gäbe es kein Wissen mehr, kein Erforschen mehr, kein Abwehren von Schaden, kein Sichern von Nutzen, keine Geduld durch Schwierigkeiten und keinen Dank durch Segen, keine Ungleichheit in der Beredsamkeit und keinen Wettbewerb in den Ranghöhen. Die Freude am Triumph und der Ruhm des Siegens würden verloren gehen, und kein Gerechter auf Erden würde die Befriedigung finden, gerecht zu sein, noch würde ein Ungerechter die Demütigung finden, im Unrecht zu sein, noch würde jemand, der überzeugt ist, die Kühle der Gewissheit schmecken, noch würde jemand, der zweifelt, von Kummer geplagt und vom Unbekannten heimgesucht werden. Die Menschen würden nicht mehr hoffen und nicht mehr von Ehrgeiz verzehrt werden, ihre Seelen wären aller Ziele beraubt, ihre Gedanken aller Früchte, und alle Dinge würden ihren Wert und ihr gutes Recht verlieren.

Al-Jāḥiẓ, al-Ḥayawān (Beirut: Dār al-Kutub al-‘Ilmiyya, 1424H), 1/134-135 (mit Anpassungen).

Das Geschenk der Dankbarkeit

Und als euer Herr ankündigte: ‚Wenn ihr dankbar seid, werde Ich euch ganz gewiss noch mehr (Gunst) erweisen. Wenn ihr jedoch undankbar seid, dann ist meine Strafe fürwahr streng‘.

Qur’an, 14:7.

Dass Gott die einen den anderen vorzieht, hat viele tiefgreifende Vorteile und das Gefühl der Dankbarkeit steht dabei sicherlich an erster Stelle. Der Wert dieses Gefühls wird oft unterschätzt, obwohl es in Wirklichkeit der einzige Ausweg aus der endlosen, frustrierenden Jagd nach Materialismus ist, die sich negativ auf unsere körperliche und geistige Gesundheit auswirkt. Wie der Prophet Muhammad ﷺ sagte: „Reichtum liegt nicht in vielen Besitztümern. In Wirklichkeit besteht der wahre Reichtum darin, im Herzen zufrieden zu sein.“36 Ein noch größerer Verdienst der Dankbarkeit ist, dass sie einem das Wohlgefallen Gottes einbringt und nicht nur ein momentanes (oder sogar lebenslanges) Glück. Da Gott uns mit einem endlosen Regen von Gnaden überschüttet, ist es nur fair, jeden wachen Moment dem Dank zu widmen, und deshalb ist der Versuch, Dankbarkeit (also den Islam) zu leben, für Ihn das Liebste, was Er ewig belohnt.

Den Wert der Dankbarkeit zu erkennen und sie [die Dankbarkeit] zu verkörpern sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Aufgaben. Was Letzteres angeht, so gibt es nur wenige Dinge, die so effektiv sind wie die Erfahrung von Leid oder Entbehrungen in deinem eigenen Leben oder dem Leben der Menschen um dich herum. Jeder ehrliche Mensch würde das bestätigen und diese Bestätigung ist die Antwort auf diejenigen, die argumentieren: Warum konnte Gott nicht einfach ein illusorisches Böses erschaffen, anstatt tatsächliches Leid zu verursachen? Das Leben als simuliertes, aber unwirkliches Drama wird sein [des Lebens] Ziel nicht erreichen, denn auch wenn ein Bild mehr als tausend Worte sagen kann, ist eine authentische Erfahrung mehr als tausend Bilder wert.

Deshalb sind die sehr realen Unterschiede zwischen den Superreichen und den Ärmsten, den Großfamilien und den Waisenkindern, den Beweglichen und den Bettlägerigen nichts anderes als Wege, durch die uns das Geschenk der Dankbarkeit in den Schoß geworfen wird. Der Prophet ﷺ sagte: „Wenn einer von euch auf die schaut, die im irdischen Leben über ihm stehen, dann soll er auch auf die schauen, die unter ihm stehen, denn das ist hilfreicher für euch, um Gottes Gunst an euch nicht zu schmälern.“37 Jeder Einzelne kann sich von dieser prophetischen Überlieferung inspirieren lassen, denn so wie wir alle Menschen bemerken, die uns in bestimmten Segnungen überlegen sind, werden wir immer diejenigen finden, die auf die eine oder andere Weise benachteiligter sind als wir selbst. Für diejenigen, die diese Welt auf einer oberflächlichen Ebene sehen, sind diese Nachteile töricht und verwerflich, während diejenigen, die mehr Vertrauen in Gottes Ermessen haben als in ihr eigenes, sie als einen unermesslichen Schatz betrachten. Tatsächlich haben sogar die Menschen, die mit Widrigkeiten und Entbehrungen konfrontiert sind, in gewisser Weise einen größeren Grund, dankbar zu sein, als diejenigen, denen diese Prüfungen im Leben erspart bleiben, denn ihre Prüfung bestand einfach darin, ihre Tortur zu ertragen, und das ist weitaus weniger schwierig als die oft gescheiterte Prüfung, die eigenen Segnungen zu schätzen.

Bewusstsein für die Unbedeutsamkeit dieser Welt

O die ihr glaubt, was ist mit euch, dass, wenn zu euch gesagt wird: ‚Rückt aus auf Allahs Weg!‘, ihr euch schwer zur Erde sinken lasst? Seid ihr mit dem diesseitigen Leben mehr zufrieden als mit dem Jenseits? Aber der Genuss des diesseitigen Lebens wird im Jenseits nur gering (erscheinen).

Qur’an, 9:38.

Plötzliche Todesfälle, schreckliche Gewalttaten und Naturkatastrophen sind nur drei von vielen Möglichkeiten, wie Gott die Menschen auf die Bedeutungslosigkeit dieser Welt aufmerksam macht. Diese tragischen Ereignisse erinnern uns daran, dass das Leben – egal wie lange es dauert – eine Reise ist, die enden muss. Ohne Vorwarnung und mit einem Wimpernschlag zerschneiden die Klingen der Zeit Hoffnungen, Träume und Freuden. Diese „Übel“ erinnern uns daran, dass jeder Mensch auf der Erde vergeht und schnell durch andere ersetzt wird, als hätte man nie einen Fuß auf sie gesetzt.

Gott sagt: „Wisst, dass das diesseitige Leben nur Spiel und Zerstreuung ist, Schmuck und gegenseitige Prahlerei und Wettstreit nach noch mehr Besitz und Kindern. Es ist wie das Gleichnis von Regen, dessen Pflanzenwuchs den Ungläubigen gefällt. Hierauf aber trocknet er aus, und da siehst du ihn gelb werden. Hierauf wird es zu zermalmtem Zeug. Im Jenseits aber gibt es strenge Strafe und (auch) Vergebung von Allah und Wohlgefallen. Und das diesseitige Leben ist nur trügerischer Genuss.“ [57:20]. Dieser Vers veranschaulicht sehr schön, wie Bauern sich abmühen, nur um am Ende der Saison zu sehen, wie alles zerbröckelt. Diese Analogie zeigt, dass der ganze Ernst, den wir heute in unserer Welt sehen, in einem Augenblick wie ein zielloses Spiel und ein sinnloser Wettbewerb sein wird, außer für diejenigen, die ihn für die Erträge im Jenseits investierten.

Wir Menschen vergessen Dinge schnell, aus verschiedenen Gründen. Ein Grund für das „Vergessen“ ist die Bequemlichkeit: Wenn uns die Ungeduld mit sofortiger Befriedigung lockt, muss das Gewahrsein für die Folgen aus dem Bewusstsein verdrängt werden. Aus diesem Grund unterbricht Gott manchmal die Süße des Lebens, bevor wir unachtsam werden, uns an den Luxus klammern und unseren Sinn vergessen. Damit wir nicht dem Irrglauben verfallen, dass wir für diesen schwindenden Komfort geschaffen wurden, weckt Gott uns mit „Übeln“ auf und bringt uns zurück zur Wachsamkeit. Wie C.S. Lewis es ausdrückte: „Gott flüstert uns in unseren Freuden zu, spricht in unserem Gewissen, aber schreit in unseren Schmerzen: Es ist sein Megaphon, um eine taube Welt aufzurütteln.“38

Ähnlich sagte Ibn al-Qayyim: „Es geschah aus Seiner Barmherzigkeit (des Mächtigen und Majestätischen) heraus, dass Er ihr weltliches Leben für sie verunreinigte und es unvollkommen machte. Dies geschah, damit sie sich darin nicht wohl und sicher fühlten und damit sie sich nach dem endlosen Genuss in Seinem Wohnsitz und in Seiner Gesellschaft sehnen würden. Er hat sie also in Wirklichkeit beraubt, um ihnen etwas zu geben, Er hat sie auf die Probe gestellt, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, und Er hat sie getötet, um ihnen [ewiges] Leben zu geben.“39

Gott kennt die menschliche Neigung, in Achtlosigkeit und Untätigkeit zu verfallen, und deshalb rüttelt Er uns manchmal aus unserer Dumpfheit auf. Gott weiß, dass kaum etwas die Lebenskraft so sehr wecken kann wie Trübsal, also belebt Er unser Leben regelmäßig mit einigen Turbulenzen. Wenn der Mensch erwacht und wiederbelebt ist, erkennt er die Realität seiner Existenz und fühlt sich mit neuer Dringlichkeit dazu angetrieben, für etwas Größeres als sich selbst zu leben. Mit diesen „Übeln“ wird die Saat der menschlichen Vortrefflichkeit gepflanzt, und die Menschen entdecken nicht nur ihr Potenzial und verwirklichen sich selbst, sondern erreichen auch die tiefe Stufe der Selbsttranszendenz: ein Leben mit Gott, durch Gott und für Gott in dieser und der nächsten Welt.

Menschliche Vortrefflichkeit erzeugen

Und wenn Wir gewollt hätten, hätten Wir ihn durch sie fürwahr erhöht. Aber er neigte zur Erde hin und folgte seiner Neigung. So ist sein Gleichnis das eines Hundes: Wenn du auf ihn losgehst, hechelt er; lässt du ihn (in Ruhe), hechelt er (auch).

Qur’an, 7:176.

Im Innersten des Menschen stecken wunderbare Eigenschaften, die nicht nur unsere Lebensqualität in dieser Welt verbessern, sondern uns auch an unsere tiefgreifende Stellung in ihr erinnern. Allerdings werden diese moralischen Tugenden häufig von den Ketten der Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit gefesselt und zeigen sich nur bei Katastrophen und Gefahren. Während Krisen und Erdbeben kommen die Werte Mut, Großzügigkeit, Brüderlichkeit und Altruismus zum Vorschein. Menschen, die von ihrem Luxus versklavt sind, kennen ihre eigene Menschlichkeit nur in ihrer äußersten Hülle und werden daran gehindert, ihr Potenzial jenseits des Konsums zu entdecken. Prüfungen wie das Waisendasein, die Obdachlosigkeit oder der Hunger haben in so vielen bewundernswerten Persönlichkeiten um uns herum Talente und Heldentaten zutage gefördert. Diese Prüfungen haben Tugenden wie Hartnäckigkeit und Ausdauer in sie eingemeißelt, die sie wiederum Geschichte schreiben ließen. Denk an die gerissensten Köpfe und die größten Entdeckungen, die nur durch den Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen zustande kamen. Auch in unserem persönlichen Leben haucht jede Benachteiligung und jeder Misserfolg unserer schwindenden Entschlossenheit neues Leben ein und ermöglicht ihre Wiedergeburt, nachdem die Wehen der Prüfung nachgelassen haben. Sobald dieses Neugeborene da ist, erkennen wir, dass unser eigentliches Problem nicht die riesigen dunklen Wolken waren, die uns heimsuchten, sondern unsere schweren Augenlider, die uns davon abhielten, die strahlenden Sonnenstrahlen zu sehen.

In seinem Buch An Irenaean Theodicy [eng. Eine Theodizee des Irenäus] beschreibt der bekannte Philosoph John Hick, wie die „Seelenbildung“ das Ergebnis der „Begegnung mit dem Bösen“ in der Welt ist, und erklärt, dass eine Welt ohne Versuchungen und Wahlmöglichkeiten niemals eine Atmosphäre sein kann, in der menschliche Vortrefflichkeit gedeiht. Wie kann jemand, der 10 Jahre lang inhaftiert war, dafür gelobt werden, dass er keine Drogen genommen hat, wenn er in dieser Zeit keinen Zugang zu ihnen hatte? Wie kann eine Person dafür gefeiert werden, dass sie Abweichungen vermeidet, wenn es gar keine Abweichungen gibt? In Wirklichkeit ist das Leben nach dem göttlichen Plan ein Aufstieg für den Menschen, bei dem er zu Größe aufsteigt, indem er den dornigen Pfad überquert und gegen menschliche Schwächen kämpft.40

Über den Höhepunkt dieses Aufstiegs sagt Gott: „Gewiss, diejenigen aber, die glauben und rechtschaffene Werke tun, das sind die besten Geschöpfe.“ [98:7]. Einige Gefährten des Propheten ﷺ wie Abu Hureira (möge Allah mit ihm zufrieden sein) kommentierten diesen Vers mit den Worten: „Sogar besser als die Engel“, und das aus einem offensichtlichen Grund: Diejenigen, die zur Sünde neigen, aber geduldig am geraden Weg festhalten, übertreffen die sündlosen Engel, die gar nicht die Handlungsmacht haben, von diesem Weg abzuweichen. Wenn sie von ihren Sünden gereinigt sind und nur noch ihre hart erarbeiteten guten Taten übrig bleiben, werden sich die Engel voller Bewunderung um ihre glückseligen Paläste scharen, wie Gott sagt: „Und die Engel treten zu ihnen ein durch alle Tore: ‚Friede sei auf euch dafür, dass ihr geduldig wart!‘ Wie trefflich ist die endgültige Wohnstätte!“ [13:23-24].

Fazit

Wenn die Wahrheit ihren Neigungen gefolgt wäre, gerieten die Himmel und die Erde und wer in ihnen ist wahrlich ins Verderben.

Qur’an, 23:71.

Wenn man das „Problem des Bösen“ betrachtet, wie es von Atheisten dargestellt wird, stellt man fest, dass die Forderungen der Atheisten eigentlich recht simpel sind. Erstens suchen sie einen populistischen Gott, der den Massen dient, einen Gott, der unentschieden ist, weil die Massen ständig darin schwanken, was wünschenswert und was unerwünscht ist, einen Gott, der keinerlei Autonomie hat, außer der Fähigkeit, Wünsche zu erfüllen und den Herren zu dienen, die Er geschaffen hat. In diesem Sinne lehnen Atheisten es ab, an Gott zu glauben, es sei denn, Er hört auf, Gott zu sein, und akzeptiert nicht die Gleichheit mit dem Menschen, sondern die Unterwerfung unter den Menschen. Zweitens suchen Atheisten nach einem Menschen, dem die Fähigkeit fehlt, ein Mensch zu sein: ein Handelnder, der nicht richtig handeln kann, weil er nicht falsch handeln kann; ein Mensch, der wie die Zahnräder einer Uhr und die Arme eines Roboters funktioniert; ein Mensch, der auf eine Puppe reduziert ist, deren menschliche Gefühle so mechanisch simuliert sind wie eine Ampel.

In der „idealen Welt“ des Atheisten gibt es keine Freude, weil es keine Traurigkeit gibt, und auch keinen Erfolg, weil es keinen Misserfolg gibt. Die Menschen wüssten im Voraus, wie ihre Handlungen ausgehen, sodass es keine Süße im Triumph gäbe, da es nie die Möglichkeit einer Niederlage gäbe. Keinem Menschen würde etwas vorenthalten werden und so würde auch niemand mehr der Zukunft mit Spannung entgegensehen. Kein Mensch würde in irgendeiner Weise benachteiligt werden, was bedeutet, dass jeder gleich geformt wäre und es keine Unterschiede in Gesundheit, Reichtum, Schönheit, Ansehen und Intelligenz gäbe. Interessanterweise sind die Menschen, die heute im größten Luxus leben und die geringsten Schwierigkeiten in ihrem Leben haben, diejenigen, die das Leben meist als sinnlos empfinden und in den Selbstmord flüchten. Ebenso empfinden ältere Menschen, die im Ruhestand aufhören zu arbeiten und ihre Rente kassieren, das Leben oft als völlig geschmacklos, sobald sie nicht mehr hart arbeiten und von Unsicherheit getrieben werden. Die „ideale Welt ohne alles Böse“, die der Atheist fordert, ist also eine Welt, die still, tot und leer ist; eine Welt, die tragischer ist als all das Leid dieser Welt; eine Welt, für die wir Gott danken, dass Er sie nur in der Vorstellung des Atheisten zulässt.

Ein Muslim dagegen denkt über das Universum nach und stellt fest, dass alles auf Gottes Größe und Weisheit hinweist, wobei er sich bewusst ist, dass ein endliches Wesen wie der Mensch die Größe Gottes, noch Seine Weisheit niemals vollständig begreifen kann. Um dies auf das „Problem des Bösen“ zu übertragen, reicht das allgemeine Vertrauen eines Muslims in Gottes Weisheit aus, auch wenn er nicht genau weiß, wie sich diese Weisheit im Diesseits oder im Jenseits auswirkt. Genauso wie ein Muslim die Eigenschaften Gottes nicht leugnet, weil er ihre Details nicht vollständig versteht, geht ein Muslim mit Gottes Weisheit konsequent auf die gleiche Weise um. Ein Muslim leugnet Gottes Weisheit gerade deshalb nicht, weil er die Demut hat, zu akzeptieren, dass er Gottes Entscheidungen nicht vollständig verstehen kann. Um das zu verdeutlichen, stellen wir uns einen Muslim vor, der über einer kranken Person steht, die vor Schmerzen stöhnt. Das Leiden eines jeden Lebewesens ist natürlich nicht wünschenswert, aber wir sagen, dass dies vielleicht eine Sühne für seine Sünden ist oder eine Prüfung seiner Geduld oder eine Strafe für seine Verbrechen, oder Gott will ihn für eine gewisse Zeit ruhigstellen, damit er keine weitere Tat begeht, die seinen Glauben verdirbt, oder vielleicht stärkt Gott seine Entschlossenheit in Vorbereitung auf größere Chancen, die ihn erwarten, oder… die Möglichkeiten sind endlos. Auch wenn wir nicht wissen, welche Weisheiten hinter einer bestimmten Krankheit stecken, sind wir sicher, dass hinter jeder Prüfung eine unsichtbare Weisheit steckt. Die Gewissheit eines Muslims und seine solide, auf Beweisen basierende Überzeugung von einem Gott, der der Weiseste ist, bilden die Grundlage für seine Theodizee und führen zu folgendem Schluss:

Dieses Universum mit all seinen Übeln unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Ausmaßes ist genau das, was ein Gläubiger von einem allmächtigen, allwissenden und barmherzigen Gott erwartet; einem Gott, der den Menschen so erschaffen hat, wie er im Qur’an beschrieben wird, für die Weisheiten, die im Qur’an erwähnt und die Ergebnisse, die im Qur’an beschrieben werden. Aus diesem Grund befindet sich ein Muslim nicht in einem theologischen Dilemma oder in einer hoffnungslosen Leere, wenn er mit dem Problem des Bösen konfrontiert wird. Stattdessen sieht er das Leben mit Optimismus und betrachtet es als eine kurze, chancenreiche Phase seiner Existenz.

Sami Ameri, Mushkilat ash-Sharri wa Wujūdillāh, S. 219-220 mit Anpassung.
  1. Sami Ameri, Mushkilat ash-Sharri wa Wujūdillāh (London: Takween Studies and Research, 2016).
  2. Randy Alcorn, If God is Good: Faith in the Midst of Suffering and Evil (Colorado Springs, Colorado: Multnomah Books, 2009), S. 11.
  3.  Antony Flew, There is a God: How the World’s Most Notorious Atheist Changed His Mind (New York: HarperOne, 2007), S. 13.
  4. Lee Strobel, The Case for Faith (Michigan: Zondervan, 2000, EPub Format).
  5. Timothy J. Keller, Walking with God Through Pain and Suffering (New York: Dutton, 2013), S. 95.
  6. W. Montgomery Watt, “Suffering in Sunnite Islam,” in Studia Islamica, 50 (1979), S. 5-6.
  7. Victor Frankl, The Unheard Cry for Meaning (New York: Simon Schuster, 1978), S. 20-21.
  8. Charles Taylor, A Secular Age (Cambridge, Mass: Harvard University Press, 2007), S. 373.
  9. Richard Dawkins, The God Delusion (London: Bantam Press, 2006), S. 108.
  10. Thomas F. Heinze, The Vanishing Proofs of Evolution (Ontario, California: Chick Publications, 2005), S. 41.
  11. William Alston, “The Inductive Problem of Evil,” in Philosophical Perspectives 5 (1991), S. 59-60.
  12. Laura Nader, Naked Science: Anthropological Inquiry Into Boundaries (1996), S. 209.
  13. https://www.usgs.gov/faqs/what-are-some-benefits-volcanic-eruptions?qt-news_science_products=0#qt-news_science_products
  14. Gesammelt in Ṣaḥīḥ Muslim (1781); Kitāb Ṣalāt al-Musāfirīn; Bāb ad-Du‘ā’ fī Ṣalāt al-Layli wa Qiyāmih.
  15. Siehe: Ibn Taymiyya, Majmū‘ al-Fatāwā (5/123).
  16. Ibn al-Qayyim, Shifā’ al-‘Alīl fī Masā’il al-Qaḍā’i wal-Qadari wal-Ḥikmati wat-Ta‘līl (S. 361).
  17. Ibn al-Qayyim, Shifā’ al-‘Alīl fī Masā’il al-Qaḍā’i wal-Qadari wal-Ḥikmati wat-Ta‘līl (S. 439-440).
  18. Al-Alūsi, Rūḥ al-Ma‘āni fī Tafsīr al-Qur’ān al-Aẓīm was-Sab‘ al-Mathāni (Beirut: Dār Iḥyā’ at-Turāth), 17/47.
  19. Alvin Plantinga, The Nature of Necessity (Oxford: Clarendon Press, 1974), S. 167.
  20. Ibn al-Jawzi, Talbīs Iblīs (Beirut: Dar al-Kitab al-‘Arabi, 1985), S. 85.
  21. Gesammelt in Sunan at-Tirmidhi (2320).
  22. Erwähnt von Imam Suyuti (ra) in seinem Buch ad-Durar al-Manthura (427).
  23. Gesammelt in Ṣaḥīḥ Muslim (2807).
  24. Gesammelt in Sunan at-Tirmidhi (2402) und verifiziert in as-Silsila as-Ṣaḥīḥa (2206).
  25. Gesammelt in Sunan at-Tirmidhi (3502) und verifiziert von al-Albāni.
  26. Gesammelt in Ṣaḥīḥ Muslim (2858).
  27. Gesammelt in Ṣaḥīḥ al-Bukhārī (5653) and Ṣaḥīḥ Muslim (6912).
  28. Gesammelt in Ṣaḥīḥ al-Bukhārī (6309) and Ṣaḥīḥ Muslim (2747).
  29. Gesammelt in Ṣaḥīḥ Muslim (2749).
  30. Gesammelt in Sunan at-Tirmidhi (2399) und verifiziert in as-Silsila as-Ṣaḥīḥa (2280).
  31. Gesammelt in Ṣaḥīḥ al-Bukhārī (5641, 5642).
  32. Gesammelt in Sunan Abū Dāwūd (4278) und verifiziert in as-Silsila as-Ṣaḥīḥa (959).
  33. Gesammelt in Ṣaḥīḥ Muslim (91).
  34. Gesammelt in Sunan at-Tirmidhi (2396) und verifiziert in as-Silsila as-Ṣaḥīḥa (146) und Ṣaḥīḥ al-Jāmi‘ (7460).
  35. Hubert S. Box, The Problem of Evil (London: The Faith Press, 1934), S. 56.
  36. Gesammelt in Ṣaḥīḥ al-Bukhārī (6081) und Ṣaḥīḥ Muslim (1051).
  37. Gesammelt in Ṣaḥīḥ al-Bukhārī (6125) und Ṣaḥīḥ Muslim (2963).
  38. C.S. Lewis, Complete C.S. Lewis Signature Classics (San Francisco, CA: Harper San Francisco, 2002), S. 406.
  39. Siehe: Ibn al-Qayyim, Ighāthat al-Lahfān Min Maṣāyid ash-Shayṭān (Riyadh: Maktabat al-Ma‘ārif): 2/175.
  40. Siehe: John Hick, “An Irenaean Theodicy” in Encountering Evil: Live Options in Theodicy, ed. Stephen T. Davis (Edinburgh: John Knox Press, 1981), S. 46.

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