Über die Entstehung von SSA (AWBTR, S1F7 – Teil I)

Im ersten Teil der Diskussion über die Entstehung gleichgeschlechtlicher Anziehungen (SSA) geht Moderator Waheed der Frage nach, inwieweit Genetik, Temperament und unterschiedliche Familiendynamiken mit der Entwicklung homosexueller Neigungen in Verbindung stehen. Außerdem spricht er über narzisstische elterliche Beziehungen und ihre Auswirkungen auf Kinder, das Konzept „Defensive detachment“ [abwehrende Distanziertheit] sowie darüber, wie Homosexualität als „Reparative drive“ [Reparativtrieb/Wiederherstellungstrieb] betrachtet werden kann. Gibt es ein „Schwulen-Gen“? Habe ich eine Veranlagung, SSA zu entwickeln? Welche Rolle spielen mein Vater, meine Mutter und meine Geschwister dabei? Diesen und anderen Fragen geht Waheed in dieser Folge auf den Grund.

Waheed: Hier ist Waheed Jensen und du hörst gerade „A Way Beyond the Rainbow“ [Ein Weg jenseits des Regenbogens]. Assalamu alaikum wa rahmatullahi ta’ala wabarakatuh und willkommen zur 7. Folge von „A Way Beyond the Rainbow“, der Podcast-Reihe, die Muslimen gewidmet ist, die mit gleichgeschlechtlicher Anziehung [engl. same-sex attraction, kurz: SSA] zu kämpfen haben und ein Leben führen wollen, das im Einklang mit Allah (swt) und dem Islam steht. Ich bin euer Moderator Waheed Jensen. Vielen Dank, dass ihr bei der heutigen Folge mit dabei seid. Ich möchte mich auch bei allen bedanken, die mir Nachrichten und E-Mails geschickt haben. Ich habe versucht, euch so schnell wie möglich zu antworten. Bitte habt also etwas Geduld mit mir inshaAllah [so Gott will]. Ich weiß eure Nachrichten, eure Gebete und eure Unterstützung wirklich sehr zu schätzen, jazakumullahu khairan [möge Gott euch belohnen] an alle, ich weiß das wirklich sehr zu schätzen. In der heutigen Folge werden wir uns mit der Psychologie gleichgeschlechtlicher Anziehungen befassen. Diese Folge und die nächsten Folgen werden keine einfachen Themen behandeln. In dieser Folge werden wir uns mit der Genetik, dem Konzept der Veranlagung, der Familien- und der Geschwisterdynamik beschäftigen. In der nächsten Folge werden wir uns mit dem Körperbild, mit sozialen Konflikten und Konflikten unter Gleichaltrigen, mit der Rolle von Kultur und Gesellschaft sowie mit der Rolle von Missbrauch und anderen Faktoren befassen. Bevor wir beginnen, sollten wir noch ein paar Punkte erwähnen. Das hier sind sehr schwierige Gespräche. Viele von euch haben vielleicht schon über all diese Themen gelesen und sie erforscht, andere kennen sie vielleicht nicht so gut und für [wieder] andere ist es vielleicht das erste Mal, dass sie von diesen Themen hören. Um es gleich vorwegzunehmen: Mir ist klar, dass diese Themen, wenn wir sie vertiefen, für viele von uns triggernd sein können und auch sein werden. Ich erinnere mich, dass als ich das erste Mal mit diesen Themen in Berührung kam, mir es nicht leicht fiel, all diese Dinge zu lesen und zu hören, denn größtenteils geht es darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten und Wunden und Traumata aus der Vergangenheit zu öffnen. Ich verstehe also, dass diese Themen alles andere als einfach sind. Das hier kann also als allgemeine Triggerwarnung für Einzelne verstanden werden. Bitte hör dir das mit jemandem an, dem du vertraust, vielleicht mit einem Fachmann oder einem Berater, hör dir das mit einem Freund oder einer Freundin an, wende dich an Menschen, wende dich an mich, ich bin für dich da, wann immer ich kann, inshaAllah. Das ist der erste Punkt, den ich erwähnen wollte. Der zweite Punkt ist, dass es bei der Diskussion dieser Themen, insbesondere der Themen der heutigen Folge, nicht darum geht, bestimmte Personen zu beschuldigen oder mit dem Finger auf sie zu zeigen, insbesondere die Vaterfigur, die Mutterfigur, den Bruder oder die Schwester oder wer auch immer diese Person sein mag. Vielmehr geht es darum, zu lernen, diese Themen zu besprechen, wachsen und heilen zu können. Wir sind nicht hier, um mit dem Finger zu zeigen. Wir sind nicht hier, um jemandem die Schuld zu geben und ich werde am Ende dieser Folge nochmal darauf zurückkommen inshaAllah. Der dritte Punkt, den ich erwähnen möchte, ist, dass du vielleicht das Gefühl hast, dass bestimmte Dinge, die in dieser Folge erwähnt werden, auf dich zutreffen, während andere Beispiele oder Dinge, die erwähnt werden, nicht auf dich zutreffen, und das ist völlig in Ordnung. Was wir hier [im Grunde] versuchen, ist, jahrzehntelange Forschung in einer einzigen Folge zusammenzufassen und zu bereden. Es ist also ganz klar und [völlig] normal, dass einige der Dinge, die wir erwähnen, auf dich zutreffen und andere nicht so sehr, denn wir sind alle unterschiedlich. Und wie wir immer sagen, sind keine zwei Fälle von gleichgeschlechtlichen Anziehungen jemals gleich. Alle menschlichen Erfahrungen sind einzigartig, und keine zwei Erfahrungen werden jemals identisch sein, richtig? Es kommt also darauf an, was für dich funktioniert, was du aus dieser Folge mitnehmen kannst und was für dich persönlich Sinn ergibt. Ein weiterer Punkt, den ich erwähnen möchte, ist, dass es in dieser Folge mehr um männliche gleichgeschlechtliche Anziehungen geht als um weibliche. Viele Aspekte dieser Folge könnten aber auch für Frauen relevant sein und das Thema weiblicher gleichgeschlechtlicher Anziehungen ist noch nicht so umfassend erforscht wie das der männlichen. Aber ich werde inshaAllah eine ganze Folge, nämlich Folge 10, dem Thema weiblicher gleichgeschlechtlichen Anziehungen widmen. Das also [soweit] als allgemeine Erklärung zu Beginn dieser Folge inshaAllah. Ich möchte diese Folge mit einem Zitat aus einem meiner Lieblingsromane, The Kite Runner von Khaled Hosseini, beginnen, und das Zitat lautet wie folgt:

Ich wurde zu dem, was ich heute bin, als ich 12 war, an einem eisigen, bedeckten Tag im Winter 1975. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich hinter einer bröckelnden Lehmwand kauerte und in die Gasse neben dem gefrorenen Bach spähte. Das ist lange her, aber ich habe gelernt, dass es falsch ist, was man über die Vergangenheit sagt, darüber, dass man sie begraben könne, denn die Vergangenheit krallt sich ihren Weg heraus. Wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir klar, dass ich in den letzten 26 Jahren immer wieder in diese verlassene Gasse geschaut habe.

Über Genetik

Waheed: Beginnen wir diese Folge damit, über die Studien zur Genetik zu sprechen. Gibt es ein „Schwulen-Gen“? Spielen Gene eine Rolle bei meinen gleichgeschlechtlichen Reizen? Viele Studien wurden zu diesem Thema veröffentlicht und viele [davon] wurden kritisiert, weil es ihnen an Konsistenz und Reproduzierbarkeit mangelt, ihre Methodik fehlerhaft ist, sie nicht schlüssig und bestenfalls spekulativ sind. Ich werde euch jetzt Beispiele für einige der wichtigsten Studien und deren Schlussfolgerungen geben sowie einige Kritikpunkte an diesen Studien erläutern. Eine der wichtigsten Studien, die 1991 in Archives of General Psychiatry1 veröffentlicht wurde, heißt A Genetic Study of Male Sexual Orientation [Eine genetische Studie über männliche sexuelle Orientierung] von Bailey und Pillard. Das hier ist jetzt die berühmte „Zwillingsstudie“; sie untersuchte das Vorkommen von Homosexualität bei Zwillingen und Adoptivbrüdern, bei denen mindestens ein Bruder „homosexuell“ war. Sie stellten eine Übereinstimmung von 52% für gleichgeschlechtliche Anziehungen bei eineiigen Zwillingen fest, d. h. wenn einer der Zwillinge SSA hatte, besteht eine Chance von 52%, dass der andere Zwilling das auch hat. Bei zweieiigen Zwillingen (nicht eineiigen Zwillingen) lag der Anteil bei 22%. Bei Brüdern von Männern mit SSA, die keine Zwillinge sind [also die Brüder], lag der Anteil bei 9%. Und bei Adoptivbrüdern – man beachte, dass es hier keinen genetischen Zusammenhang gibt, also es sind [lediglich] Adoptivbrüder, die SSA haben – liegt der Prozentsatz bei 11%. Die Schlussfolgerung ist, dass der Prozentsatz von SSA bei eineiigen Zwillingen höher ist als bei zweieiigen Zwillingen oder Nicht-Zwillingsbrüdern von Männern mit SSA. Was war aber jetzt das große Problem mit der Studie? Das Hauptproblem ist der so genannte Volunteer Bias2. Es handelt sich also nicht um eine Zufallsstichprobe von Personen mit SSA, sondern um eine verzerrte Stichprobe. Die Zwillinge, die sich freiwillig für die Studie gemeldet haben, wurden genau genommen über Anzeigen in homosexuellen Zeitungen und Magazinen angeworben, im Gegensatz zu allgemeinen Zeitschriften, in denen normalerweise für wissenschaftliche Studien geworben wird. Es ist also wahrscheinlicher, dass sich sozusagen die Probanden einander eher ähneln als nicht-homosexuelle Zwillinge [untereinander]. Ein weiterer Kritikpunkt wäre, dass wenn die Genetik eine große Rolle bei der sexuellen Orientierung spiele, wenn sie sozusagen die einzige Rolle spiele, die Konkordanzrate [Übereinstimmungsquote] bei eineiigen Zwillingen 100% betragen würde [müsste], oder? Wenn also ein eineiiger Zwilling sozusagen homosexuell ist, dann müsste der andere das auch sein. Warum? Weil sie die gleichen genetische Veranlagung haben, nicht? Der Gedanke ist also, dass weil es nicht 100% sind, es andere Einflüsse geben muss, die eine Rolle spielen. Es muss etwas in der Umwelt geben, das die abweichenden Zahlen erklärt. Im selben Jahr, in 1991, veröffentlichte Simon LeVay in der Zeitschrift Science eine Studie, in der er berichtete, dass eine Gruppe von Neuronen oder Nervenzellen im Hypothalamus, einer Region im Gehirn, bei heterosexuellen Männern doppelt so groß sei wie bei homosexuellen Männern. Die Theorie war, dass dieser Teil des Gehirns etwas mit dem Sexualverhalten zu tun habe. Es gibt so viele Probleme mit dieser Studie. Zunächst einmal sind die Ergebnisse weder statistisch relevant noch in irgendeiner Weise zuverlässig. In der Gruppe der homosexuellen Männer befanden sich Patienten mit Neuronen in dieser Region, die größer als der Durchschnitt eines heterosexuellen Mannes und kleiner als die des durchschnittlichen homosexuellen Probanden sind. Es gab also ein Spektrum [Skala/Bandbreite]. Außerdem waren alle 19 homosexuellen Probanden in dieser Studie an HIV/AIDS erkrankt und starben daran, und es ist medizinisch bekannt, dass diese Krankheit das Gehirn angreift. Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass Neuronen die Sexualität beeinflussen, und diese Studie wurde [auch] von vielen anderen Forschergruppen kritisiert. Es ist erwähnenswert, dass es viele Berichte über die Veränderungen in der Gehirnstruktur von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten gibt, die in Frage stellen, dass solche Verhaltensweisen auf hormonelle oder genetische Einflüsse zurückzuführen sind, aber – und das ist sehr interessant – auch der umgekehrte Fall kann zutreffen: Sexuelles Verhalten im Erwachsenenalter kann tatsächlich diese strukturellen Veränderungen verursachen. Es kann also sein, dass Unterschiede im Sexualverhalten Unterschiede in der Gehirnstruktur verursachen und nicht durch sie [die Gehirnstruktur] verursacht werden. Eine andere Studie, die 1993 ebenfalls in Science veröffentlicht wurde, stammt von Dean Hamer vom National Cancer Institute [Krebsforschungszentrum] und trägt den Titel A Linkage Between DNA Markers on the X Chromosome and Male Sexual Orientation [Ein Zusammenhang zwischen DNA-Markern auf dem X-Chromosom und männlicher sexueller Orientierung]. Nach der Studie berichteten die Medien, dass das „Schwulen-Gen“ als Ergebnis dieser Studie entdeckt wurde und es gab einen großen Medienrummel darum. Die Studie umfasste 40 homosexuelle Brüderpaare und legte nahe, dass einige Fälle von Homosexualität mit einer bestimmten Region auf dem X-Chromosom zusammenhängen, die bei Männern von der Mutter vererbt wird. 33 Brüderpaare wiesen dieselbe Mustervariation auf diesem Chromosom auf und die Autoren [der Studie] schätzten, dass die Sequenz der gegebenen genetischen Marker auf dem X-Chromosom mit der Homosexualität von 64% der Brüder zusammenhängt. Was sind jetzt die Probleme bei dieser Studie? Zunächst einmal gibt es keine Kontrollgruppe. Wenn du ein wissenschaftliches Experiment durchführst, muss es normalerweise eine Kontrollgruppe geben, in der die untersuchte Variable nicht vorkommt. In dieser Studie wurden die heterosexuellen Brüder nicht getestet. Was wäre, wenn die heterosexuellen Brüder die gleichen genetischen Marker hätten? Ein anderes Forscherteam versuchte, dieselbe Studie zu wiederholen und kam nicht zu denselben Ergebnissen. Es gibt also bis heute keinen Beweis dafür, dass ein Bereich des Chromosoms einen direkten Einfluss auf die Sexualität oder die sexuelle Orientierung einer Person hat. Und sogar Hamer selbst, der Hauptautor der Studie, sagte später:

Aus Zwillingsstudien wissen wir bereits, dass die Hälfte oder mehr der Variabilität der sexuellen Orientierung nicht vererbt wird. Unsere Studien versuchen, die genetischen Faktoren zu ermitteln und nicht die psychosozialen Faktoren zu negieren.

Eine Studie von Niklas Långström aus dem Jahr 2010 nutzte Daten aus einer bevölkerungsbasierten Umfrage aller erwachsenen Zwillinge zwischen 2005 und 2006 in Schweden, um die bis dahin größte Zwillingsstudie über gleichgeschlechtliches Sexualverhalten durchzuführen. Dabei wurden 3826 eineiige und zweieiige gleichgeschlechtliche Zwillingspaare im Alter zwischen 20 und 47 Jahren untersucht. Die Ergebnisse: Bei eineiigen Zwillingen lag die Konkordanzrate bei 10% und bei zweieiigen Zwillingen bei 6%. Dieser Prozentsatz ist deutlich niedriger als die 52%, die Bailey und Pillard 1991 berichteten. Und sie verwendeten eine Analyse, die „biometrische Modellierung“ genannt wird, und zeigten, dass die Ergebnisse mit moderaten, hauptsächlich genetischen und familiären Auswirkungen sowie moderaten bis großen Auswirkungen des nicht-gemeinsamen Umfelds, d. h. der sozialen und biologischen Umgebung, auf gleichgeschlechtliches Sexualverhalten übereinstimmen. Heutzutage ist die Rede davon, dass Epigenetik Homosexualität verursacht oder mit ihr in Verbindung gebracht wird. Mit Epigenetik ist gemeint, dass es Einflüsse auf die Gene selbst gibt, also Faktoren, die beeinflussen, ob ein bestimmtes Gen exprimiert [ausgeprägt] wird oder nicht. Nehmen wir zum Beispiel an, zwei eineiige Zwillinge haben dieselbe genetische Ausstattung [Erbgut]. Warum sollte dann einer bestimmte Gene ausprägen und der andere nicht? Warum sollte der eine bestimmte Eigenschaften haben und der andere nicht, obwohl sie doch dasselbe Erbgut haben? Eine Erklärung dafür ist die Epigenetik, d. h. es gibt bestimmte Anzeichen, bestimmte Reize, die es einem bestimmten Gen ermöglichen, bei einer Person zum Ausdruck zu kommen, während das gleiche Gen bei einer anderen Person nicht zum Ausdruck kommt. Dazu gibt es viele Studien und die Epigenetik ist tatsächlich mit vielen Umwelteinflüssen verbunden. Die letzte Studie, die ich in diesem Abschnitt erwähnen möchte, ist die neueste Studie, die bisher größte Studie über die genetischen Grundlagen der Sexualität, die fünf Stellen im menschlichen Genom aufgedeckt hat, die mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten in Verbindung stehen. Die Ergebnisse, die im August 2019 veröffentlicht wurden – das hier war die bisher aktuellste Studie, die ebenfalls in der renommierten Zeitschrift Science von Andrea Gana und seinem Team veröffentlicht wurde – basieren auf den Genomen von fast 500 000 Menschen. Sie bestätigt die Vermutung vieler Wissenschaftler, dass kein einzelnes Gen einen großen Einfluss auf das Sexualverhalten hat. Hauptautor der Studie, Andrea Gana, der Genetiker am Board Instituts des MIT und Harvard in Cambridge, Massachusetts ist, sagt:

Es gibt kein Schwulen-Gen.

Gana und seine Kollegen schätzten außerdem, dass bis zu 25% des Sexualverhaltens durch die Genetik erklärt werden können, während der Rest durch Umwelt- und kulturelle Faktoren beeinflusst wird – eine Zahl, die sich mit den Ergebnissen anderer Studien deckt. Das Fazit ist daher, dass die meisten erfahrenen Forscher und Kliniker auf diesem Gebiet sich einig sind, dass Homosexualität aus einer Kombination von biologischen, entwicklungsbedingten und umweltbedingten Einflüssen entsteht, auch wenn dies in den Massenmedien nur selten anerkannt wird. Da es jetzt den Rahmen dieser Folge sprengen würde, dieses Thema im Detail zu erörtern, empfehle ich allen Interessierten für einen umfassenden Überblick über die Mitwirkung von Genetik, Hormonen, Gehirnstruktur und anderen biologischen Faktoren das Buch My Genes Made Me Do It! Homosexuality and the Scientific Evidence [Meine Gene haben mich dazu gebracht! Homosexualität und die wissenschaftlichen Beweise] von Neil und Briar Whitehead. Ich werde einen Link zu dem Buch in die Beschreibung der Folge packen inshaAllah. Die aktuellste Version ist die überarbeitete Fassung vom Januar 2020, sie ist also zwei Monate alt. Dabei handelt es sich um eine Zusammenfassung von mehr als 20 Jahren Forschung über Homosexualität, die sich auf mehr als 10 000 wissenschaftliche Arbeiten und Veröffentlichungen von allen in der Debatte vertretenen Absichten stützt. Es kann also viele schwerwiegende Folgen haben, wenn man Homosexualität ungerechtfertigterweise auf biologische Ursachen zurückführt. Und das Problem besteht vor allem darin, dass wir den Menschen irgendwie vorgaukeln, dass es keine Hoffnung auf Veränderung gäbe, dass du auf diese Art und Weise „feststeckst“ und es unveränderlich ist. Jetzt können wir zwar die Möglichkeit einer biologischen Veranlagung in Betracht ziehen, aber nicht im Sinne eines „Schwulen-Gens“. Möglicherweise gibt es einen psychologischen Faktor, der eine Person zu gleichgeschlechtlichen Anziehungen prädisponiert [anfällig macht], aber nicht einen, der Homosexualität vorprogrammiert. Und das ist sehr wichtig. Prädisposition – wenn jemand für etwas prädisponiert ist – ist nicht gleichbedeutend mit Ursächlichkeit. Es bedeutet nicht, dass eine Person dazu verdammt ist, es zu haben oder danach zu handeln. Wir können uns das wie ein Schloss und einen Schlüssel vorstellen, und das [Beispiel] wird in der medizinischen Fachliteratur sehr häufig angeführt. Eine Person kann das Schloss haben, kann die Veranlagung haben, kann die Einflüsse haben, die durch die Genetik, die frühe Kindheit, ein bestimmtes Temperament, das genetisch kodiert ist, sagen wir mal. Das ist das Schloss. Aber solange du den Schlüssel nicht hast, kannst du es nicht manifestieren [aufweisen/verwirklichen, d. h. dass es „ausbricht“]. Und die Veranlagung dafür zu haben, ist sicherlich noch lange kein Argument für ihre Normalität. Lasst uns das im Detail untersuchen.

Über Veranlagung

Waheed: Den Stoff, den ich im Folgenden in dieser Folge vorstellen werde, ist eine Darstellung der relevanten Abschnitte in vier bedeutenden Büchern, zwei davon des verstorbenen Dr. Joseph Nicolosi, vor allem Reparative Therapy of Male Homosexuality: A New Clinical Approach [Reparativtherapie männlicher Homosexualität: Ein neuer klinischer Ansatz] sowie sein bahnbrechendes Werk Shame and Attachment Loss [Schamgefühl und Bindungsverlust]. Ein drittes Buch ist Coming Out Straight: Understanding Same-Sex Attractions [Als Hetero outen: Gleichgeschlechtliche Anziehungen verstehen] von Richard Cohen, und das vierte ist The Battle for Normality: A Guide for (Self-) Therapy for Homosexuality [Kampf um Normalität: Ein Leitfaden für die (Selbst-)Therapie von Homosexualität] von Gerard Van Den Aardweg. Ich werde die Links zu diesen Büchern in der Beschreibung der Folge posten und ich ermutige die Zuhörer, sie zu lesen, wenn sie Gelegenheit dazu haben. Sie sind sehr, sehr wichtig. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen eine gewisse Veranlagung für Ablehnung und Abgrenzung, für Nicht-Zugehörigkeit, für das Gefühl, dass sie nicht dazugehören können oder nicht dazugehören. [Dass sie] Sich abgelehnt fühlen. Es gibt eine innere Überempfindlichkeit. Viele Männer mit SSA berichten von einer eher künstlerischen Natur. Frauen sind in der Regel eher männlich. Männer sind in gewisser Weise eher weiblich. Als Kind würde ein Mann mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen als „pflegeintensiv“ gelten, d. h. er braucht mehr Berührungen, mehr Bestätigung und mehr ständige Aufmerksamkeit. Andernfalls hätte er ein schlechtes Selbstbild. Wenn wir von überempfindlich sprechen, ist gemeint, dass diese Person stärker auf Einflüsse in ihrer Umgebung und auf Gefühle reagiert. Das kann also Segen und Fluch zugleich sein, nicht wahr? Du kannst mitfühlender sein, du bist ein Empath, aber gleichzeitig verinnerlichst du einen Großteil des Schmerzes und Leids. Außerdem hängt es davon ab, ob die Familie mit Verständnis oder mit Ablehnung und Spott auf das Kind reagiert, das diese Emotionen zeigt, und ob das Kind sich fügt und all das verinnerlicht, oder ob es sich äußert und dagegen wehrt. Man sieht also, dass es eine Menge Variablen gibt, die sich gegenseitig beeinflussen. Darüber hinaus haben wir alle gedankliche [mentale] Filter und bestimmte Vorlieben – sie kommen von uns persönlich, unserem Temperament, der Art und Weise, wie wir geschaffen sind, zusätzlich zu der Tatsache, dass sie aus unserem eigenen familiären Umfeld stammen. Diese gedanklichen Filter beeinflussen die Art und Weise, wie wir die Dinge in unserem Leben wahrnehmen. Das kann dazu führen, dass wir viele Dinge falsch wahrnehmen. Mit anderen Worten: Bestimmte Ereignisse passieren, aber wir neigen dazu, sie auf eine bestimmte Art und Weise wahrzunehmen und [so] darauf zu reagieren, wie wir sie [eben] wahrnehmen. Wir neigen also dazu, Ereignisse falsch zu interpretieren, weil wir sie so wahrgenommen haben und nicht unbedingt so, wie sie tatsächlich passiert sind. Viele Männer mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen berichten, dass sie schon immer schüchtern und introvertiert waren und künstlerische Aktivitäten wie Kunst, Theater und Musik bevorzugten. Sie meiden das so genannte „Raufen und Kämpfen im Spiel“ [Kampf- und Tobespiele]. Viele sind übermäßig besorgt um körperliche Verletzungen und meiden gefährliche Aktivitäten. Manche Menschen argumentieren, dass dieses sozusagen „angeborene Temperament“ in manchen Fällen auch die Folge einer unsicheren Bindung aufgrund der Erziehung und Familiendynamik sein könnte. Und darauf werden wir später noch in dieser Folge eingehen inshaAllah. Ein Beispiel für eine psychologische Theorie, auf das ich nun eingehen möchte, ist die Theorie „Exotic Becomes Erotic“ [Exotisch wird erotisch] von Daryl Bem. Bem ist Sozialpsychologe und seine Theorie bietet eine mögliche Erklärung dafür, was die Ätiologie bzw. die Ursache von Homosexualität und Heterosexualität unterscheidet. So stellte Bem die Theorie auf, dass der Einfluss biologischer Faktoren auf die sexuelle Orientierung durch Erfahrungen in der Kindheit vermittelt werden kann, dass also das Temperament des Kindes das Kind dazu prädisponiert, bestimmte Aktivitäten anderen vorzuziehen. Bem stellte fest, dass sich einige Kinder aufgrund ihres Temperaments, das von biologischen Variablen, wie z. B. genetischen Faktoren, beeinflusst wird, zu Aktivitäten hingezogen fühlen, die anderen Kindern desselben Geschlechts gefallen, während andere Kinder Aktivitäten bevorzugen, die typisch für das andere Geschlecht sind. Deshalb, so seine Theorie, fühlen sich geschlechtskonforme Kinder anders als Kinder des anderen Geschlechts, während sich nicht-geschlechtskonforme Kinder anders als Kinder ihres eigenen Geschlechts fühlen. Er glaubt, dass „dieses Gefühl der Andersartigkeit eine physiologische Erregung hervorruft, wenn das Kind in der Nähe von Angehörigen des Geschlechts ist, das es als ,anders‘ betrachtet.“ Er sagt, dass diese physiologische Erregung später in sexuelle Erregung umgewandelt wird. Das bedeutet, als Erwachsene fühlen sich Menschen sexuell zu dem Geschlecht hingezogen, das sie in ihrer Kindheit als anders oder „exotisch“ empfanden. Bem stützt diese Theorie unter anderem auf die Feststellung, dass die Mehrheit der „Schwulen und Lesben“ angibt, in ihrer Kindheit geschlechtsuntypisch gewesen zu sein. Eine Meta-Analyse von 48 Studien ergab, dass die Geschlechtsanpassung in der Kindheit der stärkste Prädiktor für eine homosexuelle Orientierung sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist. Bem stellte außerdem fest, dass in einer Studie des Kinsey-Instituts mit etwa 1000 Schwulen und Lesben und einer Kontrollgruppe von 500 heterosexuellen Männern und Frauen 63% der Schwulen und Lesben angaben, dass sie in ihrer Kindheit keine geschlechtstypischen Aktivitäten mochten, während dies nur bei 10-15% der heterosexuellen Männer und Frauen der Fall war. Bem stützt sich auch auf sechs prospektive [vorausschauende] Studien, Längsschnittstudien, die mit geschlechtsuntypischen Jungen im Alter von etwa sieben Jahren begannen und sie bis ins Jugend- und Erwachsenenalter verfolgten. Sie ergaben, dass die Mehrheit, etwa 63% der geschlechtsuntypischen Jungen als Erwachsene „schwul oder bisexuell“ wurden. Dr. Joseph Nicolosi stellt einen sehr schöne Möglichkeit [zum Verständnis] vor, den ich gerne mit euch teilen möchte. Er sagt:

Eine hilfreiche Möglichkeit, um das Zusammenspiel von Biologie und sozialem Umfeld zu verstehen, ist folgende: Zuerst gibt es die ,Gegebenheiten‘, und das sind im Grunde die Gene und die vorgeburtlichen hormonellen Einflüsse. Diese biologischen Faktoren spielen zusammen, um eine Veranlagung zu schaffen, die entweder zu Geschlechtskonformität und der Wahrscheinlichkeit normaler Heterosexualität oder zu Geschlechtsunkonformität und der Möglichkeit einer homosexuellen Entwicklung führt. Zu diesen biologischen Gegebenheiten kommt noch das soziale Umfeld mit Eltern, Gleichaltrigen und Lebenserfahrungen hinzu, und schließlich der Einfluss des freien Willens und der Entscheidung. Die biologischen und sozialen Faktoren wirken zusammen, um die Geschlechtsidentität und die spätere sexuelle Orientierung zu formen. Der Aspekt der Entscheidung[sfreiheit] wirkt sich auf die Werte aus, mit denen wir uns identifizieren, auf die soziale Gruppe, die wir wählen, und auf die Verhaltensweisen, die wir verfolgen. All dies dient dazu, unsere frühen prägenden Erfahrungen zu verstärken oder zu verändern.

Die meisten Jungen mit SSA haben also eine sensible Natur, die sie besonders anfällig für emotionale Verletzung macht. Diese Sensibilität ist in mancher Hinsicht ein großes Geschenk – sie beinhaltet oft ausgeprägte ästhetische und künstlerische Fähigkeiten, und viele von uns sind empathisch und zutiefst mitfühlend und liebevoll. Aber wenn ein solches Kind durch eine unsichere Bindung zu den Eltern in die Isolation getrieben wird, bieten dieselben Gaben eine einfache Flucht vor der Realität und können zu tiefen emotionalen Wunden führen. Im nächsten Teil der Folge werde ich näher darauf eingehen.

Konstellation von Faktoren

Waheed: Wie bereits erwähnt werde ich in dieser und der nächsten Folge Faktoren vorstellen, die mit gleichgeschlechtlicher Anziehung in Verbindung stehen. Ihr könnt sie euch als Konstellation von Faktoren vorstellen, bei der die Summe größer ist als die Einzelteile. Mit anderen Worten: Ein einzelner Faktor führt nicht unbedingt zu gleichgeschlechtlichen Anziehungen. Wenn ihr euch aber vorstellt, dass viele Faktoren zusammenkommen, die die Entwicklung gleichgeschlechtlicher Reize begünstigen, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass diese zusammenkommen.

Frühe Geschlechtsentwicklung und elterliche Rollen

Waheed: Wir werden jetzt also über die Familiendynamik und die Interaktion zwischen Vater, Mutter und Kind sprechen. Bevor wir jedoch dazu kommen, müssen wir zunächst etwas über die Geschlechtsentwicklung und die Phasen der Geschlechtsidentifizierung sprechen. Im Falle einer normalen Geschlechtsentwicklung ist das Kind bis zum Alter von 18 Monaten, also etwa anderthalb Jahren, wirklich an die Hauptbezugsperson gebunden, in den meisten Fällen an die Mutter. Deshalb sieht ein Kind die Mutter und sich selbst oft als ein Wesen und eine Einheit. Mit etwa 18 Monaten oder anderthalb Jahren kommt das Kind in die so genannte „Separation-Individuation“-Phase [quasi Trennungs- und Individualisierungsphase], die bis zum dritten Lebensjahr andauert. Und in dieser Phase der Separation-Individuation entwickelt sich das autonome Selbst. Das Kind spürt, dass es getrennt und unabhängig [von der Mutter] ist. Das Kind fängt an, Dinge alleine zu tun, läuft herum und erkundet die Umgebung. Bei all diesen Erkundungen schaut das Kind oft zur Mutter und versucht zu bestätigen, dass bestimmte Gegenstände, bestimmte Menschen und bestimmte Orte sicher sind, wenn es in ihrer Nähe ist. Wenn die Mutter nun bestätigt, dass diese Dinge sicher sind, kann das Kind schließlich die Umgebung selbst erkunden, ohne übermäßig Angst zu haben, weil es weiß, dass es „sicher ist, ich selbst zu sein, dass es gut ist, ich selbst zu sein“. Hier setzten Selbstliebe und Selbstvertrauen ein. Das durchleben sowohl Mädchen als auch Jungen. Aber Jungen müssen zusätzlich zu der Erkenntnis von „Ich bin ich“ als Individuum, als eigenständiges Individuum, erkennen, dass „ich ein jungenhaftes Ich bin“, was ein geschlechtsspezifisches Selbstverständnis ist. Mit anderen Worten können wir uns das als zwei Phasen vorstellen: Die erste Phase ist diese Phase der Separation-Individuation, in der das autonome Selbst entwickelt wird, und dann [gibt es] die Phase der Geschlechtsidentität, in der sich der Junge als männlich identifiziert. Diese beiden Phasen treten etwa zur selben Zeit auf, zwischen eineinhalb und drei Jahren.

Das Geschlechtsbewusstsein des Kindes ist ein entscheidender Aspekt seiner Identitätsbildung. Durch das Geschlecht lernt es zu verstehen, wer es im Verhältnis zu anderen Menschen ist. Indem es seinen Platz innerhalb der natürlichen Dichotomie [Abgrenzung/Unterscheidung] von Mann und Frau versteht, ist es in der Lage, sich ein geordnetes Bild von sich selbst in der Welt zu machen.

In dieser Zeit muss sich der Junge also wie gesagt von der Mutter trennen und abgrenzen und wird dann vom Vater oder dem anderen wichtigen männlichen Vorbild im Leben des Kindes in die „Welt des Männlichen“ eingeführt. Das Mädchen muss sich zwar von der Mutter trennen und abgrenzen, identifiziert sich aber weiterhin mit ihr, denn sie ist das Vorbild für die Weiblichkeit des Kindes. Als Kleinkinder identifizieren sich sowohl Jungen als auch Mädchen zunächst mit der Mutter, die in den meisten Fällen die erste und wichtigste Quelle der Fürsorge und Pflege ist. Während das Mädchen diese Identifizierung mit der Mutter beibehält, hat der Junge später die zusätzliche Entwicklungsaufgabe, diese Identifizierung von der Mutter auf „den zweiten Anderen“ [den Vater/eine männliche Bezugsperson] zu verlagern. Diese Verschiebung ist sehr wichtig. Wie geschieht das? Durch die Beziehung zum Vater oder dem bedeutenden männlichen Vorbild, wie wir schon sagten, wechselt der Junge zu einer männlichen Identifizierung, die notwendig ist, damit der Junge eine normale männliche Persönlichkeit entwickeln kann. Diese zusätzliche Entwicklungsaufgabe für Jungen erklärt, warum sie mehr Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität haben als Mädchen. Das ist der erste Punkt. Und zweitens erklärt sie vielleicht auch den höheren Anteil männlicher Homosexualität im Vergleich zu weiblicher3. Nachdem das männliche Kind also offen und empfänglich für Männlichkeit [geworden] ist, wird es ein besonderes Interesse an seinem Vater zeigen. Er möchte so werden wie er, so sein wie er, wie Freud schrieb. Der Junge versteht noch nicht, dass sein aufkommendes Interesse am Vater aus einer Urverwandtschaft entsteht, die auf ihrer gemeinsamen Männlichkeit beruht, wie es heißt. Er begreift auch nicht, dass der Vater das verkörpert, was er selbst zu sein bestimmt ist. Doch irgendwie ist da eine Vertrautheit, eine charismatische Kraft am Vater. Er wünscht sich, von seinem Vater angenommen und akzeptiert zu werden und diese zerbrechliche, sich entwickelnde männliche Identität, die ihren einzigen Impuls vom eigenen Instinkt bekommt, muss sich in ihrer Beziehung widerspiegeln, wie Nicolosi sagt. Der Junge versucht also das, was an seinem Vater aufregend, spaßig und antreibend ist, in sich aufzunehmen. Es gibt eine Freiheit und Kraft, über die Mutter hinauszuwachsen, und diese Kraft wird vom Vater verkörpert. Wenn der Vater warmherzig und aufgeschlossen ist, wird der Junge ermutigt, sich vom Weiblichen loszulösen und in die männliche Sphäre einzutreten. Er wird sich dann als männlich identifizieren und höchstwahrscheinlich heterosexuelle Neigungen haben. Wenn beide Elternteile den Jungen auf diese Weise ermutigen, ist er auf dem besten Weg, seine männliche Geschlechtsidentifizierung und Heterosexualität zu verwirklichen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Vaters in dieser Zeit ist, das Kind vor den Impulsen der Mutter zu schützen, die irgendwie die Bindung zwischen Mutter und Kind verlängern will. Durch sein Beispiel zeigt der Vater dem Jungen, dass es möglich ist, eine innige, aber autonome Beziehung zur Mutter zu pflegen. Diese Beziehung, die wir uns als Dreiecksbeziehung zwischen den Eltern und dem Sohn vorstellen können, hilft dem Jungen, sich über sein Getrenntsein und das Gefühl, anders zu sein als die Mutter, klar zu werden. Genau in dieser Dreiecksbeziehung hat ein Mann mit SSA Probleme. Häufig ist der familiäre Hintergrund schuld. Typischerweise besteht eine zu enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn und der Vater steht den beiden eher distanziert gegenüber. Idealerweise sollten Mutter und Vater zusammenarbeiten, um den Jungen bei der Umstellung von der weiblichen auf die männliche Identität zu unterstützen. Wenn jedoch eine zu nahestehende Mutter diesen Wechsel und die Geschlechtsidentifizierung behindert, kann ein Vater, der gleichzeitig Dominanz und Fürsorge ausstrahlt, versuchen, diesem Einfluss der Mutter entgegenzuwirken und die Dinge auszugleichen. Was könnte jetzt bei diesem Übergang vom Weiblichen zum Männlichen schiefgehen, vor allem bei einem männlichen Kind? Wenn das Kind die Beziehung zur Mutter als bereichernder empfindet, können wir uns vorstellen, dass der Junge diese Identifizierung mit der Mutter nur ungern aufgibt, wenn der Vater das weniger bereichernde Elternteil ist, oder? Ein weiterer Punkt ist, dass, wenn der Vater kein salienter [hervorstechender/herausragender] Mann war – und was meinen wir mit „salient“? Lasst uns das genauer untersuchen. Damit der Vater die männliche Identifizierung des Sohnes fördert, sind in der psychologischen Literatur zwei Faktoren ausschlaggebend: Erstens ist die Präsenz des Vaters als starker Einfluss in der Familie wichtig, also Stärke, und zweitens seine Wärme, Zugänglichkeit und Empathie, also seine liebevolle und fürsorgliche Art. Der Vater muss stark und gleichzeitig warmherzig genug sein, um dem Sohn den Übergang von der bequemen Beziehung und der ursprünglichen Identifizierung mit der Mutter zu ermöglichen. Fürsorglich zu sein bedeutet, warmherzig, akzeptierend, präsent, zugänglich und umsorgend zu sein und dem Jungen körperliche Zuneigung zu zeigen. Wenn der Vater diese Eigenschaften nicht hat, d. h. stark und gleichzeitig warm und wohlwollend und liebevoll ist, dann hat er keine sog. „salienten Eigenschaften“. Ein dritter Punkt ist, wenn es nicht gelingt, Autonomie zu fördern. Wie wir bereits gesagt haben, findet in dieser Entwicklungsphase eine autonome Identitätsbildung statt, zu der auch die Entwicklung eines persönlichen Machtgefühls und der Geschlechtsidentifizierung gehört. Vor allem für den Jungen sind diese beiden Aufgaben eng miteinander verknüpft: Meine eigene persönliche Macht stärkt das Gefühl der Männlichkeit, und die Männlichkeit stärkt wiederum das Gefühl persönlicher Macht. Leider versuchen manche Väter, den Sohn eigentlich [nur] zu erziehen, um ihre eigenen narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen. Mit anderen Worten: Sie lieben das Kind auf eine Art und Weise, die kontrollierend und egozentrisch ist. Es hat sich gezeigt, dass Fürsorge allein nicht ausreicht, wenn der Vater es nicht schafft, die männliche Autonomie des Jungen zu fördern. Wenn Liebe als Druckmittel gegen die männlichen Bestrebungen des Jungen eingesetzt wird, werden sowohl die persönliche Macht als auch die geschlechtliche Entwicklung zerstört. Und der vierte Punkt ist, was schief gehen kann oder wie diese Veränderung irgendwie stürmisch wird und nicht vollständig stattfindet, und das ist die Abwesenheit des Vaters. Eine Reihe von Studien zeigt, dass die Abwesenheit des Vaters im Leben eines Jungen zu Abhängigkeit, mangelnder Durchsetzungsfähigkeit und/oder einer schwächeren männlichen Identität führen kann. Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass Jungen mit abwesenden Vätern zu einer „heterosexuellen Anpassung“ fähig sind, wenn diese keine emotionale Zurückweisung durch eine bedeutende männliche Figur erfahren haben, und das ist sehr wichtig. Ohne den Drang, sich vor Verletzungen zu schützen, können sie mit einer vertrauensvollen und aufgeschlossenen Haltung gegenüber männlichen Figuren aufwachsen. Und damit ist die Frage im Grunde beantwortet: Entwickeln alle Männer, die keine Väter haben, gleichgeschlechtliche Anziehungen? Nein, natürlich nicht. Es geht darum, dass sie eine bedeutende männliche Figur in ihrem Leben haben, die diese Veränderung zulässt, die ihnen das Gefühl gibt, emotional angenommen zu werden und die stark genug ist, sie zu nähren. Eines der Hauptprobleme bei männlichen gleichgeschlechtlichen Anziehungen ist nicht das Fehlen einer Vaterfigur, sondern vor allem die abwehrende Distanziertheit [engl. „Defensive detachment“, auch: eine Art schützende Abwehrhaltung] des Jungen gegenüber männlicher Ablehnung – behaltet das im Hinterkopf, denn wir werden am Ende dieser Folge [nochmal ausführlicher] darauf eingehen inshaAllah. Solange der Junge offen für den männlichen Einfluss bleibt – das will ich damit sagen – wird er irgendwann einer Vaterfigur begegnen, die seine Bedürfnisse erfüllt, die gesunden und richtigen Bedürfnisse des Kindes. Jeder Mann hat ein gesundes Bedürfnis nach Intimität [im Sinne von seelischer Innigkeit/Vertrautheit] mit anderen Männern. Dieses Bedürfnis entsteht in der frühen Kindheit und wird in erster Linie mit dem Vater oder der richtigen Vaterfigur im Leben des Kindes befriedigt, später dann mit Altersgenossen – mit männlichen Altersgenossen. Wenn dieser Drang auf Enttäuschung stößt, entsteht die homosexuelle Anziehung als sogenanntes „reparatives [wiedergutmachendes] Streben“ oder ein „Reparativtrieb“ [engl. „Reparative drive“], auf den ich wie gesagt am Ende dieser Folge nochmal eingehen werde. Was ist also, wenn es keinen Vater im Leben des Kindes gibt? Normalerweise ist der Vater die wichtigste männliche Figur im Leben des Jungen während seiner frühen Entwicklung, es kann aber auch jeder andere vorhandene Mann sein, sei es ein Großvater, ein älterer Bruder, ein Nachbar oder ein Onkel. In der Regel ist es der Mann, der eine emotionale Bindung zur Mutter hat. Es ist wichtig zu erwähnen, dass Vater-Sohn-Beziehungen schon immer auf gemeinsamer Körperbewegung beruhten. Es gibt also dieses Bedürfnis, „gezeigt zu bekommen, wie’s geht“. Das ist ein Merkmal der Beziehung zum Vater während einer bestimmten Phase im Leben des Kindes. Es gibt dieses verhaltensmäßige, körperliche Phänomen der Identifizierung, das sich daraus zu ergeben scheint, dass der Vater und der Sohn gemeinsam „etwas tun“. Der Vater fordert den Jungen mit seiner maskulinen Form der Interaktion heraus. Gleichzeitig setzt er ihm aber auch vernünftige Grenzen. Der Vater ermutigt die Energie und den Optimismus des Jungen. Vom Vater lernt der Junge, dass Gefahr Spaß machen und aufregend sein kann, nicht nur in der frühen Kindheit, sondern auch im Erwachsenenalter. Gemeinsam etwas zu unternehmen, kennzeichnet die Art und Weise, wie Männer zueinander stehen, oder? Männer neigen dazu, ihren Körper als etwas zu sehen, das mit Stärke, Beweglichkeit und Aktion [Tätigkeit] zu tun hat, und sie brauchen eine Beziehung auf körperlicher Ebene [d. h. sie brauchen Männer um sich herum, mit denen sie aktiv sein können]. Und im Gegensatz zu Männern können die meisten Frauen eine statische [bewegungslose] Beziehung [untereinander] eingehen, indem sie z. B. [zusammen] sitzen und von Angesicht zu Angesicht [miteinander] reden. Das ist etwas anderes. Und während Männer ihren Körper so betrachten, wie er funktioniert, neigen Frauen dazu, ihren Körper als statisches Objekt zu betrachten. Die Aufgabe des sich entwickelnden Jungen besteht also darin, die normale männliche, „handlungsorientierte“ Art der Wahrnehmung seines eigenen Körpers zu finden und sie in seinen Beziehungen zu anderen Männern einzusetzen. Was passiert nun, wenn der Junge ein Problem mit der Geschlechtsidentität hat, eine Verwirrung aufgrund dieser Phase seines Lebens? Dann ist der Junge in vielen Fällen begeistert davon, sich zu verkleiden und sich hübsch zu machen, während er an der Idee, etwas mit dem Vater zu unternehmen, überhaupt nicht interessiert ist und sich vielleicht sogar dagegen wehrt. Auch wenn natürlich nicht alle Jungen in diesem Fall verweiblichtes Verhalten an den Tag legen, vermissen sie trotzdem in der frühen Vater-Sohn-Beziehung oft diese Dimension des „Tuns“ [Machens/Schaffens], und später im Leben fühlen sie sich oft besonders von der Mystik männlicher Kühnheit, Stärke und Macht angezogen. Joseph Nicolosi stellt fest:

Homosexualität ist eine Entfremdung von Männern: in der Kindheit vom Vater und im späteren Leben von männlichen Altersgenossen. Indem er erotisiert, wovon er sich entfremdet fühlt, sucht der homosexuelle Mann immer noch nach dieser Einweihung in die Männlichkeit durch andere Männer.

Nun stellt sich die Frage, was mit dem weiblichen Kind ist, da es diesen zusätzlichen Schritt nicht wie der Junge machen muss – liegt das Problem dann bei der Mutter [dass sich SSA bei Frauen entwickelt]? Na ja, in den meisten Fällen, ja. Aber das ist eine riesige, gigantische Diskussion, denn weibliche gleichgeschlechtliche Anziehungen sind ganz anders als männliche gleichgeschlechtliche Anziehungen, und dem wird eine ganze Folge gewidmet, inshaAllah.

Die Beziehung des Jungen zur Mutter

Waheed: Lasst uns jetzt mehr auf die Beziehung zur Mutter eingehen. Bei Männern mit gleichgeschlechtlicher Anziehung wird seit langem angenommen, dass sie Mütter haben, die übermäßig eng, beschützend oder herrschsüchtig sind. Der Einfluss der Mutter scheint in der Tat ein Faktor zu sein, der die Vater-Sohn-Beziehung untergraben und die Autonomie des Jungen sabotieren kann, auch seine geschlechtliche Autonomie. So viele Autoren, die selbst gleichgeschlechtliche Anziehungen haben und ihre eigene Kindheit beschrieben, stellten eine ungewöhnlich enge Mutter-Sohn-Beziehung in der frühen Kindheit von Männern mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen fest. Dieses Dreieckssystem beschreibt die Theorie, dass Mutter, Vater und Sohn gemeinsam die homosexuelle Entwicklung bewirken. Sie [die Theorie] spricht von einer intensiv liebevollen, herrschsüchtigen und besitzergreifenden Mutter auf der einen Seite und einem distanzierten, halbherzigen und abweisenden Vater auf der anderen. Und über den Vater werden wir gleich noch sprechen. Eine gesunde eheliche Beziehung befriedigt sowohl die emotionalen Bedürfnisse des Vaters als auch die der Mutter. Wenn sie zufriedene und geborgene Eltern sind, werden sie das Kind seltener dazu benutzen, die emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, die eigentlich von einem anderen Erwachsenen erfüllt werden sollten. Der Vater unterstützt normalerweise auch die Bedürfnisse der Mutter. Wenn die Ehe irgendwie als „leer“ empfunden wird, benutzen viele Mütter ihre Söhne, um die Leere zu füllen, die durch die emotionale Abwesenheit ihrer Ehemänner entsteht. Wenn aber eine liebevolle Bindung zwischen Mann und Frau besteht, stellt der Vater dem Jungen nicht nur ein Vorbild für die Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern gibt auch der Mutter die Sicherheit [Geborgenheit], die sie benötigt, damit sie die übermäßige Innigkeit [Vertrautheit] aufgibt, die sie vielleicht versucht hat, mit dem Kind aufrechtzuerhalten. Lasst uns jetzt einige Beispiele für Dynamiken anführen, von denen viele Männer mit gleichgeschlechtlicher Anziehung aus ihrer Kindheit berichten. Ein sehr häufiges Beispiel ist, dass die Mutter aufgrund der emotionalen Abwesenheit des Mannes übermäßig engagiert, anmaßend und besitzergreifend sein kann, wenn es um das Kind geht. Ein weiterer nennenswerter Punkt ist, dass beide Elternteile einen sichtbaren Stolz zeigen sollten, wenn der Sohn oder die Tochter geschlechtsgerechtes Verhalten zeigt. Was bedeutet das? Wenn der Junge männliche Züge zeigt und Interesse an männlichen Spielen entwickelt, und wenn das Mädchen weibliche Züge zeigt und Interesse an weiblichen Spielen entwickelt, sollte dies gefördert werden. Familienharmonie und eheliche Zusammenarbeit sind in dieser Angelegenheit besonders wichtig, denn Mutter und Vater sollten die Bemühungen des Kindes in diesem Bereich nicht untergraben. Und warum sage ich das? Weil es eine Geschichte von einigen Männern mit SSA gibt, die zeigt, dass vor allem Mütter die Männlichkeit und Sexualität des Kindes herabsetzten und den Sohn durch ihre Interaktionen, durch das, was sie zu dem Kind sagten, sogar dazu brachten, sich zu schämen, männlich zu sein. Jede Gelegenheit des Kindes, seine eigene Männlichkeit und seine eigenen Interessen zum Ausdruck zu bringen, wurde von der Mutter gewissermaßen erstickt. Einige Untersuchungen betonen den Einfluss widersprüchlicher und verwirrender geschlechtsspezifischer Einstellungen innerhalb der Familie, die diese Kinder daran hinderten, Stolz und Zufriedenheit mit seinem eigenen Geschlecht zu entwickeln. Erwähnenswert ist auch, dass Mütter, die ständig in Streitereien mit dem Vater verwickelt sind, wahrscheinlich Söhne haben, die mit dem Schmerz der Mutter sympathisieren und sich mit ihr identifizieren, vor allem, wenn der Junge der Mutter nahe steht und wenig Bindung zum Vater hatte. Daraus folgt, dass sich Mutter und Sohn sozusagen gegen den Vater verbünden. Der Junge sieht Männlichkeit als etwas an, das brutal und gefühllos ist, und er neigt eher dazu, seine eigenen Ausprägungen des männlichen Geschlechts abzulehnen. Jetzt ist auch die Haltung der Mutter gegenüber dem Vater und Männern im Allgemeinen für das Kind sehr wichtig. Wenn sie die Rolle des Vaters in der Familie untergräbt, schmälert das den Status des Vaters als erstrebenswertes Vorbild für das Kind. Wenn die Mutter nicht widerspiegelt, dass der Vater ein erstrebenswertes Vorbild ist, misslingt es ihr zu zeigen, dass männliches Verhalten mit Wertschätzung verbunden ist. So nimmt ein Kind das wahr. Auf diese Weise haben viele Kinder mit SSA ihren Vater oder die männliche Figur in ihrem Leben wahrgenommen und damit indirekt auch ihre eigene Männlichkeitsvorstellung beeinflusst. In vielen Untersuchungen scheint auch die elterliche Dominanz besonders wichtig zu sein, um die Identifizierung des Jungen zu beeinflussen. Wenn also die Mutter dominant oder relativ männlich ist, wird die Formierung [Entstehung/Herausbildung] der männlichen Geschlechtsrollenfunktion des Sohnes gestört. Viele Studien haben gezeigt, dass Söhne von solchen Müttern mehr weibliche Vorlieben entwickeln als Jungen, deren Elternhäuser eher väterlich geprägt sind [d. h. wo das Elternhaus vom Vater dominiert wird]. Sie neigen auch dazu, sich weniger stark mit ihren Vätern zu identifizieren. In vielen Fällen, in denen die Mutter das Kind stark beeinflusst und sogar manipuliert, muss es sich nicht unbedingt um einen dominanten Persönlichkeitstyp handeln. Viele dieser Mütter von Männern mit SSA waren eigentlich gebrechlich und ängstlich, d. h., dass ihre Persönlichkeiten eher schwach waren. Aber aufgrund dieser Schwäche versuchten sie tatsächlich, einen starken und sogar manipulativen Einfluss auf ihre Söhne auszuüben.

Die Beziehung des Jungen zum Vater

Waheed: Lasst uns nun über die Beziehung zum Vater sprechen. Wie bereits erwähnt, greift der Junge – in dem Wunsch, das natürliche männliche Bestreben zu erfüllen – nach dem Vater, um seine Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anerkennung zu bekommen. Durch die Erfüllung dieser affektiven [gefühlsbedingten] Bedürfnisse, der drei A’s [vgl. engl. „attention, affection, approval“]: Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anerkennung, erwirbt der Junge seine Männlichkeit und seine männliche Identität. Jetzt haben klinische und empirische Studien ergeben, dass Männer mit SSA häufiger als Männer mit gegengeschlechtlichen Anziehungen [d. h. Männer ohne SSA] eine distanzierte, feindselige oder ablehnende Kindheitsbeziehung zum Vater hatten. Sie nehmen ihre Väter eher als kritisch, kalt, ungeduldig, distanziert usw. wahr. In einigen Fällen verbrachten die Väter in der Kindheit weniger Zeit mit ihren Söhnen und bestärkten sie deshalb weniger in ihrer Männlichkeit. Ein schlechtes Verhältnis zum Vater und die spätere Suche nach männlicher Aufmerksamkeit und Gesellschaft finden sich in vielen Geschichten von Menschen mit SSA. Die männlichen Eigenschaften, die in einer gesunden Vater-Sohn-Beziehung vermittelt werden, sind im Wesentlichen Selbstvertrauen, Unabhängigkeit, Durchsetzungsvermögen und ein Gefühl persönlicher Macht. Wenn Männer mit SSA berichten, was sie an anderen Männern anziehend finden, kann man feststellen, dass diese männlichen Eigenschaften, die in einer gesunden Vater-Sohn-Beziehung vermittelt werden – wie Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen, ein Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben, Führung, Entschlossenheit und Stärke – immer wieder genannt werden. Erinnert euch, als wir vorhin über die Salienz des Vaters sprachen, das Konzept der Salienz, welches erfordert, dass man gleichzeitig stark und wohlwollend ist. Einige Väter waren stark, aber nicht wohlwollend, andere waren wohlwollend, aber schwach. Insgesamt mangelt es also an dieser Salienz-Eigenschaft, egal ob der Vater streng und kritisch oder passiv und zurückhaltend ist. Also in vielen Fällen drückt der Vater eigentlich aufrichtig seinen Wunsch nach dem Wohl des Sohnes aus. Der Vater hat manchmal das Gefühl, dass er von seinem eigenen Sohn abgelehnt wird. Manche Väter hatten ein starkes Interesse an ihren Söhnen, wussten aber nicht, wie sie sich verhalten sollten. Es ist also gar nicht so, dass sie ständig feindselig [gegenüber ihren Söhnen] sind, sondern die Reaktionen auf ihre Söhne und die Art und Weise, wie der Sohn diese Reaktionen wahrnimmt, sind sehr wichtig. Und in vielen Fällen haben die Väter selbst keine eindeutigen Persönlichkeitsprobleme. Manchmal kann ein sehr einfühlsamer und liebevoller Vater aufgrund seiner eigenen Lebenssituation emotional nicht zugänglich werden, z. B. weil er eine Zeit lang abwesend sein musste. Vielleicht gibt es finanzielle und emotionale Belastungen für die Familie. Oder vielleicht hatte er eine sehr schwierige Beziehung zur Mutter des Jungen und all das wirkt sich auf den Jungen aus. In anderen Fällen können wir dagegen feststellen, dass der Vater auch eindeutige Persönlichkeitsprobleme hat, z. B. dass er egozentrisch, narzisstisch, übermäßig kritisch oder kalt ist. Manchmal gelingt es einem Vater, der warmherzig ist und sich bewusst um den Sohn kümmert, trotzdem nicht, den Sohn aufrichtig zu akzeptieren. Der Vater könnte sich sogar durch die Loslösung und Trennung des Jungen oder sogar durch seine Anwesenheit in der Familie bedroht fühlen. Und das ist in vielen Fällen berichtet worden. Der Vater könnte seine eigene Feindseligkeit und Rivalität, die er mit seinen eigenen Geschwistern und seinem eigenen Vater hatte, auf den Sohn übertragen. All das kann entweder bewusst oder unbewusst sein. Es ist sehr wichtig, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass wir niemandem die Schuld geben. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass die Eltern in den meisten, wenn nicht sogar in allen Fällen ihr Bestes gegeben haben, mit dem, was sie [an Voraussetzungen/Mitteln/Möglichkeiten] hatten. Wir versuchen also, all diese Familiendynamiken zu entwirren, sie zu verstehen und zu begreifen, wie sie uns beeinflusst haben. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Vater in seiner eigenen männlichen Identität sicher genug sein muss, um die Identitätsbildung seines Sohnes fördern zu können. Ein Vater, der sich bedroht fühlt, kann seine Unsicherheit in der entscheidenden Zeit der Geschlechtsidentitätsbildung auf seinen Sohn projizieren. Manchmal ist ein Vater vielleicht ganz in Ordnung und verhält sich seinen Söhnen gegenüber angemessen, aber wenn es um den Sohn geht, der letztendlich SSA hat, überträgt er viele seiner unreifen Bedürfnisse und sein neurotisches Verhalten auf den Sohn. So entsteht eine Art negative Dynamik. In einem gesunden Umfeld, und wir sprechen hier von einer gesunden Familiendynamik, gibt es in der Regel eine gute männliche Bindung zum Vater und zu männlichen Gleichaltrigen. Wenn es dann in der Zukunft Enttäuschungen oder Ablehnung seitens des Vaters oder anderen männlichen Kameraden im Leben des Kindes gibt, verursachen diese zwar eine Art emotionalen Schmerz, aber sie haben keinen Einfluss auf die Geschlechtsidentität. Tatsächlich lehnen viele Jungen in der kritischen Phase der Geschlechtsidentifizierung manchmal sogar den Vater ab. Aber wenn der Vater emotional belastbar und gesund ist, kann er auf das Kind zugehen und die Beziehung wiederherstellen. Die entscheidende Variable, die es dabei zu beachten gilt, ist die Fähigkeit des Vaters, wirklich „für“ seinen Sohn zu sein, auf der Seite seines Sohnes zu stehen, anstatt vom Sohn zu verlangen, dass dieser bestimmte Erwartungen erfüllt, damit der Vater ihn akzeptiert. Ein Vorwurf, den viele Männer mit SSA an ihren Vätern erheben, ist, dass der Vater emotional abwesend war, obwohl er zwar stark erscheint, aber keine Verantwortung für das Leben der Familie übernahm. Die Väter vieler Männer mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen werden oft als distanziert, hilflos und ausweichend beschrieben, und als unbeteiligt an Familienangelegenheiten, außer um zu kritisieren und negativ zu sein. Die Beschämung durch den Vater kann entweder aktiv in Form von expliziten körperlichen oder emotionalen Misshandlungen, Beschimpfungen, Verachtung sein, oder passiv, indem er das Kind einfach ignoriert und vernachlässigt, d. h., dass der Junge die Botschaft „Ich bin unwichtig“ verinnerlicht. In diesem speziellen Fall schadet die Interaktion des Vaters eher dadurch, dass er nichts tut, als dass er etwas tut. Wenn der Vater also Gleichgültigkeit zeigt und nicht auf das Bedürfnis des Jungen nach väterlicher Bestätigung eingeht, wird das zu einem Problem. Die unvollständige und unvorhersehbare oder wenig begeisterte Reaktion des Vaters auf den Jungen entspricht nicht dem Bedürfnis des Jungen nach männlicher Bindung. Jetzt ist ein günstiges Szenario, wenn der Vater die Reaktion des Jungen wahrnimmt und ihn dann davor bewahrt. Wenn er [der Vater] bemerkt, dass der Junge [sein Sohn] all diese Scham verinnerlicht hat. [Wenn er sich denkt:] „Nein, ich werde eingreifen und meinen Sohn retten.“ Aber wenn der Vater diese Bedürfnisse, diese Bindungsbedürfnisse, mehrfach nicht wahrnimmt, wird der Junge den Wunsch nach Bindung an den Vater aufgeben und die Botschaft „Ich bin unwürdig“ verinnerlichen, was dazu führt, dass er sich wieder an die Mutter bindet. Joseph Nicolosi erwähnt etwas sehr Wichtiges:

Auf meiner Suche nach der besonderen Eigenschaft der Vater-Sohn-Bindung, die für die Entwicklung der männlichen Identität des Jungen von grundlegender Bedeutung ist, bin ich auf etwas gestoßen, das ich ,geteilte Freude‘ nenne. Ich bin überzeugt, dass die gesunde Entwicklung der männlichen Identifizierung von diesem Phänomen abhängt. Dieser besondere emotionale Austausch sollte zwischen dem Jungen und seinem Vater stattfinden. Auch wenn eine Vaterfigur oder ein Großvater diesen Zweck erfüllen kann, wenn kein Vater vorhanden ist. Es handelt sich dabei nicht um ein einmaliges Ereignis oder eine einmalige Begebenheit, sondern es sollte die Beziehung prägen.

Mit anderen Worten meint er: Es geht um Aktivitäten, die sowohl Vater als auch Kind gemeinsam genießen. Vater und Sohn teilen den Spaß und die Freude über den Erfolg des Jungen, deshalb nennt er es „geteilte Freude“. Dies geschieht meist im Rahmen einer körperlichen Aktivität, bei der es um Erfolg oder Misserfolg geht. Der Junge hat zunächst diese Angst vor Risiko, vor der Gefahr und dem Abenteuer, aber mit der richtigen Ermutigung und Anleitung durch den Vater hat das Kind Erfolg und fühlt sich gut dabei. Diese Begeisterung wird durch das Risiko zu scheitern noch verstärkt. Viele Männer mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen können sich nicht daran erinnern, dass ihr Vater sich generell über ihre Tätigkeiten, ihre Leistungen oder ihre Erfolge gefreut hat. Bei den meisten Männern ohne SSA, also Männern mit gegengeschlechtlichen Anziehungen, erinnern sich viele von ihnen an gemeinsame Aktivitäten mit ihren Vätern, die mit dieser Möglichkeit des Scheiterns, der Verletzung, der Angst oder der Gefahr verbunden waren. Wir sehen also, dass diese Interaktion – diese Vater-Mutter-Sohn-Interaktion – sehr wichtig ist. Und sie ist ein Beispiel dafür, wie Mütter und Väter sich auf unterschiedliche Weise um ihren Sohn kümmern. Mütter kümmern sich um das Kind und schützen es vor Schaden, während Väter ihre Söhne zum Spielen auffordern. Oft beinhaltet das Spiel waghalsige und sogar scheinbar gefährliche Aktivitäten, die aber für die richtige Entwicklung des Kindes und seine männliche Identifizierung notwendig sind. Ein sehr schönes Beispiel, das wir fast alle schon einmal beobachtet haben, ist, wenn der junge Vater seinen kleinen Sohn in die Luft wirft und ihn dann auffängt. Wer dieses Ritual sozusagen beobachtet, wird feststellen, dass der Vater lacht, während der Sohn anfangs sehr ängstlich aussieht. Aber dann fängt schon bald der Junge an, [selbst] zu lachen. Warum? Weil Papa lacht. Der Junge hat eine wichtige Lektion gelernt, die ältere Männer jüngeren Männern beibringen, nämlich: Gefahr kann auch Spaß machen. Noch wichtiger ist, dass der Junge in diesem Moment eine weitere Lektion lernt, nämlich dass er Papa vertrauen soll. Papa wird mich auffangen. Und durch diese frühe Beziehung lernt er, auch anderen Männern zu vertrauen.

Die triadische Familiendynamik

Waheed: Wie können wir jetzt all das, was wir bisher gelernt haben, in einem [einzigen] Modell zusammenfassen? [Es ist] Das, was Joseph Nicolosi als „triadische“ oder „triadische/narzisstische Familiendynamik“ beschreibt, und wir werden beides besprechen. Das System identifiziert die übermäßig involvierte Mutter und den kritischen oder distanzierten Vater. Und dieses Modell legt den Grundstein für ein Defizit in der Geschlechtsidentität, insbesondere bei einem Jungen, der charakterlich sensibel ist. Um es kurz zusammenzufassen: Der Vater wird vom Jungen als feindselige, emotional distanzierte Person erlebt, oder als beides, er ist nicht salient. Ihm fehlen die salienten Eigenschaften, stark und gleichzeitig wohlwollend zu sein. Und der Junge erlebt den Vater als unsicheres, unwürdiges Objekt der Identifizierung. Das gilt für die Seite des Vaters. Was ist mit der Seite der Mutter? Normalerweise wird die Mutter als jemand beschrieben, der sich zu sehr einmischt, manchmal aufdringlich, manchmal besitzergreifend und kontrollierend ist, dass die Beziehung zwischen dem Sohn und der Mutter den Vater ausschließt. Viele Männer mit SSA beschreiben die Beziehung zu ihrer Mutter als etwas ganz Besonderes und Inniges:

Meine Mutter und ich waren Seelenverwandte und Vertraute.

Die Mutter vertraut dem Sohn ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse an und erzählt ihm von ihrer langwierigen Unzufriedenheit mit dem Vater. Und sowohl Mutter als auch Sohn erleben den Vater als emotional eingeschränkt oder nicht zugänglich. Oftmals sieht der Junge den Vater durch die Augen der Mutter. Sie tauschen ihre gegenseitigen Beschwerden über die Einschränkungen des Vaters oder Ehemanns aus. Diese von der Mutter geäußerte Kritik legt den Grundstein dafür, dass der Sohn ein negatives Bild von Männern und damit auch von Männlichkeit im Allgemeinen entwickelt. Männlichkeit wird als „geheimnisvoll“ angesehen, als etwas, das „anders ist als ich“, als etwas, das gefährlich und unnahbar ist, oder, wie der Psychologe Daryl Bem selbst sagt, als „exotisch“, wie wir bereits in seiner Theorie Exotic Becomes Erotic festgestellt haben. Was nun den Sohn anbelangt, so ist er von Natur aus sensibel, schüchtern, passiv, introvertiert, künstlerisch, fantasievoll – all diese Beschreibungen eben. Er passt im Allgemeinen auf diese Beschreibungen. Die Mutter beschreibt ihren Sohn als intuitiver, verbaler, sanfter und perfektionistischer als ihre anderen Söhne. Während das Temperament in der Regel eine biologische Gegebenheit ist, können die anderen Eigenschaften, wie z. B. schüchtern und passiv zu sein, erworben werden und ein Symptom für eine unsichere Bindung sein. Dieses sensible und intuitive Temperament führt dazu, dass sich die Mutter irgendwie zu diesem bestimmten Sohn hingezogen fühlt, was ihn vom normalen Entwicklungspfad hin zur männlichen Identifizierung ablenkt. Was ist jetzt aber mit der Beziehung zwischen Mann und Frau? Weil der Vater seine eigenen psychologischen Einschränkungen hat, neigt er manchmal dazu, eine gewisse Distanz zur Mutter zu wahren und sie vielleicht sogar zu meiden, weil er sie als jemanden ansieht, der ihn emotional auslaugt. So wird die Ehe von einem Mangel an emotionaler Kompatibilität und minimaler Intimität geprägt. Der Vater will sich nicht auf die Mutter einlassen, weil er riskiert, sie zu verärgern und damit neue emotionale Ansprüche bei der Mutter zu wecken. Er hält dieses Gleichgewicht aufrecht, indem er ihr den sensiblen Sohn anbietet, der als „Eheersatz“ in ihrer Beziehung dient.

Geschwisterdynamik

Waheed: Was ist jetzt mit den anderen Geschwistern, falls es welche in der Familie gibt? Freud sagte, dass, wenn die Person mit homosexuellen Neigungen einen älteren Bruder hat, dieser wahrscheinlich gefürchtet und die Beziehung feindselig sein wird. Dies sind sehr häufige Muster, die im Leben von Männern mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen beobachtet werden. Der ältere Bruder hat vielleicht Anpassungsprobleme und wird von dem Kind mit SSA als einschüchternd und als Tyrann erlebt. Er könnte sozusagen der „böse Junge“ der Familie sein, während das Kind mit SSA zufällig der „gute Junge“ ist. Das ältere Kind ist vielleicht der Überflieger, dem alles leicht fällt, besonders im Sport. Aber so oder so ist das Kind mit SSA von seinem älteren Bruder eingeschüchtert und findet bei ihm wenig Unterstützung und Ermutigung. In anderen Fällen kann es manchmal vorkommen, dass Menschen mit SSA von Geschwistern desselben Geschlechts stark kritisiert und abgelehnt werden, was zu einem Gefühl der Geschlechtsidentitätslosigkeit beiträgt und das schlechte Selbstbild und Selbstwertgefühl des Jungen noch verstärkt, vor allem, wenn der Junge z. B. eine körperliche Behinderung hat oder in irgendeiner Form missbraucht wurde, sei es emotional, körperlich, geistig oder sogar sexuell. Viele Geschwister könnten die Person mit SSA als „sehr empfindlich“ kritisieren, oder die Geschwister selbst könnten von ihren Vätern geschlagen und verletzt werden und sie würden das [wiederum] an dem Bruder mit SSA auslassen. Viele Männer mit SSA berichteten, dass sie immerzu die Rolle des Familienhelden spielten, dass sie es ihren Eltern und Geschwistern immer recht machen, dass sie immer die besten Noten bekommen, aber dass sie nicht die Liebe bekommen, die sie sich so sehr wünschen. Wenn wir uns z. B. die Beziehung zwischen dem Vater und dem älteren Bruder genau ansehen, verstehen sie sich in vielen Fällen manchmal wirklich sehr gut. Sie haben gemeinsame Interessen und sind sich vielleicht sehr ähnlich. Und manchmal wird diese Beziehung von einem jüngeren, männlicheren Bruder übernommen. Ein anderes Szenario ist das von mir erwähnte, in dem es zwischen dem Vater und dem älteren Bruder viel Feindseligkeit und sogar Gewalt gibt. Aber in beiden Situationen identifiziert sich der ältere Bruder, der keine SSA hat, so sehr mit dem Vater und seiner Macht, dass er in der Lage ist, den Vater direkt zu konfrontieren und anzugreifen. Dies steht in direktem Gegensatz zum Sohn, der gleichgeschlechtliche Anziehungen hat, bei dem jede Rebellion des Sohnes eher indirekt und er emotional distanziert oder unbeteiligt ist. Viele Männer mit SSA erinnern sich an ihre Familie und sagen:

Mein Bruder war immer der Sohn meines Vaters, ich war der Sohn meiner Mutter.

Die narzisstische Familiendynamik

Waheed: Was hat jetzt Narzissmus mit all dem zu tun, denn in manchen Familien gibt es auch eine Art „narzisstische“ Familiendynamik? Das wurde bereits in mehreren Arbeiten diskutiert. Einige Familien von Männern mit SSA sind durch eine narzisstische Dynamik gekennzeichnet. Was meinen wir damit? In der narzisstischen Familie stellt die Trennungs-Individualisierungsphase [wir erinnern uns: die Separation-Individuation-Phase] des Sohnes, über die wir gesprochen haben – und nicht nur die Phase der Geschlechtsidentifizierung – irgendwie eine Bedrohung für die Investition des Elterngespanns in den Sohn als den „guten kleinen Jungen“ dar. In diesem Familienmodell, das als „elternzentriertes Modell“ bezeichnet wird, wird dem Kind sozusagen die Verantwortung oder die Last auferlegt, sich sozusagen um die emotionalen Bedürfnisse der Eltern zu kümmern, insbesondere um den Status quo – wie es heißt – zwischen dem distanzierten Vater auf der einen Seite und der übermäßig engagierten Mutter auf der anderen aufrechtzuerhalten. Der Vater und die Mutter, die auf einer Ebene sehr fürsorglich, aufmerksam, liebevoll und bewusst gutmeinend sein könnten, sehen das Kind nicht so sehr im Hinblick darauf, wer dieses Kind ist, als eigenständiges Individuum, sondern im Hinblick darauf, was für ein Gefühl dieses Kind ihnen gibt. Letztendlich haben also die Bedürfnisse dieses „narzisstischen Elternsystems“ Vorrang vor den Bedürfnissen des Kindes. Wenn wir normalerweise narzisstische Eltern beschreiben, neigen sie in der Regel dazu, ihr Leben übermäßig zu dramatisieren. Das Allerwichtigste ist, was ihnen in einem bestimmten Moment passiert. Sie wechseln von einem Drama zum nächsten, während die Kinder als passive Zuschauer oder sogar als manipulierte Teilnehmer des Geschehens irgendwie zurückbleiben. Ein Mann, der in einer solchen Familie aufgewachsen ist, drückt oft ein übermäßig schmerzhaftes Mitgefühl für seine Eltern aus, ja sogar ein intensives Gefühl der Traurigkeit und des Kummers für sie. Er wurde von klein auf darauf konditioniert, emotional in das nicht enden wollende Drama ihres Lebens verwickelt zu sein, während er sein eigenes vernachlässigt. Wenn er sie also mit seinen eigenen Problemen verärgert, reagieren sie mit Missbilligung auf ihn. Die Familienstruktur schafft also eine Art „Reversal of Affect“ [dt. Umkehrung des Affekts]4, wie es genannt wird, so dass das Kind nicht für sich selbst, sondern für seine Mutter und seinen Vater Mitleid empfindet. In dieser narzisstischen Familie dient die positive Wertschätzung der Eltern in Form von Wärme, Zuneigung und Liebe in der Regel dem Zweck, das Verhalten des Kindes zu formen. Gleichzeitig hängt die Liebe, die sie dem Kind geben oder entziehen, von den Launen, Impulsen und Gefühlen der Eltern ab. Anstatt dem Sohn ein verständnisvolles, annehmendes und unterstützendes emotionales Umfeld zu bieten, in dem er sich als Individuum entwickeln kann, versäumen es solche Eltern regelmäßig und systematisch, den Jungen als eigenständige Person mit eigenen Rechten und Bedürfnissen zu sehen. Was sie dagegen sehen, wird selektiv davon bestimmt, wie das Kind auf sie wirkt. Der Junge mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen wird oft als das Familienmitglied dargestellt, dessen unausgesprochene Rolle darin bestand, „die Familie zusammenzuhalten“ oder „Mama glücklich zu machen“. Ihm wird die Aufgabe übertragen, zu trösten und die Verantwortung für „Mamas Gefühle“ zu übernehmen, und das in vielerlei Hinsicht. Die Gefühle der Mutter sind besonders unberechenbar, wenn sie eine instabile eheliche Beziehung hat, und weil sie diese langwierige Unruhe, den Stress, die Leere und Unzufriedenheit mit sich selbst und dem Leben an sich spürt, findet sich der Junge oft in der Situation wieder, dass „ich mich um Mama kümmern muss“, „ich muss sie doch glücklich machen“, nicht? Jetzt ist es [wirklich] nicht verwunderlich, dass der Junge nicht in der Lage ist, die Mutter ständig durch das richtige Verhalten zufrieden zu stellen. Mit anderen Worten, immer nett zu sein, immer brav zu sein, rücksichtsvoll zu sein, lieb zu sein – das wird von ihm erwartet, und das geht nach hinten los, weil er nicht in der Lage ist, seine Mutter immer so zu unterstützen, wie er meint, dass sie unterstützt werden sollte, und das ist eine große Belastung für ihn. Dies führt dazu, dass das Kind chronisch unzufrieden mit sich selbst ist. Jede Leistung, die es erbringt, sei es gegenüber der Mutter oder in seinem Leben im Allgemeinen, wird nicht konsequent belohnt und scheint in seinen Augen nie genug zu sein. Und genau hier wird die Saat des Gefühls der Unzulänglichkeit mit sich selbst und mit anderen gelegt. Der Junge fängt an, seine verletzten Gefühle zu unterdrücken und vor allem staut sich die ganze Wut. Der Junge kann kein Kompetenzgefühl verinnerlichen. Er ist nach wie vor sehr verwirrt über seine wahren Bedürfnisse und seine wahre Identität. Und so beginnt er, ein falsches Selbst[bild] zu entwickeln, das durch äußerliche Nachgiebigkeit und Passivität gekennzeichnet ist. „Na schön, dann werde ich eben einfach der brave kleine Junge sein.“ Nach außen hin ist er dieser brave kleine Junge, aber er hat das Bedürfnis nach Ablenkung. Er beginnt, nach etwas zu suchen, weil dieses Nörgeln, diese innere Unzufriedenheit, dieses Gefühl der Hilflosigkeit ihn niederdrückt. Für das Kind einer solchen narzisstischen Familie ist das erlernte Hilflosigkeit, wie Nicolosi beschreibt, „eine Folge der wiederholten Kindheitserfahrung, dass ,nichts, was ich tue oder sage, einen Unterschied machen wird‘“. Auch gibt es das Beispiel der „perfekten Familie“. Viele dieser Familien haben das Bedürfnis, das perfekte Bild der perfekten Familie aufrechtzuerhalten. Ein akzeptables Auftreten ist sehr wichtig, denn es zeigt uns als begehrenswerte Menschen. Die Familie scheint also nach außen hin keine Probleme zu haben. Sie sind oft sehr religiös, gesellschaftlich konservativ, gehen regelmäßig zum Gottesdienst, scheinen gepflegt und gut erzogen zu sein. Die Kinder dieser Familien sagen später, dass sie nie die Gebrochenheit ihrer Familie, die in Wirklichkeit bestand, anerkennen durften – es gibt eine innewohnende Störung in der Familie. Stattdessen präsentierten die Eltern ein idealisiertes Bild des Familienlebens, das die Familie nicht nur nach außen projizieren, sondern auch glauben und verinnerlichen sollte [d. h. das wurde von ihnen erwartet].

Auswirkungen der narzisstischen Familiendynamik auf Kinder

Waheed: Wenn wir jetzt über diese narzisstische Familiendynamik nachdenken, hat diese viele Auswirkungen auf das Kind. Viele Kinder haben das Gefühl, emotional im Stich gelassen zu sein. Das führt dazu, dass das Kind zu einem Objekt für sich selbst wird, das ständig perfektioniert werden muss. „Ich muss an mir arbeiten, ich muss das perfekte Bild von mir sein, ich muss dieses perfekte Bild von mir zeigen.“ Das Kind befürchtet, dass es für jedes spontane Verhalten beschämt werden könnte. Daher wird diese persönliche Identität ständig überprüft. Jegliche Hoffnung einer echten Persönlichkeit, eine echte Person zu werden, wird zugunsten des Images aufgegeben. „Ich definiere mich darüber, wie andere Menschen mit mir umgehen. Alles an mir ist Werbung für ein Image: meine Wohnung, meine Kleidung, alles an mir. Ich habe dieses übersteigerte Selbstbewusstsein. Was denken sie über mich? Was denken sie von mir? Was soll ich sagen? Wie wirke ich? Wie stehe ich da? Ich bin mir die ganze Zeit bewusst, dass ich mich sozusagen durch dieses ,dritte Auge‘ beobachte.“ In der Regel berichten viele Männer mit SSA, dass sie ein ganz normales Familienleben führen, obwohl sie nicht in der Lage sind, ihre innere Wut, ihr geringes Selbstwertgefühl, ihr Gefühl der Unzulänglichkeit in Beziehungen, ihre Depressionen, ihre zynischen und pessimistischen Stimmungen, ihre Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen usw. zu fühlen und auszudrücken. Oft gibt es keine offensichtliche Vernachlässigung durch die Eltern. Dieses Gefühl der Unausgeglichenheit ist ziemlich subtil. Es ist nicht leicht zu erkennen. Die Dinge in der Familie schienen normal, aber irgendwie fühlten sie sich seltsam an.

Meine Eltern haben mich weder verbal noch körperlich misshandelt. Ich hatte immer genug zu essen, Bildung, Kleidung und Urlaub und fühlte mich immer gut umsorgt. Weil sie immer nett zu mir waren, ist es wirklich schwer, sie für die emotionale Unterstützung, die sie [mir] nicht gaben, zur Verantwortung zu ziehen.

Das ist eine recht häufige Antwort. Hinzu kommt, dass viele Kinder narzisstischer Eltern dazu neigen, nicht als das gesehen zu werden, was sie wirklich sind, sondern als ein falsches positives Selbst, das den Eltern gefällt. Daher neigen viele dieser Kinder dazu, narzisstische Charakterstrukturen oder zumindest narzisstische Züge zu entwickeln, und darüber werden wir inshaAllah in späteren Folgen ausführlich sprechen. In dieser Folge geht es [aber zunächst] darum, dass dieser Narzissmus und die narzisstischen Züge dazu führen, dass die Grenzen zwischen dem eigenen Ich und den Anderen verschwimmen und die eigenen Bedürfnisse mit den Bedürfnissen anderer Menschen verwechselt werden. Deshalb haben solche Menschen oft ein geringes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten, sich auf langfristige Ziele und Beziehungen einzulassen, und Probleme mit Belohnungsaufschub. Viele Menschen beginnen z. B. ein neues Projekt mit viel Intensität und Enthusiasmus, sind dann aber nicht in der Lage, dieses Engagement über einen längeren Zeitraum hinweg aufrechtzuerhalten. Das ist, was mit „Belohnungsaufschub-Probleme“ gemeint ist. Da diesen Menschen ein einfühlsamer Elternteil fehlt, der ihnen hilft, ihre wahren emotionalen Bedürfnisse zu erkennen und auszudrücken und ihre Stärken und Schwächen realistisch einzuschätzen, kennen sie sich selbst nicht im Innersten. Zu den weiteren narzisstischen Merkmalen gehören, unablässig an sich selbst zu denken, emotional distanziert zu sein, übermäßig besorgt um das äußere Erscheinungsbild zu sein, eine eingeschränkte Selbsteinschätzung zu haben, dazu zu tendieren, das Image über das Wesentliche zu stellen, sowie dazu zu tendieren, sich von anderen leicht verletzen und kränken zu lassen. Es gibt dieses übermäßige Bedürfnis, ständig beruhigt zu werden, und ein ständiges Bedürfnis, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Sie hegen häufig unrealistische Erwartungen an andere Menschen und bringen andere dazu, ihnen diese Besonderheit wiederzugeben [d. h. dass sich sich durch andere als etwas Besonderes fühlen]. „Andere Menschen müssen mir immer das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Ich bin mir dessen vielleicht nicht bewusst, aber viele Dinge, die ich tue, tue ich, um nach Bestätigung zu suchen oder um andere dazu zu bringen, mir zu zeigen, dass sie wissen, dass ich etwas Besonderes bin, und die Dinge können leicht nach hinten losgehen, und ich kann leicht von ihnen verletzt und beleidigt werden, weil ich sehr hohe Erwartungen an sie stelle, die niemand wirklich erfüllen kann.“ Es herrscht ein Gefühl des Anspruchs [d. h. dass man Anspruch auf etwas habe] und der Selbstbefangenheit, aber diese „Großartigkeit“ [dieses Hochgefühl], die diese Menschen empfinden, wechselt sich auch ab mit einem Gefühl der Enttäuschung [Ernüchterung] und Selbsterniedrigung. Viele Menschen mit SSA sagen, dass sie von ihren Eltern oft keine Unterstützung erhielten oder dass sie inkonsequent oder wenig glaubwürdig waren. Viele, viele Männer, mit denen ich persönlich gesprochen habe, haben mir erzählt, dass sie nie von ihrem eigenen Vater oder dem wichtigsten männlichen Vorbild in ihrem Leben umarmt wurden. Vielen wurde nicht gesagt: „Ich habe dich lieb.“ Sie sagen häufig, dass sie schwach sind, dass sie sich schwach, unmännlich und nicht liebenswert fühlen und dass sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie wirklich gesehen [sichtbar] gefühlt haben. Bei ihren Versuchen, irgendwie diese Art von doppeldeutige und unklare Akzeptanz ihrer Eltern zu verstehen, sagen viele Menschen:

Ja, ich glaube, dass ich auf gewissen Ebene geliebt wurde, aber ich weiß, dass ich nicht verstanden wurde.

Ein anderer Mann sagt vielleicht: „Ich weiß, dass meine Eltern mich lieben, aber ich habe nie wirklich erlebt, dass sie für mich da sind. Sie sagen, dass sie mich lieben, aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie mich wirklich lieben.“ Und viele, viele von uns hören diese verinnerlichte elterliche Stimme. Es gibt diese nörgelnde Stimme, die der Stimme der Eltern sehr, sehr ähnelt. „Meine Eltern haben recht. Es ist etwas Schlechtes, Schwaches oder Unwürdiges daran, dass ich ein Junge bin.“ Es gibt eine Menge verinnerlichter Scham. „Ich bin schwach. Ich bin unvollkommen. Ich bin mangelhaft. Ich bin geschädigt. Ich bin schlecht. Ich bin nicht liebenswert.“ All diese negativen Gefühle, diese giftigen Worte. Diese kritischen Bezeichnungen stehen für die Verinnerlichung einer negativen Erziehungsbotschaft. „Ich habe das alles verinnerlicht“, und aus diesen negativen Selbstannahmen entsteht eine Hinterlassenschaft von selbstzerstörerischen und maladaptiven [unangepassten] Verhaltensweisen im Erwachsenenalter. Hinzu kommt, dass es vielen Kindern in narzisstischen Familien an einem vernünftigen Anspruchsdenken mangelt. Was wollen wir damit sagen? Vielen Kindern wird das Recht auf ihre eigenen Gefühle, auf ihr eigenes Eigentum, auf ihre eigene Zeit und – im Falle von frühem sexuellem Missbrauch – auch auf ihren eigenen Körper nicht zugestanden. Im Erwachsenenalter fällt es ihnen daher sehr schwer, klare persönliche Grenzen zu ziehen. Sobald das Kind dieser Familie immer unabhängiger wird, wird es dann als was abgestempelt? „Egoistisch“, „Respektlos“, „Wie kannst du es wagen?“ In dieser aussichtslosen Lage, „Mama glücklich machen zu müssen“ und es nicht zu schaffen, die Liebe und Aufmerksamkeit seines Vaters zu erlangen, wächst der Junge mit einem Gefühl der Hilflosigkeit und des Pessimismus gegenüber dem Leben und Beziehungen im Allgemeinen auf. Als Erwachsener wird er folglich seinen Gefühlen oder seinem inneren Urteil nicht trauen, weil ihm nie beigebracht wurde, seine innere Stimme und seine inneren Eingebungen wahrzunehmen, und viele Menschen neigen dazu, sich zu „spalten“. Was meine ich mit „spalten“? Das ist sehr wichtig zu wissen, denn das ist ein Merkmal, das häufig bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung auftritt. Spaltung bedeutet, dass ich andere Menschen entweder als „vollkommen gut“ oder „vollkommen schlecht“ wahrnehme. Es gibt immer nur Schwarz oder Weiß. Die Grautöne dazwischen sehe ich nicht. Die wichtigen Beziehungen in meinem Leben sehe ich also in Form von absoluten Eigenschaften. Die andere Person ist entweder großartig oder schrecklich. Entweder lieben oder hassen sie mich. Es sind immer Extreme. Das Kind dieser Familie, das wahrscheinlich selbst diese narzisstischen Züge hat, die sich unbewusst entwickelten, kann diese Zweideutigkeiten in den Nuancen [Feinheiten], die allen Beziehungen innewohnen, nicht sehen, diese Grauzonen sozusagen. Warum spaltet sich aber der Verstand? Warum ist das ein Merkmal? Weil es unbewusst geschieht, um intensive und oft überwältigende Ängste zu vermeiden, weil es ein Gefühl der Kontrolle gibt, wenn man die Dinge gänzlich positiv oder gänzlich negativ interpretiert. Doch selbst diese Schwarz-Weiß-Wahrnehmung kann sich ändern. Die andere Person kann plötzlich von „vollkommen schlecht“ zu „vollkommen gut“ werden, oder von „vollkommen gut“ zu „vollkommen schlecht“, je nachdem, was für ein Gefühl mir diese Person gibt. Der Grund dafür ist, dass die Eltern sich auf das Kind bezogen [d. h. von ihm redeten/es selbst so ansprachen], als wäre es „vollkommen gut“ oder „vollkommen schlecht“. Wenn das Kind also „vollkommen gut“ war, es ihre emotionalen Bedürfnisse befriedigte oder nach ihrer Sicht das tat, was es tun musste, waren sie ihm gegenüber liebevoll und aufmerksam. Aber sie behandelten es als „vollkommen schlecht“, indem sie kalt und abweisend waren, wenn sein Verhalten ihnen ein schlechtes Gewissen bereitete oder wenn es ihre Erwartungen nicht erfüllte. Das Kind hat diese Botschaft verinnerlicht. Die Familie beraubt das Kind daher der Erfahrung und des Verständnisses, dass alle Beziehungen unweigerlich sowohl tiefe Befriedigungen als auch tiefe Enttäuschungen enthalten werden. [Aber genau] Das ist doch die Lebensrealität, nicht? An dieser Stelle könnte man sich fragen, ob die Reaktion des Jungen eine Art Wut auf diejenigen sein sollte, die ihn beschämt haben, und Wut auf seine Eltern, und dass er selbst traurig ist. Aber für das Kind in einer solchen Familie ist es sehr wichtig zu erkennen, dass sich solche Gefühle oft umkehren. Das Kind sieht sich selbst in der Verantwortung für die Handlungen des „Beschämenden“, es ist wütend auf sich selbst, weil es seine Eltern verärgerte. „Ich bin traurig wegen meiner Eltern. Ich bin so enttäuscht von mir selbst“. In der Psychologie wird dies als unbewusste Erhaltungsmaßnahme der geliebten Person interpretiert. Freud sagte, dass das Kind versucht, die geliebte Person in gewisser Weise zu erhalten [zu schützen], indem es diese rechtmäßige Position der Ehre und Macht beibehält, aber gleichzeitig entgleist dadurch die Fähigkeit des Kindes, jegliches Versagen der Eltern wahrzunehmen und zu betrauern.

Faustregel?

Waheed: Eine Frage, die an dieser Stelle auftauchen könnte, ist: „Nicht alle Menschen hatten distanzierte oder missbräuchliche Väter. Nicht alle Männer mit SSA hatten eine herrische Mutter. Dagegen haben viele Kinder das, aber sie bekommen [trotzdem] keine SSA. Es muss eine angeborene Veranlagung geben, sensibel zu sein, aber viele sensible Kinder haben keine SSA. Wovon sprichst du also? Ist das eine Faustregel?“ Wie wir bereits zu Beginn der Folge gesagt haben, ist es ein Zusammenspiel vieler Faktoren, und selbst wenn all diese Faktoren perfekt übereinstimmen und man erwarten würde, dass ein Kind SSA hat, hängt es davon ab, wie das Kind all das wahrnimmt. Du könntest ein Kind haben, das in einer narzisstischen Familiendynamik aufwächst, in einem Haushalt mit einem missbräuchlichen Vater, mit einer herrischen Mutter, und das Kind könnte temperamentvoll und sensibel sein. Aber die Art und Weise, wie es all das wahrnimmt, unterscheidet sich deutlich von der Art und Weise, wie ein Kind mit SSA es wahrnimmt. Hinzu kommt, dass es, wie gesagt, eine Konstellation [Vereinigung] von so vielen Faktoren gibt. Es ist also nicht ein einzelner Faktor, der zur Entwicklung von SSA führt, sondern es sind eher viele Störfaktoren, die mit einem höheren Risiko verbunden sind. In dieser Folge und in der nächsten Folge versuchen wir, ein Gesamtbild zu zeichnen, ein breiteres Bild für alle, um all diese Variablen zu verstehen und wie diese zusammenpassen. Ich hoffe, dass das mit der Zeit Sinn ergibt, inshaAllah. Und wie ich schon sagte: Mit einigen Dingen kannst du dich vielleicht identifizieren, bei anderen hast du das Gefühl, dass sie keinen Sinn ergeben oder nicht auf deine Situation zutreffen – das ist völlig in Ordnung. Wie ich schon zu Beginn sagte, sind wir alle einzigartige Individuen. Die Erfahrung ist einzigartig, und keine zwei Fälle von gleichgeschlechtlichen Anziehungen werden jemals identisch sein.

In Bezug auf die Geschlechtsidentität

Waheed: Eine Frage ist: „Wie hängt das alles mit der Geschlechtsidentität zusammen?“ Nach der Definition von Stoller aus dem Jahr 1965 ist die Geschlechtsidentität der Teil unserer Identität, der sich mit Männlichkeit und Weiblichkeit befasst, und die männliche Geschlechtsidentität ist das bewusste und unbewusste Bewusstsein eines Mannes, dass er maskulin oder männlich ist. Viele Männer mit SSA haben diese Art von Defizit in diesem speziellen Aspekt ihrer Geschlechtsidentität. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Kern der Geschlechtsidentität, d. h. „Ich bin mir bewusst, dass ich ein Mann bin“. Eine Verwirrung in der zentralen Geschlechtsidentität kann zu Transsexualismus führen, aber das ist ein ganz anderes Thema. Aber für die meisten Männer mit SSA ist die zentrale Geschlechtsidentität im Sinne von „Ich bin ein Mann“, intakt, aber es bleibt das private und subjektive Gefühl, sich nicht zu 100% als Mann zu fühlen. Dieses Defizit in der männlichen Geschlechtsidentität bedeutet nicht nur, dass dieser Mann nicht in das kulturelle Bild von Männlichkeit passt. Ein Mann, der keine SSA hat, ist vielleicht sehr künstlerisch veranlagt oder mag Theater, Kunst, Kochen und alles, was als eher weiblich gilt, falls es so etwas überhaupt gibt. Auf der anderen Seite kann ein Mann mit SSA [durchaus] ein professioneller Sportler oder Ringer sein, oder was auch immer. Was ich damit sagen will, ist, dass es eine Art Unzulänglichkeit in diesem inneren Gefühl von Männlichkeit – oder Weiblichkeit, wenn es um die Frau geht – gibt. Wir werden das in der nächsten Folge näher untersuchen inshaAllah, denn Gerard Van Den Aardweg geht darauf im Detail ein, wenn er über das spricht, was er als „männlichen“ oder „weiblichen Minderwertigkeitskomplex“ bezeichnet: sich selbst als nicht zugehörig und irgendwie minderwertig gegenüber Angehörigen des gleichen Geschlechts zu sehen. Aber einige Dinge sind es wert, in dieser Folge angesprochen zu werden, da wir über das Konzept der Familiendynamik gesprochen haben, und ich möchte an dieser Stelle Joseph Nicolosi zitieren, der sagte:

Das Geschlechtsidentitätsdefizit ist ein inneres, privates Gefühl der Unvollständigkeit oder Unzulänglichkeit in Bezug auf die eigene Männlichkeit, und das zeigt sich nicht immer in expliziten, femininen Eigenschaften. Einige äußerlich maskuline homosexuelle Männer haben ihr äußeres Erscheinungsbild sorgfältig kultiviert, um sich gegen innere Ängste vor männlicher Unzulänglichkeit zu wappnen. Diese Art der Überkompensation ist manchmal in , ,Lederbars‘5 [bzw. Lederszene i. A.] zu beobachten, wo die Scharade der Männlichkeit Männer in Motorradjacken, Cowboy-Outfits, Militärpolizeiuniformen und anderen Karikaturen der Männlichkeit umfasst.

Van Den Aardweg sagt im Wesentlichen, dass „schlechte Beziehungen zu gleichgeschlechtlichen Eltern, die oft mit ungesunden Bindungen zu Eltern des anderen Geschlechts einhergehen, insbesondere für Männer mit SSA, häufige Kindheitserfahrungen für homosexuelle Personen sind. Sie sind keineswegs ein universelles Phänomen“, laut ihm. So hatten einige Männer mit SSA gute Beziehungen zu ihrem Vater, fühlten sich von ihm geliebt und geschätzt, und einige Frauen mit SSA hatten gute Beziehungen zu ihrer Mutter. Aber auch solche weitgehend positiven Beziehungen können bei der Entwicklung von Homosexualität eine Rolle spielen. So nennt er das Beispiel eines jungen Mannes mit SSA, der sich leicht feminin verhält und hauptsächlich von seinem liebevollen und wertschätzenden Vater erzogen wurde. Er erinnert sich, dass er als Kind nach der Schule so schnell wie möglich nach Hause wollte, weil er sich dort [in der Schule] unwohl fühlte und mit seinen Mitschülern nicht zurechtkam, und schlechte Beziehungen zu Altersgenossen sind ein sehr wichtiger Punkt, über den wir in der nächsten Folge sprechen werden inshaAllah. In diesem Beispiel bedeutete „Zuhause“ folglich für das Kind also nicht, wie man erwarten würde, bei der Mutter zu sein, sondern beim Vater, den es als seinen Lieblingselternteil sah und bei dem es sich beschützt fühlte. Und in diesem Fall war der Vater nicht der schwache Elternteil, mit dem er sich nicht hätte identifizieren können; im Gegenteil, die Mutter war in diesem Fall der schwache und schüchterne Charakter, die in der Kindheit dieses Jungen keine große Rolle spielte. Sein Vater war ein männlicher, aggressiver Typ, den er bewunderte, aber der wichtige Punkt scheint gewesen zu sein, dass dieser Vater dem Kind die Rolle eines Mädchens, sozusagen eines „Schwächlings“, auferlegte, als ob es keine Kraft hätte, sich in der Welt zu verteidigen. Der Vater dominierte das Kind gewissermaßen auf eine freundliche Art und Weise, so dass er ihm wirklich nahe war. Die Haltung des Vaters hat im Kind das Bild eines wehrlosen und hilflosen Menschen geschaffen oder irgendwie dazu beigetragen, statt dass es sich als stark und männlich sieht. Als Erwachsener klammerte sich dieser Mann an seine väterlichen Freunde, um Unterstützung zu bekommen. Jegliche erotische Interessen seinerseits konzentrierten sich auf junge Männer, nicht auf ältere väterliche Typen, wie man es erwarten würde. Es gibt auch ein anderes Beispiel für einen scheinbar maskulinen Mann mit SSA im Alter von, sagen wir mal, 45 Jahren, der in seiner Kindheit nicht das geringste Problem in der Beziehung zu seinem Vater feststellen konnte. Sein Vater war immer sein Freund, sein Sporttrainer und ein gutes männliches Vorbild in seinen beruflichen und sozialen Beziehungen. Warum also konnte er sich nicht mit der Männlichkeit seines Vaters identifizieren? Auch hier lag das Problem bei der Mutter. Sie war stolz und unzufrieden mit den sozialen Errungenschaften des Vaters. Sie war intelligenter und stammte aus einer höheren sozialen Schicht als ihr Mann, der ein Arbeiter war. Sie demütigte ihn oft mit scharfer Kritik und der Sohn hatte immer Mitleid mit dem Vater. Er identifizierte sich zwar mit dem Vater, aber nicht mit seinem männlichen Verhalten, denn die Mutter hatte ihm immer beigebracht, dass er sich von seinem Vater unterscheidet. Und er war der Liebling seiner Mutter. Also sollte er derjenige sein, der sie für ihre Enttäuschung über ihren Mann entschädigen würde. Erinnert euch, dass wir am Anfang darüber sprachen, wie die Mutter den Vater in gewisser Weise „entmannt“, indem sie hart ist und Männlichkeit als etwas Giftiges, Falsches darstellt. Das Kind verinnerlicht also dieses Bild und schätzt die Männlichkeit des Vaters nicht. In diesem Fall hat sich das Kind also trotz seiner gesunden Bindung zum Vater immer für seine eigene Männlichkeit geschämt. Und es gibt viele Männer mit homosexueller Orientierung, die die Zuneigung ihres Vaters spüren, aber den väterlichen Schutz vermissen. Ein Vater, der sich nicht in der Lage fühlte, das Leben zu meistern, lehnte sich in schwierigen Zeiten an seinen Sohn an. Diese Praxis empfand der Sohn als eine zu große Last. Er selbst wollte Unterstützung von seinem starken Vater. Die Rollen der Eltern und des Kindes scheinen in diesen Fällen also gewissermaßen vertauscht zu sein, so wie bei Frauen mit homosexuellen Neigungen, die als Mädchen das Gefühl hatten, die Mutterrolle gegenüber ihrer eigenen Mutter spielen zu müssen. Ein Mädchen in einer solchen Beziehung hätte dann das Gefühl, dass sie das nötige Verständnis ihrer Mutter für ihre eigenen normalen Probleme nicht bekommen könnte, und sie würde die Ermutigung ihrer Mutter zu ihrem weiblichen Selbstbewusstseins missen, die gerade in der Pubertät sehr wichtig ist.

Vor- und nachgeschlechtliche Homosexualität

Waheed: An diesem Punkt der Folge lohnt es sich, über Nicolosis Konzept „vor- und nachgeschlechtlich homosexuell“ zu sprechen, wie er es nennt. Das Modell der Homosexualität, das wir bisher erklärt und diskutiert haben, besteht im Wesentlichen darin, dass die Phase der Geschlechtsidentität im Alter von 1,5 bis 3 Jahren nicht abgeschloßen [bewältigt] wird. Wenn das gelingt, identifiziert sich der Junge i. d. R. nicht mehr mit der Mutter und identifiziert sich fest mit dem Vater. Das trifft auf die meisten Männer mit SSA zu, die Nicolosi seit Jahrzehnten in seiner eigenen Praxis behandelt. Er sagt jedoch, dass 20% der Männer, die er begleitet hat, ein deutlich anderes klinisches Bild aufweisen. Er nennt sie „pre-gender“ [vorgeschlechtlich] und „post-gender“ [nachgeschlechtlich], was in etwa dem entspricht, was in der psychoanalytischen Literatur als „prä-ödipal“ und „post-ödipal“ bezeichnet wird. Der Gedanke dahinter ist, dass das Entwicklungstrauma, das Hauptproblem, erst später im Leben des Kindes auftrat und ein breiteres Spektrum an Einflüssen mit sich brachte – vor allem Schäden am Ich [am Ego], die während der „Latenzzeit“, also zwischen dem 5. und 12. Lebensjahr, entstanden sind. In diesem Fall postuliert er also, dass dieser Post-Gender-Typ die Phase der Geschlechtsidentität erfolgreich abgeschlossen hat, aber später eine andere Form von Trauma erlebte, für die das homoerotische Verlangen als eine Art Affektregulator konditioniert wurde. Was ist damit gemeint? Diese Männer präsentieren sich typischerweise als „heterosexuell“, sie haben männliche Eigenschaften, zeigen keinerlei feminines Verhalten, aber in ihrem Inneren spüren sie dieses beunruhigende Bedürfnis nach männlicher Zuneigung. Dieser Mann mag eine ausgeprägte sexuelle Anziehungskraft zu Frauen haben, aber er hat wenig oder keinerlei Interesse an einer weiblichen Freundschaft. Er ist sozusagen nur daran interessiert, mit „den Jungs“ zusammen zu sein, und verhält sich deshalb wie ein Junge, der in der Zeit zwischen dem 5. und 12. Lebensjahr gefangen ist. Er zeigt zwar irgendwie die Fähigkeit, einigermaßen gute Beziehungen zu Heteromännern aufzubauen, hat aber nicht das Gefühl, dass er mit ihnen offen über seine homosexuelle Anziehung sprechen kann. Normalerweise scheint dieses Trauma, das bei diesem Post-Gender-Typ aufgetreten ist, von einem älteren Bruder oder dem Vater oder von grausamen und hänselnden Altersgenossen in der Schule oder von sexuellem Missbrauch oder von einer sehr durcheinander geratenen [desorganisierenden] Mutter verursacht worden zu sein, die ihn verrückt macht, die ein Gefühl von Angst und Wut hervorruft, das der Mann nun gegenüber allen Frauen verspürt und ihn davon abhält, richtige Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Diese Männer scheinen also ganz normale Kerle zu sein, aber sie haben eine ausgeprägte Unsicherheit in Bezug auf ihre eigene Männlichkeit. Es ist nicht der Wunsch nach den männlichen Eigenschaften des anderen, der diese gleichgeschlechtliche Anziehungskraft bei dieser Person auslöst, sondern im Grunde ist es so, dass der Mann versucht, die angstmindernde Rückversicherung männlicher Unterstützung und Trost gegen seine innere Unsicherheit zu suchen. Bei diesem Typus gibt es also keinen wirklich tiefen Groll gegen den Vater. Es gibt kein tiefes Gefühl des Schmerzes und der Trauer über den Vater. Dennoch sieht der Mann den Vater typischerweise als schwach oder nicht stark genug an, um ihn z. B. gegen einen misshandelnden älteren Bruder, seine grausamen Mitschüler oder die Mutter, die ihn in den Wahnsinn treibt, zu verteidigen. Der Vater war gut genug für die Bindung, aber er konnte den Sohn in der Latenzzeit nicht vor wiederholten Traumata bewahren. Manchmal wiederholen sich diese früheren missbräuchlichen Beziehungen in den homosexuellen Fantasien und in der Art der Beziehung, die er mit einem Partner anstrebt. Es ist jedoch weniger wahrscheinlich, dass diese Person eine Abhängigkeit von z. B. schwuler Pornografie entwickelt, da das Bild des männlichen Körpers allein nicht so sexuell anziehend ist. Vielmehr sucht er nach männlicher Bestätigung, manchmal von einem jugendlichen, sanften, jungenhaften, passiven und manchmal sogar eher verweiblichten Mann. Das Bild, das diese Person von einem Partner sucht, ist also nicht dieser idealisierte Männertyp [Männerbild], den sich die meisten Männer mit SSA wünschen, sondern eher ein Mann, der ihr eigenes verlorenes, unschuldiges, jüngeres Selbst repräsentiert.

Über abwehrende Distanziertheit

Waheed: Lasst uns nun ein bisschen über das Konzept der „abwehrenden Distanziertheit“ sprechen und darüber, wie das Kind auf all das reagiert, was wir in dieser Folge besprochen haben, was sehr wichtig ist. Und das ist eine Art universelles Phänomen. Wenn der Junge ständig versucht, sich an den Vater zu binden, aber all diese Versuche ignoriert oder zurückgewiesen werden und er sich durch die fehlende Bestätigung des Vaters frustriert fühlt, wird der Junge normalerweise zu einer natürlichen Strategie übergehen, die alle Kinder in diesem Alter anwenden, wenn sie frustriert sind. Und was tun Kinder dann? Sie protestieren irgendwie, oder? Das tun sie auf alle möglichen Arten: weinen, fordern, jede Art von störendem Verhalten. Was passiert jetzt, wenn die Familiendynamik bereits ungesund ist? All diese Proteste des Kindes werden ignoriert und in manchen Fällen sogar bestraft. Dadurch lernt das Kind, dass es mit direktem Protest nichts erreicht. Im Gegenteil, das macht alles nur noch schlimmer. Wenn die Eltern nicht auf den Protest des Jungen reagieren, wird er in einen Zustand der Hilflosigkeit verfallen und schließlich aufgeben. Daraus wird verinnerlicht, dass „es für mich keine andere Alternative gibt, als mich zurückzuziehen und zu meiner Mutter zu gehen und ein Gefühl der Schwäche, des Scheiterns, der Depression und des Opferseins in sich zu tragen.“ Unterbewusst wird dies zu einer Art Schutz vor zukünftigem Schmerz. Er distanziert sich defensiv [abwehrend] vom Vater und diese letzte selbstschützende Haltung, die er eingenommen hat, besagt im Grunde: „Nie wieder.“ Sie besagt: „Ich lehne dich und das, was du repräsentierst, nämlich deine Männlichkeit, ab“. In der späteren Kindheit wird das Kind seine Wut indirekt zum Ausdruck bringen, indem es den Vater ignoriert und leugnet, dass er in der Familie eine Rolle spielt. Diese Art von Verhalten, diese abwehrende Distanziertheit, wie sie genannt wird, ist ein Akt der Verteidigung gegen künftige Enttäuschungen und Schmerzen, indem man sich von der männlichen Figur distanziert [loslöst] – das wird besonders während der Latenzzeit wichtig, also zwischen dem 5. und 12. Lebensjahr. Das Kind wird ängstlich und vorsichtig im Umgang mit anderen Jungen in seinem Alter und bleibt in der Nähe seiner Mutter, vielleicht auch der Großmutter, Tanten oder älteren Schwestern. Er wird zum „Küchenfensterjungen“, das ist ein häufig zitiertes Beispiel. Stell dir einen Jungen vor, der durch das Küchenfenster hinausschaut und andere Jungen beim Spielen beobachtet. Er schaut hinaus und sieht, wie Gleichaltrige [miteinander] spielen, manchmal aggressiv, was ihm gefährlich erscheint. Er fühlt sich von den anderen Jungen angezogen, aber gleichzeitig hat er auch Angst vor dem, was sie tun. Diese Art der abwehrenden Distanziertheit isoliert ihn emotional von anderen Männern und von seiner eigenen Männlichkeit. „Frauen sind mir daher vertraut, aber Männer sind geheimnisvoll.“ Wenn die sexuellen Bedürfnisse in der Pubertät auftauchen und in der frühen Jugend zum Ausdruck kommen wollen, ist es verständlich, dass sich die sexuellen Interessen eines jungen Mannes von dem, was ihm vertraut ist, nämlich dem Weiblichen, wegbewegen und sich auf etwas Unnahbares, nämlich das Männliche, richten. Wir sexualisieren also nicht das, was uns vertraut ist, sondern wir werden von dem angezogen, was „anders ist als ich“. Dies ist eine weitere schädliche Lektion, die ein Junge bis ins Erwachsenenalter mitnimmt. Da er bereits gelernt hat, dass es nichts bringt, sich direkt durchzusetzen, zumindest gegenüber anderen Männern, „werde ich mich gegenüber meinen männlichen Altersgenossen immer als passiv und schwach empfinden.“ Der genaue Zeitpunkt dieser Übergangsphase hängt von der emotionalen Entwicklung und der sexuellen Erfahrung des Jungen ab. Wann findet diese Verschiebung in Richtung Erotik und Sexualität statt? Bei den meisten Jungen geschieht dies um die Pubertät herum, also zwischen 13 und 15 Jahren. In dieser Phase nehmen all diese unerfüllten Bedürfnisse nach Zuneigung, Bestätigung und Identifizierung einen intensiven sexuellen Aspekt an. Während der „erotischen Übergangsphase“, wie sie genannt wird, entwickelt der Junge wahrscheinlich ein intensives Interesse an einem anderen Jungen, oft einem älteren Jungen, der die Eigenschaften zu besitzen scheint, die er bewundert. Das kann ein Junge sein, der besonders gut in Sport ist, der sehr freundlich, aufgeschlossen oder besonders gut aussehend und selbstbewusst ist. Am Anfang entwickelt er eine Verliebtheit in diesen Jungen, die anfangs noch nicht sexueller Natur ist. Aber später, in der Übergangsphase, wird diese Bewunderung erotisiert, sie wird sexuell. Und die Aussagen so vieler Männer beweisen, dass diese unbefriedigten emotionalen Bedürfnisse und Bedürfnisse nach Zuneigung die Grundlage für spätere homosexuelle Anziehungen sind. Viele Männer erinnern sich, dass ihr erster gleichgeschlechtlicher Körperkontakt im Wesentlichen aus Küssen und Umarmen bestand, „nur um die Leere in uns zu füllen“. Aber mit der Zeit wird dieses Bedürfnis nach romantischem, zärtlichem Kontakt durch spezifisch erotische Wünsche ersetzt. Wie Nicolosi sagt:

Wenn kein Elternteil den Jungen aus seiner dissoziativen [distanzierenden] Abwehr heraus wieder einbezieht, wird der Grundstein für einen lebenslangen, auf Scham basierenden Beziehungsstil und ein allgegenwärtiges Gefühl, nicht dazuzugehören und sich nicht wirklich geliebt zu fühlen, gelegt.

Dieses Gefühl der Distanziertheit kann in unserem Unterbewusstsein verankert sein. Deshalb sagen viele von uns: „Ich habe mich schon immer so gefühlt, seit ich ein kleines Kind war“, denn 90% unseres Gehirns entwickeln sich, wenn wir drei Jahre alt sind. Viele von uns bemerken diese Dinge also gar nicht. Sie sind bereits geschehen, wenn wir uns dessen bewusst sind, was um uns herum geschieht und wir uns mit der Welt auseinandersetzen. Wie Richard Cohen in seinem Buch Coming Out Straight: Understanding Same-Sex Attractions sagt:

Je größer die Distanziertheit von den Gefühlen, Gedanken und Bedürfnissen in der Gegenwart und je größer die Distanziertheit von den ungeklärten Wunden und unerfüllten Bedürfnissen der Vergangenheit ist, desto größer oder intensiver wird das Verlangen nach homosexuellen Beziehungen sein. Je mehr eine Person sich ihrer Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse in den gegenwärtigen Beziehungen nicht bewusst ist, desto stärker ist das Bedürfnis und die Energie, sich auf homosexuelles Verhalten einzulassen oder darüber zu fantasieren. Sex wird dann zu einem Weg zurück zum Körper und zur Seele, entweder durch Selbstbefriedigung oder durch Sex mit einer anderen Person. Er versucht, sein verlorenes Selbst oder seine dissoziierten [distanzierten] Teile wiederzufinden. Das Streben nach Sex oder die zwanghafte Selbstbefriedigung sind also ein Versuch, das zerbrochene Selbst wiederherzustellen. Das Frustrierende daran ist, dass das nie funktioniert!

Das Konzept des Reparativtriebs

Waheed: In diesem letzten Abschnitt der Folge möchte ich kurz auf das Konzept des „Reparativtriebs“ [Wiederherstellungstriebs/Wiedergutmachungstrieb] eingehen, das die Grundlage für das bildet, was heute als „Reparativtherapie“ bezeichnet wird. Viele Menschen denken, dass „reparativ“ in diesem Fall bedeutet, dass man versucht, eine beschädigte oder gebrochene Person zu „reparieren“. Das ist aber nicht gemeint. Der Reparativtrieb ist die natürliche Neigung, die wir haben, wenn wir gleichgeschlechtliche Anziehungskräfte verspüren. Lasst mich versuchen, das zu erklären. Homosexualität wird seit langem als Versuch erklärt, ein Defizit in der eigenen männlichen Identität zu „reparieren“. Diese Theorie ist nicht neu. Sie hat in der psychoanalytischen Literatur sogar eine lange Tradition. Zwar lässt sich nicht jede Homosexualität mit einem Reparativtrieb erklären, aber für die meisten Männer mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen ist dies ein bedeutendes Motiv. Wenn ein Mann mit gleichgeschlechtlichen Anziehungen einem anderen Mann begegnet, der so ist, wie er selbst gerne wäre, wird er ihn wahrscheinlich idealisieren und diese Beziehung [zu ihm] romantisieren. Es scheint offensichtlich, dass einige Männer mit SSA – ich zitiere hier Nicolosi – „Menschen als Sexobjekte wählen, die körperliche oder persönliche Eigenschaften oder beides davon haben, bei denen sie sich selbst unzulänglich fühlen. Die Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem, was man ist, gemessen an den verinnerlichten Standards, wie man gerne wäre, kann eine der Hauptursachen für homosexuelle Gefühle und Verhaltensweisen sein.“ Carl Jung, ein früher Pionier der Psychoanalyse, fasst die Essenz der Reparativtriebtheorie in seiner Beschreibung des homosexuellen Zustands zusammen, die Jacobi 1969 wie folgt umschreibt:

Homosexualität ist ein verdrängtes, undifferenziertes Element der Männlichkeit im Mann, das nicht aus den Tiefen seiner eigenen Psyche heraus entwickelt, sondern auf einer biologischen Ebene durch ,Verschmelzung‘ mit einem anderen Mann ersucht wird. Es ist ein unbewusster Versuch, ein Defizit zu kompensieren. Der Mann mit SSA versucht, die unbefriedigten gleichgeschlechtlichen affektiven Bedürfnisse [die drei ,A’s‘ bzw. Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anerkennung] und Defizite bei der Geschlechtsidentifizierung durch dieses homoerotische Verhalten zu beheben.

Der Reparativtrieb ist also die Sehnsucht, das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anerkennung von einer stark maskulinisierte Fantasiefigur, um sich aus der Dunkelheit der uns bekannten Grauzone zu retten. Homosexuelle Handlungen lindern vorübergehend die stressigen Selbstzustände, vor allem den Zustand der Scham, in dem wir uns befinden. Und danach, nach der homosexuellen Umsetzung [d. h. Handlung], empfinden wir oft diese depressive Stimmung der Grauzone – wir werden in einer späteren Folge ausführlich über die Grauzone sprechen inshaAllah. Um uns aus der Dunkelheit der Grauzone zu befreien, versuchen wir, die Männlichkeit eines anderen Mannes in uns aufzunehmen, sei es durch Fantasien, Masturbation oder sogar durch echten Sex. In der Psychologie wird dies als „incorporation“ [Einverleibung] bezeichnet. Ich nehme die Männlichkeit eines anderen Mannes in mich auf. Nicolosi sagt:

Homosexuelles Ausleben ist für diese Männer ein Versuch, das psychische Gleichgewicht wiederherzustellen, um die Integrität der Selbststruktur zu erhalten. Durch den Sex mit einem anderen Mann [ob wirklich oder nur vorgestellt] versuchen sie unbewusst, einen Zustand von Authentizität, Selbstbehauptung, Autonomie und Geschlechtszugehörigkeit zu erreichen. Aber sie haben festgestellt, dass es ihnen nichts von alledem bringt, sondern nur ein nagendes Gefühl der Unauthentizität und ein noch tieferes Gefühl der Unerfülltheit.

Abschließende Bemerkungen

Waheed: Ich möchte diese Folge mit den Worten beenden, dass ich weiß, dass es eine ziemlich lange und schwierige Folge ist, und da ich das selbst durchmache, war es ziemlich schwer [auch für mich], so würde ich sagen. Ich kann mir vorstellen, dass viele von euch, die zuhören – vor allem, wenn ihr zum ersten Mal mit diesem Thema in Berührung kommt – dass diese Inhalte sehr, sehr unangenehm und in vielerlei Hinsicht aufrüttelnd für euch sind. Es ist keine leichte Folge. Wenn diese Störung der Familie erkannt wird, ist das sehr schmerzhaft. Viele von uns sind sich dessen nicht bewusst. Und jetzt ist es, als würde eine alte Wunde aufgerissen und man ist gezwungen, diese Büchse der Pandora zu öffnen und man ist nicht sicher, was noch herauskommen wird. Aber ich möchte euch sagen, dass ihr damit nicht allein seid. Ich habe das selbst durchgemacht, und es gibt unzählige Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt, die das auch durchgemacht haben. Und was ich euch sagen möchte, und was sie [die Geschwister] euch sagen möchten, ist, dass, wenn wir diese Art von Störung in der Familie erkennen, sie nicht unbedingt die Familienbeziehung zerstören und in Bitterkeit enden muss. Sie kann sogar zur Vergebung führen. Das ist, was wir zu erreichen hoffen. Aber das ist ein Prozess und für viele von uns ist das der erste Schritt. All das zu erkennen und sich die Zeit zu nehmen, um es zu verarbeiten, ist sehr wichtig. Versuch, auf die Menschen zuzugehen, denen du vertraust und die du liebst, teile deine Sorgen und Gedanken mit anderen. Ich würde gerne von dir hören, was du denkst, was du erlebt hast. Sag mir, wie du dich in dieser Folge gefühlt hast. Du kannst dich schriftlich mitteilen, mündlich ausdrücken, ein Tagebuch führen, womit di dich wohlfühlst. Sprich mit einer Fachkraft oder einem Nahestehenden, aber steh das ja nicht alleine durch. Was ich am Ende dieser Folge noch einmal betonen möchte, ist, dass wir unsere Eltern nicht beschämen, mit dem Finger auf sie zeigen oder jemandem die Schuld zuschieben wollen. Kein Elternteil, der bei klarem Verstand ist, würde seinem Kind bewusst Schmerzen zufügen oder etwas tun, was seinem Kind schadet, wenn er wüsste, was das für sein Kind bedeutet. Ich hoffe wirklich, dass das allen klar ist. Wir sind also nicht hier, um irgendjemandem die Schuld zu geben. Im Gegenteil, der Grund, warum wir darüber sprechen, ist, dass wir diese Themen kennenlernen, darüber diskutieren und den Weg in die Zukunft ebnen wollen, inshaAllah. Einen Weg der Heilung, des Wachstums und der Liebe. Auch diese Folge war nicht einfach, und die nächsten Folgen werden diese Reise fortsetzen inshaAllah. Wir werden diese Themen weiter vertiefen und über Heilungstechniken sprechen inshaAllah. Ich wünschte, diese Reise wäre einfacher gewesen, aber ich möchte noch einmal sagen, dass wir alle für dich da sind. Bitte wende dich an uns. Ich möchte diese Folge mit einem Zitat eines Mannes mit SSA beenden, der von Dr. Joseph Nicolosi zitiert wird:

Anfangs empfand ich Wut, Groll und Verwirrung darüber, warum meine Eltern sich zu den Dingen entschieden, die sie taten. Heute verstehe ich jedoch besser, dass auch sie emotional verwundet waren und nicht geben konnten, was sie nicht hatten. Das zu erkennen hat zu einer viel authentischeren Beziehung zu ihnen geführt. Jetzt bin ich in der Lage, mehr Mitgefühl für sie zu empfinden und zu einem Ort der Vergebung und des Verständnisses vorzudringen.

Mögen wir alle diesen Punkt erreichen inshaAllah. Amin. Ich möchte euch herzlich danken, dass ihr in der heutigen Folge dabei wart. In der nächsten Folge werden wir die Diskussion über die Entstehung und die Ursachen von SSA fortsetzen. Dabei geht es vor allem um schlechte Beziehungen zu Gleichaltrigen und Körperbilder, den Männlichkeits- und Weiblichkeits-Minderwertigkeitskomplex, die Rolle von Kultur und Gesellschaft sowie das große Thema des sexuellen Missbrauchs. Wie immer könnt ihr euch all unsere Folgen auf unserer Website awaybeyondtherainbow.buzzsprout.com anhören, und ihr könnt uns auf euren Lieblings-Podcast-Apps wie Apple Podcasts, Google Podcast, Spotify, Stitcher, iHeart Radio und TuneIn Radio zuhören. Bis zum nächsten Freitag wünsche ich euch eine wunderbare Woche und freue mich darauf, bald mit euch zu sprechen. Das war Waheed Jensen in „A Way Beyond the Rainbow“, assalamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh.

  1. auch: JAMA Psychiatry, medizinische Fachzeitschrift
  2. Stichprobenverzerrung, die dadurch entsteht, dass die Teilnehmer sich aktiv bereit erklären, Teil der Stichprobe zu sein. Die Einwillung zur Teilnahme kann dabei schon ein Merkmal sein, dass die Stichprobe sich von der Grundgesamtheit unterscheidet und somit das Ergebnis verzerrt.
  3. Anmerkung ITV: Bei diesem Satz kam uns der Gedanke, dass möglicherweise eben auch letzteres aus ersterem resultiert subhanAllah. Wo keine wahrhaftigen Männer mehr sind, können Frauen eben auch nur auf sich selbst zurückgreifen. Tatsächlich ist das ja auch eine gängige Erklärung für militantischen Feminismus. Aber das sind nur Spekulationen. Die Folge zu weiblichen SSA mit wissenschaftlichen Belegen erscheint noch.
  4. Definition nach psychologydictionary.org : Ein Beispiel für die Umkehrung des Affekts ist die Metamorphose eines masochistischen Impulses in einen sadistischen Impuls, bei dem man sich selbst Schmerzen zufügt, um anderen Schmerzen zuzufügen.
  5. Bars, die von schwulen Männern besucht wird, die Leder tragen

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