Ist Religion nicht mehr zeitgemäß?

Heutzutage trifft man immer häufiger auf Menschen, die Dinge sagen wie: „Ich bin total für Spiritualität, aber nicht für Religion“, „Ich habe kein Problem mit Gott, aber ich habe ein Problem mit organisierter Religion“, „Ich kann Gott auf meine eigene Art anbeten, religiöse Rituale fühlen sich für mich unnatürlich an und sind von gestern“ usw.

Verschiedenen Umfragen zufolge scheint die Zahl dieser spirituellen oder religiösen „Niemand“, wie sie von einigen genannt werden1 auf dem Vormarsch zu sein, und nichts deutet darauf hin, dass ihre Zahl in nächster Zeit sinken wird.

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Warum wehren sich die Menschen so vehement gegen die Vorstellung einer Religion im Allgemeinen und nicht nur gegen bestimmte Religionen, die sie verabscheuen? Dafür gibt es mehrere Gründe,2 zum Beispiel:

  • Ein zunehmendes Gefühl von Autonomie: Vielen wird beigebracht, „selbst zu denken“, auch wenn das bedeutet, sich von Traditionen und Religion loszulösen. Da sich immer mehr Menschen ermutigt fühlen, ihren Glauben in Frage zu stellen, wenden sich viele ganz von Religion ab.
  • Soziale Faktoren: Einige Studien haben einen Zusammenhang zwischen folgenden Umständen festgestellt: nicht-religiöse Weltanschauungen anzunehmen sowie in eine gemischt-religiöse Familie hineingeboren zu werden3, sich selbst mit „spirituellen Niemand“ anzufreunden4, nicht-religiöse Ehepartner zu heiraten usw.
  • Politische Polarisierung: In der Vergangenheit pflegte Religion die Menschen zusammenzuführen und sie politisch zu definieren, jedoch ist das heute nicht mehr in gleichem Maße der Fall.5 Daher sehen Menschen von Religion ab und messen stattdessen den Faktoren, die zur politischen Mobilisierung beitragen, eine größere Bedeutung bei.
  • Streben nach Authentizität: Viele Menschen möchten sich nicht auf eine bestimmte Religion festlegen lassen, weil sie sich dadurch weniger authentisch und weniger „sich selbst treu“ fühlen. Stattdessen möchten sie einen Weg wählen, der sie auf persönlichen Ebene voll und ganz anspricht.
  • Ein wachsendes Misstrauen gegenüber Institutionen: In einigen Ländern, wie z. B. den Vereinigten Staaten, entspricht das Misstrauen gegenüber organisierten Religionen mit klerischen [geistlichen] Systemen dem wachsenden Trend einer allgemeinen Skepsis gegenüber Institutionen wie der Regierung, den Medien, Unternehmen usw.
  • Höhere Bildung: Manche haben behauptet, dass vermehrte Bildung dazu geführt hat, dass viele Menschen Religion als weniger relevant für ihr Leben ansehen, vor allem, wenn sie dazu neigen, Naturwissenschaften zu studieren, da der Verstand der Menschen [im Studium] so geformt wird, nicht „blindlings“ an alles zu glauben und das Übernatürliche abzulehnen.
  • Intellektuelle Neugierde: Manche Menschen fühlen sich von keiner einzigen Religion definiert und experimentieren lieber mit verschiedenen Ritualen aus einer Vielzahl von Religionen, bis sie das finden, was für sie funktioniert und mit ihrer „spirituellen Persönlichkeit“ übereinstimmt.
  • Verlagerung des Fokus auf humanistischere Konzepte: Die Aufklärung förderte bestimmte Aspekte der Religion, darunter Vorstellungen wie Moral, weltlicher Fortschritt und freier Wille, während andere wiederum verworfen wurden. Dies führte dazu, dass Rituale und der Fokus auf sein Schicksal im Jenseits als rückständig oder irrelevant angesehen wurden.
  • Egalitäre Bedenken: Viele Menschen, die von egalitären Idealen angetrieben werden, hadern mit der Idee eines klerischen Systems, das angeblich voraussetzt, dass sich die Kleriker für geistig „überlegen“ halten.

Andere Gründe umfassen die Versuchung, sich dem zunehmenden Trend zur Religionslosigkeit anzuschließen, die größere kulturelle Vielfalt, die säkulare kulturelle Prägung, die Heuchelei, die bei einigen „religiösen“ Menschen zu beobachten ist, moralische und intellektuelle Meinungsverschiedenheiten mit religiösen Lehren usw.

Ich möchte all diese Bedenken nicht von vornherein als völlig unvernünftig abtun. Zweifelsohne sind die Erfahrungen mit den Religionen von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und einige Beschwerden über bestimmte Religionen mögen berechtigt sein.

Dennoch denke ich, dass einige der angesprochenen Punkte nicht allzu ernst genommen werden sollten. Es gibt z. B. die Sorge, die Menschen mit heuchlerischen religiösen Leuten haben. Sicherlich sind aber nicht alle religiösen Leute heuchlerisch und die Religionen lehren auch nicht, so zu sein. Daher wäre es unfair, Religionen anhand einer ausgewählten Gruppe von Anhängern zu beurteilen, die sich nicht einmal streng an die Gebote ihrer eigenen Religion hält.

Nehmen wir auch „Autonomie“ und „intellektuelle Neugier“ als weitere Beispiele. Eigenständig und intellektuell neugierig zu sein und selbst zu denken, muss nicht [zwingend] dazu führen, dass wir Religion gänzlich ablehnen. Man kann ein völlig unabhängiger und wissbegieriger Mensch sein und trotzdem zu einer anderen Religion konvertieren oder gar in seiner jetzigen Religion noch sicherer werden. Nicht jeder, der an der Religion festhält, in die er hineingeboren wurde, ist unbedingt ein blinder Anhänger dieser Religion. Und auch nicht jeder, der die Religion zugunsten von nicht-religiösen Alternativen aufgibt, ist zwangsläufig ein „Freidenker“.

Außerdem bedeutet das Festhalten an einer Religion nicht, dass wir weniger authentisch und uns weniger selbst treu sind. Im Islam gibt es z. B. ein reichhaltiges und umfangreiches Angebot an Gelehrtendiskursen, die eine Vielzahl von Meinungen in den unterschiedlichsten Disziplinen anbieten, aus denen der Muslim frei wählen kann. Ein Muslim kann sich immer noch „authentisch“ fühlen, wenn er sich für eine der verschiedenen gültigen religiösen Meinungen entscheidet, die ihm zur Verfügung stehen, auch wenn er dies innerhalb des weiten Rahmen des Islam tut.

Ein religiöser Mensch, der an das Übernatürliche glaubt, ist auch nicht „unwissenschaftlich“, da die Wissenschaft als Erkenntnisinstrument auf die Beurteilung der natürlichen Welt begrenzt ist. Dies gilt ungeachtet der positiven Rolle, die Religion als Ergänzung zur Wissenschaft spielen kann.6

Welche Beschwerden man aufgrund persönlicher Erfahrungen mit der Religion auch haben mag, diese Beschwerden müssen gegen die vielen positiven Vorteile der Religion abgewogen werden. Auf einige dieser Vorteile gehen wir im Folgenden ein.

Der Nutzen von Religion

Mit Religion meine ich im Allgemeinen ein System von gemeinsamen Überzeugungen und Praktiken, die dazu dienen, spirituell zu wachsen. Dazu gehören sowohl theistische Religionen (z. B. der Islam, das Christentum usw.) als auch nicht-theistische Religionen (der Buddhismus usw.).

Einige7 haben auf verschiedene Vorteile der Religion hingewiesen, wie zum Beispiel:

  • Gesteigertes Glück und psychische Gesundheit: Mehrere Studien haben einen starken positiven Zusammenhang zwischen psychischem Wohlbefinden und Religiosität aufgezeigt. Einige der Gründe dafür sind, dass das Bekenntnis zu einer Religion Zugang zu einem großen Netzwerk sozialer Unterstützung außerhalb der Familie bietet, die psychische Gesundheit durch Optimismus für die Zukunft verbessert, den Stress der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen abnimmt usw.
  • Sozialen Zusammenhalt schaffen: Religion kann durch kollektiv geteilte Überzeugungen und Rituale soziale Einheit schaffen und aufrechterhalten.
  • Ermutigung zur Vergebung: Mehrere Gelehrte haben darauf hingewiesen, dass alle großen Weltreligionen so strukturiert sind, dass sie Vergebung stark fördern.
  • Stärkung der Familieneinheit: Einige Studien haben gezeigt, dass die Stabilität der Ehe direkt mit der Religiosität der Ehepartner zusammenhängt und ein zuverlässiger Prädiktor [Faktor zur Vorhersage] für den Erfolg der Ehe ist.
  • Soziale Regulierung: Religion kann die gesellschaftliche Durchsetzung von Moralvorstellungen ermöglichen und erleichtern.
  • Schutzimpfung“ gegen soziale Probleme: Studien haben gezeigt, dass eine verstärkte religiöse Praxis im Allgemeinen soziale Missstände wie Drogenmissbrauch, uneheliche Geburten, Selbstmord, Alkoholismus usw. verhindert.

Zu den weiteren Vorteilen gehören die Bekämpfung von Depressionen, bessere Heilungschancen bei Krankheiten, ein größeres Selbstwertgefühl usw.

Allerdings ließe sich gegen einige dieser Punkte einwenden, dass sie nicht unbedingt nur für Religion gelten (z. B. der soziale Zusammenhalt). Außerdem hängen einige dieser Vorteile stark davon ab, wie gut die betreffende Religion qualitativ ist (z. B. soziale Kontrolle). Dennoch haben diese Argumente, wenn auch mit Einschränkungen, ihre Berechtigung, wenn sie kumulativ [summierend/steigernd] dargelegt werden.

Nichtsdestotrotz behaupte ich, dass dies nicht die Hauptvorteile der Religion sind, insbesondere der theistischen Religionen. Der Hauptnutzen der Religion besteht vielmehr darin, dass sie das optimale Mittel ist, um einen spirituellen Weg zu Gott zu beschreiten.

Religion als idealer Rahmen für Spiritualität

David McPherson beschreibt Spiritualität als:

Eine lebenspraktische Orientierung, die von dem geprägt ist, was als selbstüberwindende Sinnquelle verstanden wird, und die starke normative Anforderungen beinhaltet, einschließlich der Forderung nach dem Heiligen oder Verehrungswürdigen… Spiritualität im weitesten Sinne ist also mehr als nur der Glaube an Gott oder an eine spirituelle Kraft („Schicksal“, „Bestimmung“ usw.) oder die Anerkennung von etwas Heiligem. Spiritualität erfordert Handlungen, die einen spirituellen Wandel herbeiführen und zum Ausdruck bringen, also ein Wachstum hin zu spiritueller Fülle. Wir können dies auch als einen Prozess der Heiligung (d. h. des Heiligmachens) bezeichnen, bei dem man versucht, in Gefühlen und Handlungen ein angemessenes Verhältnis zu dem zu haben, was als heilig oder verehrungswürdig angesehen wird. Mit anderen Worten: Man versucht, gottähnlicher oder tugendhafter zu werden, in Übereinstimmung mit einem spirituell geprägten Verständnis des guten Lebens.

McPherson, D. 2017. Homo Religiosus: Does Spirituality Have a Place in Neo-Aristotelian Virtue Ethics? In: McPherson, D. ed. Spirituality and the Good Life: Philosophical Approaches, Cambridge: Cambridge University Press, S. 64

Auf Grundlage der Erkenntnisse klassischer islamischer Theologen8 und zeitgenössischer westlicher Philosophen9 werde ich kurz einige Gründe dafür vorstellen, warum Spiritualität insbesondere durch die Annahme einer theistischen Religion optimal angestrebt wird.

Wir müssen bedenken, wie wichtig theologische Glaubensbekenntnisse und Lehren sind, die nicht-religiöse spirituelle Systeme i. d. R. vernachlässigen. Eine etablierte Theologie ist aus mehreren Gründen wichtig, wie z. B.:

  • Sie steigert unsere Liebe zu Gott, indem sie uns von Seinen Eigenschaften berichtet. Was wissen wir über Gott, außer dass Er unser Schöpfer ist? Genauso wie unsere Liebe zu Menschen wächst, wenn wir sie besser kennenlernen, trifft das auch auf Gott zu, wenn wir eine liebevolle und spirituelle Beziehung zu Ihm aufbauen wollen. Um Gott zu kennen, müssen wir Seine wunderbaren Eigenschaften wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Herrlichkeit usw. kennenlernen und darüber nachsinnen. Ohne eine echte Theologie, auf die wir uns beziehen können, fehlt einer solchen Bestrebung jedoch eine solide Grundlage.
  • Sie gibt uns Aufschluss über Gottes Beziehung zu uns. Sind wir Menschen Gottes Freunde, Feinde, geistige Kinder, Diener, Marionetten usw.? Sind wir einige dieser Dinge, all diese Dinge oder nichts dergleichen? Wenn wir einiges oder alles davon sind, sind wir es dann bedingt oder bedingungslos? Wo genau befindet sich der Mensch in Bezug auf seine Beziehung zu Gott? Das zu wissen ist wichtig, denn die Art der Beziehung, die wir zu Ihm haben, bestimmt zwangsläufig die Art unserer Ehrfurcht vor Ihm. Ohne theologische Lehren, die uns durch die göttliche Offenbarung vermittelt werden, können wir über die Antwort auf diese zentrale Frage nur spekulieren.
  • Sie verdeutlicht unseren Lebenssinn. Was heißt es wirklich, an Gott zu glauben? Geht es beim Glauben nur darum, Gottes Existenz kognitiv anzuerkennen oder beinhaltet er auch ein gewisses Maß an Unterwerfung unter Ihm? Will Er, dass wir Ihn anbeten, oder vergeuden Menschen, die zu Ihm beten, nur ihre Zeit? Und wer hat gesagt, dass der Sinn des Lebens unbedingt in unserer „persönlichen spirituellen Reise“ liegt? Vielleicht gibt es etwas Größeres im Leben als unser Streben nach privaten spirituellen Bestrebungen, durch die wir uns „innerlich wohler fühlen“? Wir haben nicht das Recht, uns selbst zum Schiedsrichter darüber zu machen, wer Gott ist und was Er von uns verlangt.
  • Sie lenkt unsere Anbetung und erfüllt sie mit Bedeutung. Wir beten Gott mit unserem Herzen, unserer Sprache und unseren Gliedern an. Mit unserem Herzen lieben wir Ihn und sehnen uns danach, Ihn zu sehen. Wir fürchten Ihn und sind Ihm dankbar für die Segnungen, die Er uns zuteil werden ließ. Mit unserer Sprache sprechen wir unsere Gebete, preisen Ihn und bitten Ihn, unsere Bittgebete zu erhören. Mit unseren Gliedern verneigen wir uns vor Ihm und werfen uns vor Ihm nieder, um uns Ihm zu unterwerfen. Was wir fühlen, sagen und tun, wenn wir unsere Ehrfurcht vor Gott zum Ausdruck bringen, ist eng mit unseren theologischen Überzeugungen über Ihn verbunden und wird von diesen gelenkt. Zum Beispiel wäre diese ganze Anbetung reine Zeitverschwendung, wenn sich herausstellen würde, dass dieser Gott deistisch ist.10
  • Sie gibt der Welt einen Sinn für uns. Wie wirkt Gott auf die Welt ein? Gibt es so etwas wie Schicksal? Wie viel freien Willen hat Gott uns gegeben, wenn überhaupt? Gibt es ein Leben nach dem Tod oder einen Weg zur Erlösung? Und wenn ja, ist dieses Leben eine Prüfung, bei der Gott von uns erwartet, dass wir sie geduldig ertragen, als Teil Seines umfassenden Plans für uns? Die Theologie beantwortet diese Fragen in einer Weise, wie es nicht-religiöse spirituelle Systeme nie könnten. Sie gibt uns einen Rahmen, der es uns ermöglicht, die Ereignisse dieser Welt als Teil von Gottes größerem Plan wahrzunehmen, zu verstehen und zu bewerten. Ein solches Wissen macht die Welt und das, was in ihr geschieht, für uns bedeutungsvoller und sinnvoller.
  • Sie bietet ein Mittel, um verschiedene spirituelle Praktiken zu diskutieren und zu hinterfragen. Mit unseren theologischen Überzeugungen können wir ein systematisches und kohärentes Bild davon zeichnen, was wir über Gott glauben und wie wir spirituell versuchen, eine liebevolle Beziehung zu Ihm zu erlangen. Das wiederum ermöglicht uns, mit anderen über unsere Überzeugungen zu sprechen. Es ermöglicht uns auch, scheinbar schädliche und potenziell ausbeuterische spirituelle Praktiken (z. B. Selbstgeißelung, Heilkristalle usw.), die sich manchmal in „Geheimnisse/Rätsel“ hüllen könnten, um bloß einer kritischen Bewertung zu entgehen, sorgfältig zu beurteilen.
  • Sie verschafft uns moralische Klarheit. Ist Gott ein moralisch gutes Wesen, das den Menschen moralische Vorschriften macht, die sie befolgen sollen? Weist das Universum eine moralische Ordnung auf, die von uns verlangt, dass wir unser Leben nach ihr ausrichten? Haben wir als Menschen einen eigenen moralischen Wert, der uns anderen Lebewesen wie Tieren und Insekten überlegen macht? Gibt es moralische Werte, für die es sich lohnt, diese [nach außen hin] zu zeigen und vielleicht sogar dafür zu kämpfen? Wie können wir unsere moralischen Urteile richtigstellen? Ein solider theologischer Rahmen bietet relevante Antworten auf solche kritischen Fragen.

Als Wesen ist Gott zu wichtig11 und transzendent [überweltlich/alles übersteigend], um Ihn nur impressionistisch [mit Eindrücken im Gegensatz zu Fachwissen oder Fakten] zu verstehen. Vielmehr ehrt Gott die Menschen und zeigt ihnen Seine Barmherzigkeit, indem Er durch verständliche Offenbarungen zu ihnen spricht.

Spirituelle Praktiken müssen die Entwicklung eines besseren Selbst fördern. Ihre eigentliche Aufgabe ist es, uns dabei zu helfen, uns um unsere Seele zu kümmern, indem wir sie von unseren Sünden reinigen, und nicht nur, uns dabei zu unterstützen, enorme Gefühle der Gelassenheit zu erleben und uns gut zu fühlen. Für letzteres gibt es [genauso gut] „schnelle Lösungen“ wie Beruhigungs- oder Betäubungsmittel.

Spiritualität ist nicht nur eine reduzierte [abgespeckte] Idee, die den Materialismus ablehnt, sondern ein tatsächlicher Weg, Gott Selbst zufrieden zu stellen und sich mit Ihm zu verbinden. Gott ist eine echte, inhärente Wertquelle, die es wert ist, nach einer Verbindung mit Ihm zu streben, und nur durch diese Verbindung wird unser Leben wirklich erfüllt und unser Herz findet wahre Zufriedenheit.

In ihrem Widerstand gegen „organisierte“ oder „institutionalisierte“ Religionen übersehen viele dieser „spirituellen Niemand“, dass man bei eifrigem und konsequentem Streben nach einer spirituellen Verbindung mit dem Göttlichen nicht umhin kommt zu erkennen, dass spirituelle Praktiken unweigerlich dazu neigen, routiniert und „organisiert“ zu werden. Dies geschieht, wenn sich diese Praktiken im Laufe der Zeit bewährt haben und in den Augen der Praktizierenden einen wirksamen Beitrag zur spirituellen Entwicklung zu leisten scheinen.

Sind religiöse Rituale veraltet und rückständig?

Im Islam ist Anbetung eine umfassende Lebensweise, die über Rituale hinausgeht. Ibn Taymiyyah sagte:

Anbetung (al-´Ibadah) ist ein umfassender Begriff, der alles umfasst, was Allah liebt und was Ihm gefällt – seien es Worte oder Taten, sowohl äußerlich als auch innerlich.

Ibn Taymiyyah, A. 1995. Majmu’ al-Fātawá, Qāṣim, A. ed., Medina: King Fahd Complex, vol. 10, p. 19

Ob wir also unseren Eltern gehorchen, Almosen geben, Kranke besuchen, anderen helfen, Verwandtschaftsbande knüpfen, bei unseren Geschäften ehrlich sind, uns für die Unterdrückten einsetzen, die Hungrigen speisen, die Umwelt schützen usw. – Anbetung ist jede Handlung, die Gott liebt, wenn sie mit der richtigen Absicht ausgeführt wird, Ihn zufriedenzustellen.

Dennoch sind religiöse „Rituale“ immer noch ein wesentlicher Aspekt des Gottesdienstes im Islam. Manche halten die Vorstellung von Ritualen für altertümlich, aber diese Meinung ist gelinde gesagt seltsam.

Rituale sind in gewisser Weise mit Routinen vergleichbar, aber im Gegensatz zu Routinen, die i. d. R. eher Aufgaben sind, die wir als Gewohnheiten betrachten (z. B. frühstücken, bevor man zur Schule geht, das Bett nach dem Aufwachen machen usw.), haben Rituale einen sinnvolleren Zweck. Sie sollen als wichtig angesehen und nicht nur als Aufgaben behandelt werden, die wir auf einer To-Do-Liste [starr] abhaken. Sie sind keine bloßen Gewohnheiten, sondern erfordern unsere Aufmerksamkeit und bewusste Präsenz. Wenn wir diese Rituale durchführen, sollten wir ein gewisses Maß an Absicht, Antrieb, Hingabe und Energie mitbringen. Wenn diese Rituale nicht verstanden und gewürdigt werden, verkommen sie zu lästigen Aufgaben, auf die wir lieber verzichten würden. Das Problem ist hier nicht das Ritual [an sich], sondern das Verständnis für das Ritual und die Art und Weise, wie es durchgeführt wird.

Wir befolgen Rituale in vielen unserer Lebensbereiche und wir tun dies, weil sie sehr wertvoll sind. Rituale sind z. B. sehr nützlich, um die Unternehmenskultur zu verbessern, indem sie Verbindungen und starke Gewohnheiten schaffen, das Engagement der Mitarbeiter erhöhen und Kontinuität, Einarbeitung und Schulung erleichtern.12 Die Forschung hat auch gezeigt, dass Rituale effektiv Trauer lindern, indem sie Menschen helfen, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen, Ängste zu reduzieren und das Vertrauen vor der Ausführung von Aufgaben zu stärken, indem sie Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen positiv beeinflussen.13 Wir führen auch Rituale durch, um unserem Alltag Struktur und Ordnung zu geben, um freudige Anlässe zu feiern, um geschichtlichen Ereignissen zu gedenken, um mit unserer Vergangenheit verbunden zu bleiben, um eine gemeinschaftliche Identität zu erhalten, indem wir durch gemeinsame Praktiken Bindungen aufbauen, um wichtige Ereignisse und Phasen in unserem Leben zu kennzeichnen usw.

In Anbetracht all dessen, wenn Rituale in verschiedenen Bereichen unseres Lebens so wirksam und nützlich sein können, warum ist es dann so schwer, ihre positive Kraft auch im Bereich des religiösen Kultes zu begreifen? Aus islamischer Sicht haben Muslime ausführlich über die tiefgreifenden spirituellen, physiologischen und gemeinschaftlichen Vorteile von Ritualen wie dem Gebet, dem Fasten, dem Hadsch usw. geschrieben. Um diesen Artikel kurz zu halten, werde ich hier nicht näher darauf eingehen, aber wer mehr wissen möchte, muss nur eine Google-Suche starten.

Zweifellos verlieren diese Rituale ihren Nutzen und ihre Bedeutung, wenn die Person sie gedankenlos als bloße Gewohnheit praktiziert und einfach nur die Bewegungen der Rituale durchführt – man kann jedoch nicht die Idee der Rituale selbst für die falsche Geisteshaltung einiger (oder sogar vieler) derjenigen verantwortlich machen, die sie durchführen.

Zweifellos gibt es viele schädliche Rituale, die von Menschen praktiziert werden, wie z. B. die Selbstgeißelung. Aber wäre es fair, alle Rituale zu verurteilen, nur weil es einige (oder sogar viele) schädliche Rituale gibt? Wohl sollten wir einen solchen Trugschluss vermeiden.

Kurz gesagt: An der Idee von Anbetungsritualen ist überhaupt nichts Irrationales oder Altertümliches14.

Fazit

Als Muslim, der den Islam für die einzig wahre Religion hält, verteidige ich ganz sicher nicht alle Religionen, Glaubensbekenntnisse und Praktiken, sondern nur die Idee der Religion selbst. Ich glaube nicht, dass alle Vorteile, die der Religion zugeschrieben werden, für alle Religionen gelten und von ihnen vorgelebt werden. Außerdem glaube ich, dass theistische Religionen (z. B. der Islam, das Christentum usw.) als Konzepte im Vergleich zu nicht-theistischen Religionen (z. B. dem Buddhismus) wesentlich vorteilhafter sind, vor allem wenn erstere einen viel solideren theologischen Rahmen bieten, der die Grundlage für die spirituelle Praxis bilden kann. Als Muslim würde ich sogar noch weiter gehen und behaupten, dass der Islam allen Religionen überlegen ist.

Religionen als Ganzes bieten einen viel optimaleren Kontext, in dem spirituelle Nahrung und Wachstum stattfinden können. Populäre „DIY [Tu-es-selbst]“-Spiritualität ist, wie oben beschrieben, keine richtige Spiritualität, da ihr ein kohärenter theologischer Rahmen fehlt, der sie untermauert. Die Idee der Religion bleibt relevant und wird es auch weiterhin bleiben. Diejenigen, die argumentieren, dass sie irrelevant und überholt ist, sollten ihren Standpunkt gründlich überdenken.

  1. Siehe: Hogan, M. 2019. The Rise of the „Nones“: The Next Step in the Evolution of Religion [Der Aufstieg der „Niemand“: Der nächste Schritt in der Evolution der Religion]; Anmerkung ITV: „None“ lässt sich nur schwer übersetzen, aber im Kern geht es um die sog. „Religionslosen“ bzw. solche Menschen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen.
  2. Siehe: Mercandante, L. 2020. Spiritual Struggles of Nones und ‚Spiritual but Not Religious‘ (SBNRs), Religions, 11(10), S. 513; Fuller, R.C. 2001. Spiritual, But Not Religious: Understanding Unchurched America, Oxford: Oxford University Press; Schneiders, S.M. 2003. Religion vs. Spirituality: A Contemporary Conundrum, Spiritus, 3(2), S. 163-185; und Newport, F. 2019, Why Are Americans Losing Confidence in Organized Religion? Gallup
  3. Das mag erklären, warum es muslimische Gelehrte gibt, die von solchen Ehen abraten.
  4. Dies wirft Blick auf den berühmten Hadith des Propheten Muhammed ﷺ: „Ein Mensch folgt der Religion seines Freundes; so sollte jeder überlegen, wen er sich zum Freund nimmt.“ [Sunan Abī Dāwūd und at-Tirmidhī]
  5. Ich würde argumentieren, dass wir diesen Punkt nicht verallgemeinern sollten und dass dies nur in einigen Ländern und für bestimmte Bevölkerungsgruppen in begrenztem Maße zutrifft.
  6. Siehe: Craig, W. What is the Relation between Science and Religion?
  7. Siehe: Lock, S. 2013. Happiness. In: Taliaferro, C., Harrison, V.S., & Goetz, S. ed. The Routledge Companion to Theism, New York: Routledge, S. 666-677; McCullough, M. E., Bono, G. & Root, L.M. 2005. Religion and Forgiveness. In: Paloutzian, R. F. & Park, C. L. ed. Handbook of the Psychology of Religion and Spirituality, New York: The Guilford Press, S. 394-411; Boundless Courses, The Functionalist Perspective on Religion, Available online; Fagan, P. 1996. Why Religion Matters: The Impact of Religious Practice on Social Stability, The Heritage Foundation
  8. Siehe: Al-Ghazālī, M. 1975. Maʻārij al-Quds fī Madārij Maʻrifat an-Nafs, 2. Auflage, Beirut: Dār al- Āfāq al-Jadīdah; Al-Ghazālī, M. 2003. Al-Iqtiṣād fī al-‘Itiqād, Ramaḍān, I. ed., 1. Auflage, Beirut: Dār al-Kotaiba; Al-Āmidī, S. 2004. Abkār al-Afkār fī Uṣūl ad-Dīn, al-Mahdī, A. ed., 2. Auflage, Cairo: Dār al-Kutub wal-Wathāiq al-Qawmīyyah; Al- Busnawī, K. 2007. Ishārāt al-Marām min ‘Ibārāt al-Imām Abī Hanīfah an-Nu’mān fī Uṣūl ad-Dīn, al-Mizyadī, A. ed., 1. Auflage, Beirut: Dār al-Kutub al-‘Ilmīyyah; Al-Fihrī, S. 2010. Sharḥ Ma’ālim Uṣūl ad-Dīn lil-Imām Fakhruddīn ar-Rāzī, Ḥammādī, A. ed., 1. Auflage, Amman: Dār al-Fatḥ; Al-Jawzīyyah, I. 2011. Miftāḥ Dār as- Sa’ādah wa-Manshūr Wilāyat al-‘Ilm wal-Irādah, Qāid, A. ed., 1. Auflage, Makkah: ‘Ālam al-Fawāid; An-Nasafī, M. 2011. Tabṣirat al-Adillah fī Uṣūl ad-Dīn, Īsa, M. 1. Auflage, Cairo: al-Jazīra
  9. Siehe: Schneiders, S.M. 2003. Religion vs. Spirituality: A Contemporary Conundrum, Spiritus, 3(2), S. 163-185; Cottingham, J. 2005. The Spiritual Dimension: Religion, Philosophy, and Human Value, Cambridge: Cambridge University Press; Cottingham, J. 2014. Philosophy of Religion: Towards a More Humane Approach, Cambridge: Cambridge University Press; Cottingham, J. 2017. Philosophy, Religion, and Spirituality, In: McPherson, D. ed. Spirituality and the Good Life: Philosophical Approaches, Cambridge: Cambridge University Press, S. 11-28; Cottingham, J. 2017. The Spiritual and the Sacred, In: Carroll, A. & Norman, R. ed. Religion and Atheism Beyond the Divide, New York: Routledge, S. 130-140; Park, C. L. 2005. Religion and Meaning. In: Paloutzian, R. F. & Park, C. L. ed. Handbook of the Psychology of Religion and Spirituality, New York: The Guilford Press, S. 295-314; McPherson, D., op. cit.
  10. Für eine ausführliche Kritik am Deismus, siehe: Zawadi, B. 2019, A Critique of Deism
  11. Freddie deBoer unterstreicht diesen Punkt sehr schön, wenn er sagt: „Wenn Gott existiert, dann ist das die wichtigste Tatsache in der Geschichte der Schöpfung und nichts anderes kann das [diese Tatsache] überbieten. Wenn es ein Wesen gibt, egal welcher Art, das die Realität erschaffen hat, das [wiederum] in der gesamten Realität existiert, das die physikalischen und moralischen Regeln der Realität festlegt, das über die gesamte Realität wacht, das uns alle danach beurteilt, wie fromm und moralisch wir sind, und das auf der Grundlage dieses Urteils über Lohn und Strafe entscheidet, dann ist das eindeutig die Wahrheit, die alle anderen Wahrheiten übertrumpft.“ (deBoer, F. What Became of Atheism, Part One: Wearing the Uniform)
  12. Coleman, C. 5 Powerful Ways Rituals Improve Corporate Culture, Culture Wise, Available online; Loehr, J. & Schwartz, T. 2003. The Power of Full Engagement, New York: The Free Press, S. 162-182
  13. Gino, F. & Norton, M.I. 2013, Why Rituals Work, Scientific American.
  14. Viele Menschen, die diese Einwände vorbringen, denken nicht richtig über die Bedeutung dieser Rituale nach. Bedenke den aufschlussreichen Kommentar von Dr. Jordan Peterson über Tieropfer in einem seiner öffentlichen Vorträge über die psychologische Bedeutung der biblischen Geschichten: „Das ist der Grund, warum Abraham ständig Opfer bringt. Es ist archaisch [vorsintflutlich/veraltet/altertümlich], nicht? Er verbrennt Lämmchen. Na ja, sie sind lebendig, das ist schon etwas. Und sie sind wertvoll, das ist auch etwas. Selbst wenn du als moderner Mensch darüber nachdenkst, musst du zugeben, dass der Akt des Opferns einen gewissen dramatischen Zwang ausüben kann. In eine Herde zu gehen und etwas Neugeborenes zu nehmen, ihm die Kehle durchzuschneiden, es ausbluten zu lassen und es zu verbrennen, könnte eine Möglichkeit sein, sich selbst zu zeigen, dass man es wirklich ernst mit etwas meint. Es ist nicht so offensichtlich, dass wir heutzutage Rituale solcher Ernsthaftigkeit haben. Daher ist es nicht so offensichtlich, dass es uns wirklich ernst mit überhaupt irgendetwas ist. Und das ist vielleicht gar nicht so gut. Vielleicht sollten wir nicht denken, dass diese Menschen so altertümlich, primitiv und abergläubisch waren. Es ist möglich, dass sie etwas wussten, das wir nicht wissen.“ (Peterson, J. Biblical Series IX: The Call to Abraham Transcript, Online verfügbar; Hervorhebung von mir).

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